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Kommentar:Volles Risiko

Die Umsetzung der Umfahrung Parsdorf-Weißenfeld wird immer mehr zum Glücksspiel

von Wieland Bögel

In der beliebten Fernsehserie "Irgendwie und Sowieso" - läuft gerade mal wieder im BR - spielen die Protagonisten Tango und Sepp ein Glücksspiel namens "amerikanisches Roulette". Das ist ähnlich riskant, wie die russische Variante, nur dass man sich keinen teilweise geladenen Revolver an den Kopf hält, sondern nachts mit Vollgas, ohne Licht und mit geschlossenen Augen über eine Kreuzung brettert - übrigens jene in Schwaberwegen. Ob es an dieser relativen Nähe zum Drehort lag, wird sich nicht klären lassen, aber sicher ist, dass die Mehrheit des Vaterstettener Ferienausschusses bei der Umfahrungsplanung nun ähnlichen Spirit bewiesen hat, wie Tango und Sepp aus der Erfolgsserie: Augen zu und durch, wird schon gutgehen.

Beschlossen wurde die Vergabe eines Planauftrages, bei dem noch völlig offen ist, was überhaupt zu planen ist. Es gibt keinen gültigen Feststellungsbeschluss der Regierung von Oberbayern, wo die Straße überhaupt verlaufen soll. Was angesichts von bis zu einer halben Million Euro, die der Auftrag wohl kosten dürfte, auch ohne Corona-Wirtschaftskrise eine sehr freihändige Vergabe ist. Dass man beschlossen hat, den Auftrag zu stückeln, ist nicht mehr als Kosmetik. Denn erstens ist die Gesamtsumme freigegeben und zweitens darf nur gestückelt werden, wenn es den Zeitplan nicht gefährdet. Genausogut hätte es heißen können: Nur wenn nachts die Sonne scheint. Dass die Mehrheit diese riskante Eile gutgeheißen hat, liegt daran, dass zumindest der nördliche Teilabschnitt der Straße bis Ende 2023 fertig sein muss, um den 4,5-Millionen-Zuschuss des Investors nicht zu gefährden. Dieser Zeitplan war schon vor der Corona-Krise nicht garantierbar. Es gebe einen Puffer von fünf Monaten, hatte die Bauamtsleiterin in der Sitzung bekanntgegeben, angesichts der Komplexität des Projektes hätte sie genausogut "von fünf Minuten" sagen können.

Nun ist also zu allen Risiken, die man in der Vergangenheit ignoriert hat - neben dem Geld des Investors sind dies unabsehbare Kosten durch Entschädigungen enteigneter Landwirte, die üblichen Baukostensteigerungen und die Drohung von Umweltschutzverbänden mit Klagen - ein weiteres hinzugekommen, das von der Mehrheit im Ausschuss ebenfalls prompt ignoriert wird. Was ausdrücklich nicht heißt, dass der Bau der Umfahrung scheitern wird. Dies ist viel weniger sicher, als sich die Gegner des Projektes darauf Hoffnung machen. Möglicherweise ist ausgerechnet die aktuelle Krise die Lösung für das Problem. Schließlich wäre es nicht das erste Mal, dass der Staat die Bauwirtschaft über großzügige Zuschüsse für Großprojekte massiv fördert, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.

Allerdings dürfte jetzt auch dem Letzten klar sein, dass man sich bei der Umsetzung des Vorhabens nicht mehr im Rahmen einer normalen Planung bewegt. Vielmehr haben die Mitglieder des Ferienausschusses den Weg freigemacht für eine Partie Vaterstettener Roulette. Und wie beim klassischen, beim russischen oder amerikanischen gilt auch hier: Kann gutgehen, muss es aber nicht.

© SZ vom 02.05.2020
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