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Lena-Christ-Expertin aus München:Vom Mut, sich selbst zu erfinden

Gunna Wendt

Biografin Gunna Wendt mit einer Glonner Büste von Lena Christ.

(Foto: privat)

Viele Schüler seien fasziniert von der Radikalität, mit der Lena Christ ihr Leben gestaltet habe, erzählt deren Biografin Gunna Wendt

Unehelich im Jahr 1881 geboren, Tochter einer Köchin - für wenige standen die Chancen schlechter, das Glück zu finden, als für Lena Christ. Heute sind besonders Jugendliche fasziniert vom holprigen Lebensweg der Schriftstellerein. Die Münchner Autorin Gunna Wendt hat in ihrer Biografie "Die Glückssucherin" unter anderem die Modernität von Christ herausgearbeitet - und will diese Schülerinnen und Schülern näher bringen. Von Lena Christs Leben in Extremen und warum die Liebe ihres Großvaters sie über weite Strecken gerettet hat, erzählt hier Gunna Wendt.

SZ: Konnte Lena Christ gut mit Jugendlichen?

Gunna Wendt: Damals war die Trennung zwischen Erwachsenen und Kinder viel größer. Lena Christ war 21, als ihr Sohn geboren wurde, dann folgten die beiden Töchter. Lena Christ hatte vor allem mit dem Überleben zu kämpfen und war sehr darauf konzentriert, sich durchzusetzen. Als ihre älteste Tochter merkte, wie schlecht es der Mutter ging, hat sie fast die Rolle gewechselt und die Verantwortung für sie übernommen. Lena Christ muss man sich so vorstellen: Schon auch mütterlich, weil sie das Beste für ihre Kinder wollte, aber in erster Linie war ihr Leben so extrem, dass sie vor allem auf sich gerichtet war.

In vielen Rezensionen fällt das Wort "Kindfrau". Hat sie sich dieses Freche, Neugierige, das etwa in den "Lausdirndlgeschichten" immer wieder durchblitzt, bewahren können?

Dieses Freche ist nur eine ganz kurze Episode gewesen, als sie bei ihren Großeltern sehr behütet in Glonn aufgewachsen ist. Als sie dann als Siebenjährige zu ihrer Mutter nach München kam, um dort in der Wirtschaft mitzuhelfen, hat sie ein Martyrium erlebt und keine schöne Kindheit mehr gehabt. Sie musste versuchen, den Aggressionen der Mutter zu entkommen.

Also schnell erwachsen werden?

Und schnell rauskommen. Diese Ehe mit den drei Kindern war ja keine Liebesheirat, sondern diente eher dazu, sich aus den Verhältnissen heraus zu begeben. Allein ihren Weg zu gehen, das war damals für eine Frau unmöglich. Das endete fast immer mit Gelegenheitsprostitution, was bei Lena Christ auch der Fall war. Die Heirat war damals durch alle Gesellschaftsschichten hindurch die einzige Möglichkeit, den Verhältnissen zuhause zu entgehen.

In welcher Phase kam es so weit?

Als Lena Christ ihren Mann verlassen hat und sich allein mit ihren beiden Töchtern durchschlagen musste. Den Sohn hatte sie in die Obhut der Schwiegereltern gegeben. Ihr war wahrscheinlich nicht bewusst, dass sie ihn damit auch ganz aufgegeben hatte, aber sie hätte es nicht anders gekonnt. Zu diesem Zeitpunkt schlug sie sich mit Trockenwohnen in Haidhausen durch: Es herrschte ein Bauboom, und damit die neu errichteten Wohnungen gut trockneten, lebten zeitweise arme Leute darin. Man kann sich vorstellen, was das gesundheitlich bedeutet hat: in feuchten Räumen zu leben. In dieser Zeit reichte natürlich nichts, und Lena Christ prostituierte sich. Eine ähnliche Episode wird auch in der "Rumpelhanni" beschrieben.

Was berührt heute noch so viele Menschen am Schicksal von Lena Christ?

Was ich allgemein besonders wichtig finde, ist, dass die Beschäftigung mit Schicksalen zu anderen Zeiten ein Bewusstsein dafür erzeugt: Unsere gesellschaftlichen Verhältnisse heute sind nicht selbstverständlich. Vor allem die Rolle der Frau ist in vielen Jahren erkämpft worden. Speziell bei Lena Christ ist bemerkenswert, dass sie trotz der katastrophalen Verhältnisse, in denen sie in München gelebt hat, eine lange Zeit nicht aufgegeben hat, etwas Tolles aus ihrem Leben zu machen. Sie war nicht gebildet, das hat sie sich alles selbst angeeignet. Diesen Mut zur eigenen Lebensgeschichte und den Willen zum Glück, das hat sie nicht aufgegeben, auch in den allerschlimmsten Zeiten nicht.

