In der Alten Brennerei Demokratisch entschieden

Bei der Mitgliederausstellung des Ebersberger Kunstvereins hat das Publikum seine zehn Lieblingskünstler ausgesucht. Diese zeigen nun gemeinsam ihre Werke

Von Johanna Feckl

Vorsicht, noch nicht trocken." Der kleine handgeschriebene Zettel ist an ein Bild geklebt, das man von Freitag an in Ebersberg sehen kann. Diese Notiz kann man durchaus als Metapher interpretieren: Bei zehn Künstlern und deren Werken ist ein Besuch der Galerie alles andere als trocken und langweilig. Wie in jedem Jahr stimmten die Besucher der Mitgliederausstellung des Ebersberger Kunstvereins auch dieses Mal über ihre Lieblingskünstler ab. Zum ersten Mal stellen nun aber die zehn Beliebtesten gemeinsam ihre Werke in der Alten Brennerei aus.

Die "Vorsicht, noch nicht trocken"-Notiz stammt von Rebecca Winhart. Die Sozialpädagogin aus Forstinning wurde von den Besuchern auf den fünften Platz gewählt. Für die "Top Ten"-Ausstellung hat sie sieben ihrer Gemälde ausgewählt. Erst vor einer Woche hat sie das Bild, an das sie den Zettel geklebt hat, fertiggestellt. Es zeigt eine Frau. Ihr Kopf ist von einem Tuch umhüllt, nur der Bereich ihrer Augen liegt frei. Das Gemälde ist in dunklen Farben gehalten - düstere Schattierungen in braun, schwarz, rot und blau -, nur die Augen wirken merkwürdig klar. Und trotzdem bleibt das Porträt durch das verborgene Gesicht mysteriös. Wer ist diese Frau?

Die zehn Künstler, für die das Publikum der Mitgliederausstellung des Ebersberger Kunstvereins die meisten Stimmen vergab, zeigen eine Auswahl ihrer Werke in der Alten Brennerei.

(Foto: Christian Endt)

Es ist eine, die Winhart im vergangenen Jahr kennengelernt hat, als sie für fünf Wochen durch Marokko gereist ist. Die 27-Jährige hat sie nicht im klassischen Sinne porträtiert, also die Ölfarben nicht entsprechend dem realen Vorbild auf der Leinwand verteilt. Winharts Porträt entspricht eher einer Hommage an die Frau. "Ich wollte die Ausstrahlung einfangen, wie sie auf mich gewirkt hat", erklärt die Künstlerin.

Ein anderes Werk von ihr zeigt eine Balletttänzerin, mit lockeren Schnüren an Hand- und Fußgelenken, die nach oben über den Bildrand hinaus ins Nirwana verschwinden. Hier hat Winhart in einem Graffiti, alles in schwarz und weiß gehalten, eine Tänzerin entstehen lassen, die trotz Fesseln stolz aussieht, grazil Kopf und Arme empor hebt. Für die Forstinningerin symbolisiert das Bild die Wirklichkeit. Denn auch dort gibt es Einengungen, in Form von gesellschaftlichen Normen oder gesetzlichen Pflichten - trotzdem sei es für jeden möglich, innerhalb dieser Formen frei und individuell zu sein. Man könnte sagen: Freiheit definiert sich über ihr Gegenteil, über die Begrenzung eines Raums.

Einen Raum weiter hat unter anderem Tanja Stögermair ihre Werke ausgestellt. Nicht nur Gemälde, sondern auch Skulpturen aus Stein und Holz. Im Januar, wenn Bäume gefällt werden, dann zieht die Künstlerin durch die Parks in München, wo sie lebt. Immer auf der Suche nach Holzscheiten, die sie für ihre Skulpturen verwenden kann. Die bearbeitet sie dann mit einem Schnitzmesser, manchmal auch mit einer Kettensäge. Zuletzt wird geschliffen und geölt.

Jürgen Haupt zeigt mit Zahnstochern und Schaschlikspießen ein Zusammenspiel aus Farben.

