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Mitten in der Leitung:Die hohe Kunst des Buchstabierens

Richard, Anton, Emil: Stammen die Gesprächspartner eines Telefonats aus zwei Generationen, kann es ganz schön knifflig werden

Glosse von Nathalie Stenger

Weil das Thema "Generationenunterschied" nicht schon genug durchgekaut wurde und wird, folgt nun ein aktuelles Erlebnis aus dem Redaktionsalltag. Diesmal im Angebot: Buchstabieren für Anfänger - wenn die Generation Z (das Geburtsjahr der entsprechenden Person liegt zwischen 1997 und 2010) telefonieren muss.

Es ist ein simples Gespräch mit einer Stadtverwaltung aus dem Landkreis Ebersberg. Man fragte nach der Zusendung einer bestimmten Beschlussvorlage, diese sei nicht im Anhang gewesen. Kein Problem, heißt es von Seiten des Rathauses, man sende das fehlende Dokument gleich zu. An welchen Namen denn bitte? Man beginnt das Buchstabieren, N-A-T, das H nicht vergessen - da fällt die Gesprächspartnerin einem vorsichtig, aber bestimmt ins Wort und beginnt ihrerseits Worte aufzuzählen. Norbert, Anton, Theodor? Nach einem kurzen Moment der Irritation weiß man wieder, was die ganzen Namen bedeuten: Die Frau an der anderen Leitung überprüft einfach nur, ob sie alles richtig verstanden hat.

Es ist nicht so, dass man diese Art zu buchstabieren in jungen Jahren, wie die Autorin sie auf dem Buckel hat, nicht kennt, nein. Aber man nutzt sie einfach so gut wie nie! Dem Klang in der Stimme nach zu urteilen wünscht sich das auditive Gegenüber nun noch mehr Namen, verzweifelt ringt man um Einfälle, Holly, dann, ähm, ach ja, Anton, Luis, Isabel und Emma.

Schweigen in der Leitung. Merkt die andere Seite, dass man selbst überhaupt nicht mit dem System zurechtkommt? Und das war ja nur der Vorname, um Himmels willen, der Nachname kommt erst noch. Sam, Theo, Emma - langsam sind die mentalen Grenzen des Unterfangens erreicht - wieder der Norbert und so weiter. Ist da eine gewisse Belustigung durch die Leitung zu hören? Es fühlt sich fast so an, ja, man merkt schon selbst, dass die gewählten Namen auffallend modern und somit also absolut anders als die üblichen Verdächtigen sind. Nichts da mit Richard und Friedrich.

Ein paar Sätze später ist es endlich soweit: Das Gespräch ist geschafft, die Telefonierenden ebenso. Eine kurze Recherche im Anschluss erweitert das Allgemeinwissen um die Begriffe "Buchstabiertafel" und "Telefonalphabet" - so heißt das anscheinend, wenn man den Lettern Worte oder Zahlen zuordnet. Da gab es früher tatsächlich kleine Schilder in den Telefonzellen, und in den verschiedensten Sprachen! Wieder was gelernt.

Die Mail mit der Beschlussvorlage kam bisher übrigens noch nicht an. Ist wohl doch ein Buchstabe der Mailadresse auf dem Weg verloren gegangen.

© SZ vom 26.10.2020
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