Kunstaktion Die Dose macht das Glück

Gemeinsam mit Jugendlichen besprüht der international bekannte Künstler Daniel Man eine Wand im Skaterpark. Dabei entsteht eine bunte Linienlandschaft, die auch im Museum hängen könnte

Von Jessica Schober, Ebersberg

"Also, bisher habe ich mir eher Deo unter den Arm gesprüht", sagt Marinus Leitner lachend. "Das hier ist eine ganz neue Erfahrung für mich." Der 23-jährige Skateboardfahrer ist Vorsitzender des Rollsportvereins und malt gerade mit winkenden Armbewegungen einen Kreis in Petrolfarben aus. Die geometrische Form ist Teil eines Riesenkunstwerks, das innerhalb von drei Tagen am Skaterpark entsteht. Wie Marinus Leitner die Sprühdose richtig hält, hat er eben nicht von irgendjemandem gelernt, sondern von einem international bekannten Street-Art-Künstler. Daniel Man ist zu Gast in Ebersberg, um eine Wand gemeinsam mit den Jugendlichen zu gestalten. Und das ist ein bisschen so, als käme Banksy persönlich vorbei.

30 Spraydosen und 30 Grad im Schatten: Mehr brauchte es nicht, damit die Jugendlichen vom Rollsportverein eine gute Zeit am Skatepark hatten.

(Foto: Christian Endt)

Mit der Auftragsvergabe an Man haben der Rollsportverein, der Kunstverein und die Stadtjugendpflege einen echten Coup gelandet. Für die gut 75 Quadratmeter große Wand aus Siebdruckplatten suchten sie über eine Ausschreibung einen Künstler, es meldete sich kein Geringerer als der chinesischstämmige und in Augsburg aufgewachsene Man, der Wände auf der ganzen Welt bemalt. Er hat nun kistenweise Sprühdosen mitgebracht, die Farbtöne "rust", "peach pastel" und "coffee brown" stehen auf seinen Entwürfen skizziert. Eine groß angelegte Linienlandschaft, wilde Formen und vereinzelte Bayernrauten in gedeckten Farben lassen sich schon erkennen. Das Motiv hat Man komponiert aus "Filetstücken anderer Bilder", wie er sagt. Einen Großteil seiner Arbeit verbringt er mit der Vorbereitung am Computer. Dort experimentiert er lange in Bildbearbeitungsprogrammen, verschiebt Ebene um Ebene und legt Farbschemata an. "Das ist kein spontanes Kunstwerk", sagt Man, "dafür hat die Arbeit zu viel mit Architektur zu tun". Er habe den Ort, seine Umgebung und die Natur vorher genau studiert. Um die Jugendlichen dennoch mit einbinden zu können, hat Man an der Rampe einen Crashkurs angeboten. Ab Strichlängen von mehr als vier Metern arbeitet er mit einem Richtscheit als Lineal. Alle anderen Linien sprüht er frei aus der Hand. "Eine Dose ist kein Stift, man hat keinen direkten Kontakt zur Wand", erklärt Man. Das merkt inzwischen auch Marinus Leitner, dessen petrolfarbener Kreis sich langsam füllt. "Ich musste schon vom Zeigefinger auf den Daumen wechseln, weil mir die Hand vom Sprühknopfdrücken weh tat. Da sind Muskeln beteiligt, die man sonst vielleicht nur beim Klettern braucht", sagt Leitner und zieht sich sein wassergetränktes T-Shirt zur Kühlung über den Kopf.

Für Porträtaufnahmen mit der Sprühdose wollte Graffitikünstler Daniel Man nicht posieren.

(Foto: Christian Endt)

In der glutheißen Nachmittagssonne klingt das Rollen der Skateboards jetzt scheppernd zu dem leisen "Pffft"-Geräusch der Sprühdosen herüber. Während Marinus Leitner und Profi-Künstler Man sprayen, jagen die anderen Jugendlichen auf ihren Brettern die Rampen herunter. Mit dabei ist auch die 20-jährige Stefanie Breuninger, die erst vor einem Jahr mit dem Skaten begonnen hat. "Ich habe noch nie etwas gesprayt, aber vielleicht probiere ich das heute einfach mal aus." Dass ihr Skaterkollege Marinus Leitner den Ebersberger Kunstverein auf Instagram entdeckt hat und so mit Geraldine Frisch in Kontakt kam, die schließlich die Ausschreibung ermöglichte, findet sie cool.

Auf dem Skateboard zeigten die Jugendlichen ihre Tricks.

(Foto: Christian Endt)

Unterdessen gefällt es Man sichtlich, an der Ebersberger Wand wieder in Kontakt mit seinen künstlerischen Wurzeln zu kommen. "An der Kunstakademie wollte man mir abtrainieren, dass ich mich auf bestimmte Stilismen festlege", sagt Man und schaut stolz auf die Wand "aber das hier ist keine klassische Auftragsarbeit, hier gehe ich keine Kompromisse ein." Und das, obwohl in der Bildmitte, wie vom Auftraggeber gewünscht, ein riesiger Eber prangt. "Den haben manche beim ersten Blick auf die Entwürfe auch schon für einen Drachen gehalten", sagt Man und grinst.

Dass sein Kunstwerk übermalt werden könnte, kümmert Daniel Man nicht so sehr. "Es gibt Respekt unter Sprühern und einige ungeschriebene Gesetze. Nur ein besserer Writer darf ein Bild übermalen." Sonst würden Sprüche fallen wie: "Warum hast du mein Bild gecrossed?" Man muss schmunzeln. Letztlich sei es auch dieses "Szenegehabe" gewesen, das ihn Anfang der Nullerjahre von der Street-Art- und Graffitiszene entfernte. Er studierte Kunst in München und Braunschweig und begann erst vor zwei Jahren wieder, große Wände zu bemalen. Aktuell sind seine Werke im Lenbachhaus zu sehen, jüngst hat er eine Hotelfassade in Obersendling mit einem Kollegen besprüht.

Im Laufe des Samstags will Man fertig werden mit seiner Arbeit, nur noch Feinschliff stehe dann an. Insgesamt 30 bis 40 Dosen wird Daniel Man wohl an der Ebersberger Wand in vielen Schichten versprühen. Lachend erzählt Man, dass die Farbe gar nicht so leicht sei. Wolle man ein Flugzeug komplett besprühen, müsse man sogar zwei Sitze ausbauen, um die Gewichtszunahme durch die Farbe wieder auszugleichen. So etwas wissen natürlich nur echte Schwergewichte der Kunst.