Sie haben schon öfter Projekte mit Schülern zu Christ gemacht. Gibt es spezielle Aspekte, die diese interessieren?

Vor allem die Frage, woher sie diesen Mut genommen hat. Viele Jugendliche können sich diese Prügelexzesse durch die Mutter nicht mehr vorstellen, und dieses ständige Mitarbeitenmüssen. Niemand schaute, wer sie war und was sie konnte. Das bewundern die Jugendlichen oft, dass Lena Christ allem getrotzt, Widerstand entgegen gebracht hat. Natürlich wird auch manchmal das muntere, freche Kind in den "Lausdirndlgeschichten" thematisiert, aber auch ihr tragisches Ende, ihr Selbstmord auf dem Waldfriedhof.

Woher hat Lena Christ ihren Mut genommen? Weil sie von ihrer Kindheit in Glonn wusste, dass es schöner sein kann?

Ja, das spielt eine wirklich wichtige Rolle. In dieser Zeit hat sie sich entfalten können, ein sehr unreglementiertes, freies Leben führen dürfen. Der Großvater hat sie rückhaltlos geliebt. Sie hat diese Liebe einmal im Leben erfahren, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Nach der Katastrophe in der Gastwirtschaft der Mutter und des Stiefvaters und der ebenso katastrophalen Ehe hat sie dann einen Mann kennengelernt, für den sie Sekretariatsarbeiten machen sollte, damals noch Peter Jerusalem, später nannte er sich Peter Benedix. Der war fasziniert von ihrer Erzählkunst. Lena Christ brauchte immer ein Gegenüber; das war vorher der Großvater, und jetzt hatte sie - eine Zeitlang jedenfalls - diesen Mann, der auch ihr Ehemann wurde. Er hat sie darin bestärkt, Geschichtenerzählerin zu werden, ihr Talent erkannt, und das hat ihr Mut gemacht. Sie hatte dann auch sehr großen Erfolg und war eine Zeitlang eine sehr bekannte Schriftstellerin.

Die Figuren in Lena Christs Romanen sprechen oft tiefstes Bairisch. Ist das für die Schüler heute überhaupt noch lesbar?

Ich komme selbst aus Norddeutschland und habe es auch geschafft (lacht). Diese Dialoge, die Sie ansprechen, findet man vor allem in der "Rumplhanni" und den "Lausdirndlgeschichten". Aber wenn man sich "Erinnerungen einer Überflüssigen" anschaut oder "Mathias Bichler": Das ist nicht so direkt geschrieben, sondern sehr kunstvoll gestaltet, fast in einem Kunst-Bairisch. Damit haben Schüler überhaupt keine Probleme. Einmal habe ich Jugendliche gebeten, diesen Part zu übernehmen, damit es nicht so affig klingt, wenn ich mich mit dem Bairischen versuche - und die haben das mit Freuden gemacht.

Welche Fragen kommen von den Jugendlichen zu der Autorin?

Viele können nicht begreifen, wie extrem die Situation für Frauen und junge Mädchen damals war, allein was die Schulbildung anging. Wenn man von ganz unten kam wie Lena Christ, wäre es unmöglich gewesen, Lehrerin zu werden. Da muss ich öfter erklären, warum das so aussichtslos war: An vielen höheren Schulen, Universitäten waren Frauen damals noch gar nicht zugelassen. Oft sind die Schüler dann überrascht, wie sehr die heutige Situation eine erkämpfte ist.

Was beeindruckt Sie als Biografin am meisten an Lena Christ?

Über Stars sagt man heute manchmal: Der hat sich selbst erfunden. Das hat Lena Christ auch getan, sie hat sich als Schriftstellerin erfunden und auch realisiert.

Schülerinnen und Schüler sind am Montag, 22. Juni zwischen 15 und 16 Uhr eingeladen zum Online-Dialog mit Gunna Wendt zum Thema "Lena Christ und wir". Geplant sind Einführung und Austausch. Das Zoom-Meeting ist kostenlos, bitte ab 14.40 bis spätestens 15 Uhr einloggen, es ist kein Nacheinlass möglich: https://us02web.zoom.us/j/86046687454

© SZ vom 20.06.2020
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