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Kolonie der Kreativen:Wo Künstlerherzen höher schlagen

Josef Köstler bietet auf seinem Anwesen in Hagenberg bei Grafing mehreren Malern eine Heimat. Am Wochenende stellt sich die Gemeinschaft erstmals mit einem Atelierfest vor

Es gibt Orte, an denen sich das Gute und Schöne irgendwie zu kumulieren scheint. Hier, in Hagenberg, treffen göttliche und menschliche Schaffenskraft aufeinander. Schon auf der Fahrt zu dem Gehöft zwischen Grafing und Tegernau bietet sich ein oberbayerisches Tableau zum Niederknien, mit Alpenkette, Kirchturm, Wiesen und Wäldern im Weichzeichner-Nebel. Poesie pur. Doch was den staunenden Besucher im Inneren des Hofes erwartet, ist nicht weniger erbaulich: Sein Besitzer Josef "Beppo" Köstler hat hier ein Refugium der bildenden Kunst erschaffen, indem er die Räumlichkeiten mit einigen seiner Freunde teilt: Fünf Maler aus der Region arbeiten mittlerweile in Hagenberg und machen den ehemaligen Bauernhof so zu einem Hort der Kreativität. Am Wochenende öffnet dieser das erste Mal seine Pforten - in Form eines zweitägigen Atelierfestes.

"Manche sammeln Kunst, böse Zungen behaupten, ich sammle Künstler", sagt Beppo Köstler und lacht herzlich. Von so etwas wie Besitzansprüchen nämlich ist der Hausherr meilenweit entfernt, er schätzt einfach die Nähe der Maler. "Wenn hier überall an den Staffeleien etwas geschieht, das ist mir eine tiefe Freude", sagt er und seine blauen Augen strahlen. Außerdem arbeitet Köstler, Oberhaupt einer Grafinger Gärtnerei-Familie, selbst leidenschaftlich gerne mit dem Pinsel, "eigentlich immer schon", sagt er. Doch eine künstlerische Ausbildung hat er nie absolviert, weswegen ihm der Austausch mit Gleichgesinnten so am Herzen liegt. Er, der Laie, könne von den Profis nur profitieren. "An ihrer Kritik darf ich wachsen."

Da Köstler großformatig arbeitet, suchte er sich immer entsprechende Räume, erst in der Gärtnerei, dann in einem Hühnerstall. "Wichtig ist, dass man keine Rücksicht nehmen muss, dass ein Atelier was aushält", sagt er. Und nicht nur in dieser Hinsicht wirke sich die Umgebung auf die Kunst aus, sagt er und blickt zum Fenster hinaus, wo sich der Nebel im Bilderbuchpanorama so langsam lichtet.

Also begann Köstler, auf seinem Hof mehr Platz fürs Malen zu schaffen, baute Scheune und Speicher Schritt für Schritt in Eigenregie aus. Nicht perfekt-geleckt, sondern mit dem Blick und der Energie des zupackenden Malers und Gärtners. Auch zum Pressetermin trägt Köstler zur Arbeitshose ein altes Flanellhemd. Viel Licht von oben, freie Flächen, Stauraum für Leinwände und eine freundlich-offene Atmosphäre lassen nun in Hagenberg die Künstlerherzen höher schlagen.

Dass der Hof auch für andere Maler zur Heimat wurde, dieser Prozess begann vor drei Jahren. Damals zog es die Münchner Künstlerin Angelika Sieber nach Griechenland, weswegen sie ihren Freund Köstler fragte, ob er nicht derweil ihrem Oeuvre Unterschlupf bieten könne. "Keine Frage - was für eine Ehre", sagt der Hausherr. Bald nutzte Sieber Hagenberg dann auch als Winterquartier, seit ein paar Monaten lebt sie ganz dort, hat neben ihrem Atelier eine kleine Wohnung. Ebenfalls "eingefunden", wie Köstler das nennt, haben sich inzwischen Birgit Jung, die Malerin aus Wasserburg arbeitet und wohnt unter der Woche auf dem Hof, und Ruth Effern. Die Künstlerin aus Taufkirchen hat sich ebenfalls ein Atelier hier eingerichtet, genauso wie Ingrid Wieser-Kil aus Steinhöring. Als Gastaussteller kommt zum Fest am Wochenende Peter Dubina aus Pfaffing hinzu.

Laden zum Atelierfest: Ingrid Wieser-Kil (von links), Josef Köstler, Birgit Jung, Angelika Sieger, Peter Dubina und Ruth Effer (nicht im Bild).

(Foto: Christian Endt)

Für sie alle ist Hagenberg nicht nur ein angenehmer Platz zum Arbeiten in epischer Lage, sondern vor allem ein inspirierendes Netzwerk. "Hier herrscht einfach eine tolle Energie", sagt Wieser-Kil. Selbst Dubina, der Gast, zeigt sich begeistert: "Dass Du diesen Raum zur Entfaltung bietest, ist großartig", sagt er zu Köstler. Und zur Reporterin: "Ich glaube, ich habe noch nie einen derart selbstlosen, gelungenen Menschen kennengelernt."

Die Kunst, der man auf Hagenberg begegnen kann, ist sehr unterschiedlich, auch wenn sich alle Beteiligten der Malerei verschrieben haben. Köstler selbst arbeitet sehr narrativ, seine Bilder wollen Geschichten erzählen. Von den Hoffnungen und Ängsten von Flüchtlingen zum Beispiel, von einem Attentat, oder vom Ausverkauf der Berge: Er zeigt das "Marterhörndl" als Industrieprodukt. Große Bewunderung hegt Köstler für Angelika Sieger, die um einiges abstrakter arbeitet, er schätzt ihre "nuancenreiche Farbpalette". Und tatsächlich: In ihrem Atelier hängt ein großer Traum in Grün, unfertig zwar, aber bereits mit zahllosen Schattierungen gestaltet. Ebenfalls sehr monochrom arbeitet Birgit Jung, sie erschafft körnig strukturierte, meist wolkige Farbflächen, in denen der Geist sich im Nu verlieren kann. Ruth Effern wiederum zeigt zarte Papierarbeiten, geklebt aus unzähligen, dünnsten Schichten, bemalt mit Kreisen und blattartigen Formen, Zauberwäldern gleich. Rätselhaft Figurales ist zu finden in den vielschichtigen Arbeiten von Ingrid Wieser-Kil und Peter Dubina, wobei er oft mit übereinander gelegten Ausschnitten, so genannten Cut-outs, arbeitet, während sie allein der Imagination ihres Pinsels vertraut.

Abschied nimmt der Hausherr mit Aristoteles, laut dem ja ein Ganzes oft mehr ist als die Summe seiner Teile. Das gilt für die Kunstwerke auf Hagenberg, aber genauso für diesen besonderen Ort an sich.

Atelierfest bei Josef Köstler in Hagenberg, Frauenneuharting, am Samstag und Sonntag, 17./18. November, jeweils 11 bis 17 Uhr. Mit Ruth Effern, Angelika Sieber, Birgit Jung, Ingrid Wieser-Kil und Peter Dubina. Es gibt Kaffee, Kuchen und Gegrilltes.

© SZ vom 15.11.2018
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