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Mitten in der Region:Urlaubssehnsucht zum Anfassen

Es ist ja heutzutage fast alles anders als normal - aber warum steht plötzlich im Treppenhaus ein Vier-Mann-Zelt, sauber aufgestellt?

Zur Natur des Menschen gehört, dass er oder sie just das will, was unerreichbar ist. Bei Kindern im Sandspielkasten wird die Schaufel ja auch erst dann interessant, wenn ein anderes Kind mit ihr spielt. Ein wenig fängt die Vernunft diese Anwandlung mit den Jahren ein. Aber es gibt sie auch später noch, die Tantalos-Momente, bei denen man sich nach den süßen Trauben des Lebens streckt, die es sogleich ins Unerreichbare hinwegzieht. Vor allem in Zeiten des Verzichts, vor allem beim Thema Urlaub spürt man diesen Reflex aus Kindertagen. Zu allem Überdruss sieht es da coronabedingt ohnehin mager aus. Wenigstens durften die Campingplätze in Bayern zum Pfingstwochenende wieder aufmachen. Dass ein Nachbar in einem Mehrfamilienhaus die Lage allerdings zum Anlass nimmt, selbst einen Campingplatz im Treppenhaus einzurichten - da muss die soziale Isolation schon eine besondere Frucht getragen haben.

Wie selbstverständlich steht es da: ein stattliches Vier-Mann-Zelt samt Vordach. Mit Schnüren an den Treppengeländern und Türen auf Spannung gezogen. Das Vordach wie ein Portal in Richtung Treppen aufgebaut, sodass es denjenigen empfängt, der sich hinaufschleppt. Wer den Weg weiter nach oben schnaufen will, tänzelt nun, so galant es ihm eben möglich ist, an den Zeltstangen vorbei, zieht den Kopf ein und hofft, das fragile Gebilde nicht zum Einsturz zu bringen. Kurz wandern die Gedanken zu jenem Urlaub in Griechenland, bei dem man einst sein Zelt am Strand aufstellte. Plötzlich zuckt eine alte Campingregel durch den Kopf: innen immer Schuhe aus! Aber welchen unerwünschten Sand sollte man hier in den Schlafsack schaufeln?

Was recht direkt zur Frage führt, warum im Treppenhaus ein Zelt steht. Zum Trocknen scheint es nicht ausgebreitet zu sein, jedenfalls ist es nicht feucht. Eskalierte ein Ehestreit? War die Couch im Wohnzimmer nicht weit genug entfernt, um den erstrittenen Ärger auszuleben? Oder handelt es sich um die post-postmoderne Antwort auf Marcel Duchamps Urinal von 1917?

Müsste man zur Türklingel nicht einen Limbo durch das Zelt tanzen, hätte man sicher geläutet. Aber so schreibt man diese Fragen auf die Liste der Ungewissheiten, die momentan eh länger ist als sonst. Und reckt sich coronabedingt gedanklich nach den süßen Trauben des Campingurlaubs in Griechenland - hey, wer spielt da mit meiner Schaufel?

© SZ vom 02.06.2020
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