(Foto: Christian Endt)

In der Alten Brennerei sind allerdings drei ihrer Holzskulpturen, bei denen sie auf eine Öllasur verzichtet hat: Das Holz stammt von Olivenbäumen aus Italien, das eine solch zarte und glatte Beschaffenheit hat, dass es auch ohne zusätzliche Behandlung aussieht, als trage es eine Ölschicht. Die Zweitplatzierte mag es unkonventionell, so arbeitet sie bei ihren Gemälden immer wieder mit Rost, der einen zarten Schimmer hinterlässt.

Schräg gegenüber von Stögermairs Bildern hängen die von Karin Nahr. Sie belegt im Publikumsranking den sechsten Platz. Verglichen mit der abstrakten und schwungvollen Acrylmalerei von Stögermair und der Ebersbergerin Edith Immich, die im selben Raum ausgestellt sind, zeigt Nahr ganz andere Werke: Viele dünne schwarze Linien, teilweise akkurat gerade, als ob sie mit einem Lineal gezogen wurden, und dann aber wieder krakelig, wie sie ein kleines Kind zeichnen würde. Es gibt wenige Farben oder Farbverläufe. Alles ist reduziert, fast schon minimalistisch.

Einige der Bilder der Glonnerin zeigen Szenen aus Venedig, mal einen Gondoliere bei seiner Arbeit, dann den Markusplatz, oder ein Häuserpanorama. Bei letzterem sind die unterschiedlichen Linienführungen besonders auffallend. Nahr verrät die Technik dahinter: Zunächst bedeckt sie die Leinwand mit schwarzer Farbe. Dann kommt flüssiges Paraffin zum Einsatz, getrocknet ist es wie weißes Wachs. Dort, wo die Formen gerade verlaufen, hat Nahr Klebestreifen auf der schwarzbemalten Leinwand angebracht, um das Paraffin an diesen Stellen auszusparen. Die krakeligen schwarzen Linien hat die Künstlerin in das getrocknete Paraffin geritzt - mit ihrer linken Hand, obwohl sie Rechtshänderin ist.

Rebecca Winharts Porträt entspricht einer Hommage an die Frau.

(Foto: Christian Endt)

Wenn man sich viel mit Kunst beschäftige und selber male, "das wird dann mit der geübten Hand manchmal langweilig und verkrampft", erklärt sie. Mit einem Handwechsel könne es gelingen, dass die Leichtigkeit zurück ins Werk findet - ein gängiger Trick in der Kunst

Neben Rebecca Winhart, Tanja Stögermair, Edith Immich und Karin Nahr zählt Horst Siegel zu den Publikumslieblingen - schon zum zweiten Platz belegt er den ersten Platz. Der Moosacher verfolgt beim Malen das Credo, seine Vorlage so genau wie möglich zu kopieren. Eines seiner Gemälde zeigt das Gesicht eines Mannes, vom Alter detailreich mit Falten und Furchen gezeichnet. Die drittmeisten Stimmen bekam Anna Wesely, deren Bilder von Himmel und Meer trotz der Grenzen der Zweidimensionalität beim Malen eine erstaunliche Tiefe erzeugen.

Jürgen Haupt zeigt mit Zahnstochern und Schaschlikspießen ein wunderbares Zusammenspiel aus Farben, Formen und dem Zufall. Volker Baierl ist mit zwei Holzschnitten und zwei geschnitzten Werken aus Speckstein vertreten. Ebenso geschnitzt hat auch Silvia DiNatale. Ihre drei Holzskulpturen symbolisieren die Facetten einer Frau. Eugenie Meyden beweist mit ihren Bildern die vielfältigen Techniken der Aquarellmalerei.

Kunstverein Ebersberg: Ausstellung der "Top Ten" der Mitgliederausstellung in der Alten Brennerei im Klosterbauhof vom 4. bis 13. Januar. Vernissage am Freitag, 4. Januar, um 19 Uhr mit Fingerfood und Saxofonmusik von Günther Stögermair. Geöffnet samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr, am Donnerstag, 10. Januar, von 18 bis 20 Uhr, und am Freitag, 11. Januar, von 18 bis 23 Uhr mit Barbetrieb und Musik von 19.30 Uhr an.