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Geschichte im Landkreis:Kapitel übersprungen

In der Erinnerung der Älteren ist die NS-Zeit einschneidend - Viele Ortschroniken überspringen das Kapitel über die zwölf braunen Jahre ganz. Eine Suche in den Stadtarchiven.

Es gebe da bis heute eine "gewisse Befangenheit", sagt Bernhard Schäfer. Dann wägt der Historiker seine Worte noch ein bisschen vorsichtiger. Lange hätten sich die Ortschronisten im Landkreis zurückgehalten, die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft allzu explizit in ihren Schriften aufzugreifen, aus eigener Belastung "oder um nicht in etwas hineinzustochern". Wenn Schäfer, der im Landkreis für die Archivpflege zuständig ist, über dieses Thema spricht, geht es auch um seine eigene Arbeit: Vor mehr als fünf Jahren hat der 44-Jährige den Auftrag erhalten, die NS-Zeit in Ebersberg erstmals systematisch darzustellen - bislang ohne Ergebnis. Für Schäfers Recherchen, sagt er selbst, fehle es an Vorarbeit der Anderen. Der Landkreis insgesamt, so formuliert er dann doch wieder behutsam, sei vielleicht nicht vorbildlich.

Dabei ist die eigene Geschichte derzeit in vielen Gemeinden ein Thema. Weil das Freisinger Bistum zu Anfang des 9. Jahrhunderts damit begann, die Gemeinden und Weiler in seinem Süden schriftlich zu erwähnen, steht der Landkreis derzeit inmitten einer ganzen Serie von Ortsjubiläen: Die Gemeinde Anzing feiert im kommenden Jahr 1200 Jahre ihrer ersten urkundlichen Erwähnung, Pliening und Zorneding folgen mit derselben Feier im Jahr 2013. Moosach, Oberpframmern und Forstinning haben ihr 1200-Jahr-Fest kürzlich bereits abgeschlossen. Damit ist in vielen Gemeinden auch ein Anlass gegeben, die eigene Geschichte in Form einer Ortschronik aufzubereiten - einschließlich der Teile der Wahrheit, die sich nicht zum Feiern eignen.

Beim Thema der NS-Zeit sind viele der Ortschroniken, die bereits vorliegen, wortkarg. Aus der Gemeinde Kirchseeon, einst einer Hochburg der Arbeiterbewegung, wurden die ersten Menschen in das Konzentrationslager Dachau verschleppt, insgesamt 15 Kirchseeoner, von denen 13 zurückkamen. Das kann man von der ehrenamtlichen Ortsarchivarin Dagmar Kramer erfahren. In ihrer 1989 veröffentlichten Ortschronik hat Kramer es allerdings nicht erwähnt - stattdessen nur das Schicksal der im Krieg gefallenen Soldaten.

Die 2000 erschienene Ortschronik von Oberpframmern überspringt das Kapitel über die zwölf braunen Jahre in ihrem Inhaltsverzeichnis ganz: An die Weimarer Republik schließt dort sofort die Nachkriegszeit an. Zumindest im Zusammenhang mit der Gleichschaltung des lokalen Vereinslebens findet die NS-Herrschaft später noch indirekt Erwähnung - anders als etwa in Glonn und Hohenlinden, wo man über die NS-Zeit schlicht keine Schilderungen findet.

Die "gewisse Befangenheit", von welcher der Kreisarchivar Bernhard Schäfer spricht - sie hängt aus seiner Sicht mit einer Generationenfrage zusammen. Die offizielle Geschichtsschreibung sei in den meisten Gemeinden Älteren überlassen. Ereignisse aus der NS-Zeit haben dann tatsächlich vielerorts erst Schüler oder Studenten in den Fokus gerückt. Die Geschichte des Todeszugs von Poing etwa, eines Transports von KZ-Häftlingen im April 1945, der in einem Massaker in Poing endete, beleuchteten erst Markt Schwabener Gymnasiasten im Jahr 1995 genauer. In der offiziellen Ortschronik war das Geschehen bis dahin mit keinem Wort erwähnt worden. In der 2009 erschienenen Neuauflage der Ortschronik nimmt es jetzt eine Seite ein. Über die ganze übrige NS-Zeit allerdings habe man in der 144-seitigen Schrift bewusst kaum etwas geschrieben, erklärt einer der Verfasser Hans Steinbigler, 77: "Da waren wir sehr vorsichtig." Viele der alten Menschen lebten schließlich noch. Auch der Ortschronist von Glonn, Hans Obermair, 72, verweist auf Rücksichtnahme: An dieses Kapitel wage er sich nicht heran, sagt Obermair, als Nachgeborener wolle er keine "Urteile fällen".

In der Gemeinde Pliening war es der Gymnasiast Anton Huber, der im Rahmen seiner Abschlussarbeit vor zwei Jahren aufdeckte, wie viele der örtlichen Burschen sich in München an den Novemberpogromen 1938 beteiligt hatten, bei denen im ganzen Reich schätzungsweise 400 Menschen getötet oder in den Selbstmord getrieben wurden. Der ehrenamtliche Heimatpfleger Willi Kneißl, 77, hat den Auftrag, für die bevorstehende 1200-Jahr-Feier eine Festschrift zur Geschichte Plienings zu verfassen, er hat vorgeschlagen, die Erkenntnisse aus dieser Schülerarbeit einzugliedern - und wird vom Bürgermeister, Georg Rittler (CSU), aber gebremst. "Man darf so etwas nicht vergessen, aber ich würde das jetzt nicht so betonen", sagt der. Immerhin habe die Gemeinde über 1200 Jahre Geschichte, "und wie lange waren die Nationalsozialisten dran?"

Auf einen Aspekt des NS-Regimes, der im Alltag aller Ebersberger sichtbar war, weist die Chronik von Forstinning hin: Dort ist zu lesen, wie französische und polnische Zwangsarbeiter - teils Kriegsgefangene - auf die Bauernhöfe verteilt wurden. "Es hat jeder Bauer seinen Russen oder seinen Franzosen gehabt", sagt Hans Steinbigler, der Ortschronist von Poing, der die Zeit als Junge erlebt hat, "oder sogar mehrere." Der Kreisarchivar Bernhard Schäfer stellt ergänzend klar: Zwangsarbeiter habe es "in jeder Gemeinde" gegeben. Im Staatsarchiv München lägen noch genaue Aufzeichnungen darüber, welcher Ausländer auf welchem Hof arbeiten musste. Hinweise auf den Einsatz von Zwangsarbeitern hat auch der ehrenamtliche Ortsarchivar Zornedings, Martin Burgmayer, 83, gefunden. Er hat zur NS-Zeit eine eigene, hundert Seiten umfassende Schrift verfasst - eine Ausnahmeerscheinung im Landkreis. Darin beschreibt er Zorneding als bäuerlich geprägte, kleine Gemeinde, die mit den rüde auftretenden Nationalsozialisten im Übrigen eher fremdelte. Seine Schrift allerdings gibt es heute nur in einfacher Kopie. Sie liegt, weitgehend unbeachtet, im Gemeindearchiv.