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Keine Entlastung für die Notaufnahme:Mit Schnupfen ins Krankenhaus

Wer zu krank für die Arbeit aber zu gesund für die Notaufnahme ist, kann sich seit Sommer in die Bereitschaftspraxis in der Kreisklinik begeben.

(Foto: Christian Endt)

Seit einem halben Jahr finden die ärztlichen Bereitschaftsdienste im Landkreis in der Ebersberger Kreisklinik statt. Die Kassenärztliche Vereinigung stellte nun einen ersten Zwischenbericht vor. Größtenteils fiel dieser positiv aus

Von Jan Schwenkenbecher, Ebersberg

Schwere Grippe, ein Zeckenbiss, dunkelroter Ausschlag, alles Fälle für den Hausarzt. Doch was tun, wenn die Haut offen, aber die Praxis geschlossen ist, weil entweder Abend oder schon wieder Wochenende ist? Seit Juli vergangenen Jahres müssen Patienten im Kreis Ebersberg in solchen Fällen nicht mehr lange recherchieren, welcher Arzt denn Bereitschaft hat. Seither gibt es für solche Fälle die neue Bereitschaftspraxis in der Ebersberger Kreisklinik, parallel zur bereits seit 2007 bestehenden Praxis in der Erdinger Kreisklinik. Die beiden Bereitschaftspraxen haben bis 21 Uhr geöffnet, und später, in der Nacht, gibt es einen gemeinsamen Fahrdienst, der den Weg zum Patienten macht. Vergangene Woche stellte die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) nun ein halbes Jahr nach Beginn des neuen Systems den ersten Zwischenbericht vor - größtenteils fiel er positiv aus.

Die Landkreise Ebersberg und Erding waren früher in je fünf Dienstgebiete unterteilt, in jedem musste außerhalb der normalen Sprechzeiten ein ärztlicher Bereitschaftsdienst besetzt sein. Diesen mussten die niedergelassenen Ärzte im Wechsel in ihren Praxen anbieten. Etwa 20 Ärzte wechselten sich dabei durchschnittlich je Dienstgebiet ab. Da jedoch nur wenige neue Arztpraxen entstanden und viele Ärzte die Altersgrenze für den Bereitschaftsdienst erreichten - nur bis zum Alter von 62 Jahren müssen Ärzte die Dienste übernehmen - mussten immer weniger Ärzte die Bereitschaft untereinander aufteilen.

Um dieser Entwicklung zu trotzen, wurde vergangenes Jahr der Bereitschaftsdienst in beiden Landkreisen reformiert. Nun gibt es nur noch die zwei Bereitschaftspraxen, die die KVB in den beiden Kreiskliniken betreibt. Man könne sich das neue System wie eine verlängerte Sprechstunde vorstellen, sagt Werner Klein, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes Ebersberg. Eine Ultraschall-Untersuchung oder ein Langzeit-EKG sei nicht möglich. Doch "der normale Betrieb wird mit verminderten Ressourcen verlängert", so Klein.

Den gemeinsamen Fahrdienst für die Zeit nach 21 Uhr, wenn auch die Praxen in den Krankenhäusern geschlossen haben, teilen sich Ebersberg und Erding. Je nach Wochentag und Uhrzeit ist manchmal nur ein Auto im Einsatz, manchmal sind es drei. Künftig sollen es bis zu vier werden, derzeit wird noch ausgewertet, wann wie viele Fahrdienste benötigt werden.

Von den Patienten werde das neue System gut angenommen, sagt Klein, bisher habe es keine größeren Probleme gegeben. Die Zahl der Menschen, die die Bereitschaftspraxis in der Ebersberger Klinik aufsuchten oder den Fahrdienst riefen, sei im Schnitt in etwa genau so hoch wie die Patientenzahlen der ehemaligen Bereitschaftsdienste in niedergelassenen Praxen. "Es kamen etwas über 900 Patienten in vier Monaten", sagt Klein, "das sind weniger als in Erding, liegt aber im Rahmen, verglichen mit anderen neugestarteten Bereitschaftspraxen." An einem typischen Samstag kämen derzeit in Ebersberg zwischen 40 und 50 Patienten, in Erding seien es eher 70 bis 80, so Klein. Es habe sich aber gezeigt, dass die Zahlen mit der Zeit ansteigen. Das werde wohl auch in Ebersberg passieren, sagt Klein, "es ist noch Luft nach oben."

Für Patienten hat das System den Vorteil, dass sie immer wissen, wo sie hinmüssen, weil der Bereitschaftsdienst nicht jedes Wochenende den Ort wechselt. Der Nachteil ist, dass sie nun bis in die Kreisklinik nach Ebersberg fahren müssen, mitunter ein weiterer Weg. Doch nicht nur den Patienten, vor allem auch den Ärzten bringt das neue System große Vorteile. Zwar müssen die Ärzte nun ihre Praxis verlassen, müssen den Dienst in den zur Verfügung gestellten Räumen der Kreisklinik absolvieren. Für viele sei das eine Umstellung, sagt Klein, weg von den gewohnten Räumen, der gewohnten Schublade, dem gewohnten EDV-System. Dafür sorgt das System aber für eine enorme Entlastung. Statt fünf Dienstgebieten je Landkreis gibt es jetzt nur noch zwei Praxen. Der zeitliche Aufwand ist insgesamt etwa gleich groß, er verteilt sich jedoch auf viel mehr Ärzte als zuvor. Konnten bislang nur die Ärzte, die auch eine eigene Praxis besaßen, Bereitschaftsdienste übernehmen, können dies nun auch die in Krankenhäusern oder Gemeinschaftspraxen tätigen Mediziner. Werner Klein schätzt, dass sich nun etwa 200 bis 250 Ärzte die Dienste untereinander aufteilen. Zudem können die Schichten leichter getauscht oder gänzlich übernommen werden. "Ärzte können Dienste machen, wenn es in ihre Lebensplanung passt", so Klein, "wenn nicht, können sie die Dienste an andere abgeben, die sie machen möchten, etwa um sich etwas dazu zu verdienen." Aufs Jahr gerechnet kamen so jüngst im Schnitt nur noch 70 Stunden Bereitschaftsdienst auf einen Arzt, vorher waren es 240 Stunden.

Was bisher jedoch noch nicht so gut funktioniert ist, dass die Bereitschaftspraxis auch die Notaufnahme entlastet. "Rechnerisch ist die Entlastung ein bisschen da", sagt Klein, "das waren jetzt vielleicht 30 bis 40 Fälle." Diese Zahl sei aber so gering, dass die Kollegen aus der Notaufnahme das nicht fühlten. "Man dachte an 20 Prozent oder mehr, das ist nicht eingetreten", so Klein, aber das System stehe da noch am Anfang.

© SZ vom 22.02.2017
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