Mitten in Anzing:Es hält ein Bus im Nirgendwo

Der Wilde Westen fängt gleich hinter Anzing an. Bericht eines Cowboys

Glosse von Johannes Korsche

Cowboys reiten durch die Prärie, der Einsamkeit und Stille zugewandt, der Zivilisation entsagt. Zumindest ist dieses romantische Bild in den Kopf gehämmert. Lucky Luke, Brokeback Mountain - so was eben. Und geht man neben der Mühldorfer Straße zwischen Anzing und Niederried entlang, kommt fast so etwas wie Voralpen-Cowboy-Feeling auf. Die Sonne im Nacken, von den Schuhen zieht Stallgeruch in die Nase. Nicht mal die gelegentlich vorbeiziehenden Autos und die Tatsache, das man kein Pferd reitet, bringen die Filmrollen des Kopfkinos zum Leiern. Und dann ist das Ziel erreicht: "Unterasbach, Anzing".

Hier wird nun das Lager aufgeschlagen. Fast schon wollte der Blick nach Feuerholz suchen. Ungeachtet des Schönheitsfehlers, dass sich das allein vom Anschauen nicht entzünden dürfte und man nicht sehr viel anderes damit anstellen könnte. Da biegt die Karawane gen Westen aus der Kurve. Beziehungsweise der Bus, Linie 9410, zum Münchner Max-Weber-Platz. Zumindest die richtige Himmelsrichtung, Going West, wenngleich zur Zivilisation hin. Gerade verabschiedet man sich von den Tagträumen, da fängt der Busfahrer an zu sprechen.

"Steigst du jetzt öfters hier ein?", will er wissen. So als hätte der Cowboy gerade seinen Salon zum ersten Mal betreten und sich ein Glas Milch bestellt, wie um zu zeigen: Ich gehöre nicht hierher. "Von der Haltestelle habe ich noch niemand mitgenommen", erklärt der Busfahrer seine Neugier schnell. Wann zieht er eigentlich ein Glas unter dem Lenkrad hervor, um es nebenbei mit einem verdreckten Lappen zu schmutzpolieren? "Wer weiß", hört sich der Cowboy sagen, geheimnisvoll im besten, unfreundlich im schlechtesten Fall, "ich habe einen Termin gehabt." Aha, soso. Ob man denn ein Ticket habe? Ja? Das sagen sie alle - haha. Gab es in den alten Western mal eine Ticketkontrolle zu sehen? "Zwei glorreiche Halunken mit Jahresticket", "Spiel mir das Lied von der Ticketkontrolle" oder "Vier Fäuste für ein MVV-Ticket".

Ohnehin haben es die Cowboys schwer im Münchner Umland und der Landeshauptstadt. Die letzten, die man so gesehen hat, das ist Jahrzehnte her. Dafür für die Ewigkeit auf Film gebannt, in der Helmut-Dietl-Serie "Münchner G'schichten". Der Tscharlie auf dem Pferd am Münchner Siegestor. Das hatte was. Und man selbst? Fährt im Bus auf der Autobahn in die Stadt. Spätestens in diesem Moment verströmen die Schuhe auch keinen Cowboygeruch mehr, sondern riechen einfach nur nach Kuhfladen. Das Cowboy-Sein sollte man vielleicht besser den Profis überlassen.

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