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Kommentar:Eine Frage der Verantwortung

Der Weg des Landkreises in der Jugendhilfe ist richtig - und noch dazu eine Investition, die langfristig Profit abwirft

Von Wieland Bögel

Der in vielen Lebenslagen zitierfähige Homer Simpson hat einmal auf die Frage, was er seinen Kindern versprochen habe, geantwortet: "Wenn ihr 18 seid, werdet ihr vor die Tür gesetzt." Die Tatsache, dass man das witzig finden kann, zeigt, wie absurd es in der Realität wäre, junge Leute pünktlich zum 18. Geburtstag sich selbst zu überlassen. Doppelt absurd war indes bislang die Praxis, ausgerechnet Jugendlichen, die ohnehin schon wenig bis gar keine Unterstützung aus dem Elternhaus erhalten, mit der Volljährigkeit dann auch noch diejenige des Jugendamtes zu kappen. Dass der Landkreis dies künftig nicht mehr tun wird, hat einerseits mit einem geänderten Gesetz zu tun, andererseits mit einer schon vor fünf Jahren auf den Weg gebrachten Eigeninitiative: Es gibt hier bereits vieles, was dieses Gesetz fordert.

In letzter Zeit war der Landkreis mit solchen Initiativen nicht immer erfolgreich, etwa der eigene digitale Impfpass oder die frühe Festlegung auf die Luca-App, von der längst nicht ausgeschlossen ist, dass sie wegen ihrer Probleme mit dem Datenschutz wieder aus dem Verkehr gezogen werden muss. Bei der Entscheidung für längere Jugendhilfe und entsprechende Angebote indes war das Geld sehr gut angelegt. Zum einen, weil man so bereits Strukturen aufgebaut hat, dank derer sich der neue gesetzliche Anspruch wohl deutlich unkomplizierter erfüllen lassen dürfte. Zum anderen natürlich, weil damit eben schon konkret geholfen werden konnte, was sicher einige "Krisen", wie man es im Jugendamt nennt, verhindert hat.

Was am Ende, wie man es bei der Behörde sehr richtig betont, auch gesamtgesellschaftlichen Nutzen bringt. Einerseits, weil es eine Verpflichtung der Gesellschaft sein sollte, dass alle ihre Mitglieder so selbständig und würdevoll leben können, wie irgend möglich - anstatt ein Leben lang von Sozialleistungen und Almosen abhängig zu sein. Zum anderen, wem das zu moralphilosophisch ist, aus dem ganz einfachen Grund, dass es der Staatskasse eindeutig mehr nützt, wenn jemand dorthin einzahlt, als von dort Leistungen erhält. Die zusätzliche Jugendhilfe wäre demnach eine Art von Anschubfinanzierung, eine Investition, die auf lange Sicht Profit abwirft. Homer Simpson hat sein Versprechen im übrigen nicht eingehalten, denn auch wenn man es seinem Sohn Bart nicht ansieht, ist er heuer 40 geworden - und wohnt nach wie vor daheim.

© SZ vom 16.06.2021
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