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Ebersberger "Architektouren":Sieben unter einem Dach

Bei den "Architektouren" können landesweit 219 Bauten besichtigt werden - erstmals auch zum Herunterladen im mobilen Internet als App für iPhones. Drei der Gebäude stehen im Landkreis - in Vaterstetten, Hohenlinden und Poing.

Landkreis - Die an Architekten gestellten Herausforderungen gleichen zuweilen der Quadratur des Kreises: Hier ein Haus für eine siebenköpfige Großfamilie, schön, geräumig, bezahlbar, da eine Scheune, die als Büro genutzt werden, ihr hölzernes Tragwerk, ihren ländlichen Charakter aber nicht verlieren soll; schließlich ein Neubau, in dem diverse Bedürfnisse unter einen Hut, respektive ein Dach gebracht werden müssen.

Bei den von der Bayerischen Architektenkammer am Wochenende veranstalteten "Architektouren" können landesweit 219 Bauten besichtigt werden - erstmals auch zum Herunterladen im mobilen Internet als App für iPhones. Drei der Gebäude stehen im Landkreis - in Vaterstetten, Hohenlinden und Poing.

Einen Akzent im Ensemble am Kirchplatz setzte das Architektenehepaar Susanne und Thomas Strunz mit dem Neubau des Pfarrzentrums "Haus der Familie" in Vaterstetten. Der im Jahr 2009 fertiggestellte Bau steht seit Pfingsten auch auf der von Architektenkammer und Innenministerium veröffentlichten Liste derjenigen Projekte, die als beispielhaft gelten für energieeffizientes Bauen.

Ein außergewöhnliches Merkmal des neuen Pfarrzentrums "Zum Kostbaren Blut Christi" ist das asymmetrische Dach, dessen größere, nach Süden hin sich erstreckende Fläche mit Photovoltaikanlagen bestückt wurde. "Eine besondere Herausforderung für uns war die Kombination aus Kindertagesstätte und Pfarrsälen", sagt Susanne Strunz. Zwei konträre Nutzungen in einem einzigen Haus unterzubringen, das sei nur möglich gewesen durch gestalterische Zurückhaltung. "Eine Kita muss nicht bunt sein. Die Kinder bringen selbst Farbe rein", sagt die Architektin. Man verwendete daher weiß lasiertes Holz, strich auch die Wände weiß, Farbakzente wurden nur im Foyer gesetzt. "Erzieherinnen sehen das leider oft anders", sagt Strunz." Zum Glück habe in diesem Fall die Leiterin mitgezogen. Als "Zwitter" aus einem Guss dient das Gebäude nun gleichermaßen als behagliches Refugium für Krippe, Kindergarten, Hort, Jugendräume und Pfarrsaal.

Auch für Kunst ist Platz im "Haus der Familie". Der Münchner Stefan Moritz Becker hat im zylindrisch geformten Treppenhaus die Lichtinstallation geschaffen - über die Geschosse verteilte, mit transparenten Farben beschichtete Lichtleisten, die an Mikadostäbe erinnern, aber auch an eine Partitur in Analogie zu musikalischen Intervallen wie Tritonus, Quint, Quart und Terz denken lassen. Schließlich wird der Pfarrsaal auch für Konzerte genutzt.

An den Kosten für Hort, Krippe und die Gestaltung des Vorplatzes, so Strunz, habe sich die Kommune beteiligt; als jedoch die Stahlbaufirma, die das Dach errichten sollte, pleite ging und das Ganze deutlich teurer wurde, habe sich die Gemeinde geweigert, mehr zu bezahlen", sagt Susanne Strunz mit kritischem Unterton. Den Löwenanteil habe das Erzbischöfliche Ordinariat geschultert.

Vor einer völlig anderen Aufgabe stand Regina Gaigl, Architektin des "Büros im Stadel" in Hohenlinden. Die Tochter eines Zimmerers in der Nachbargemeinde Forstern, hat einen ungenutzten Geräteschuppen in einen Bürobau verwandelt. "Das war früher mal meine Hofstelle", sagt der Bauherr, Hohenlindens erster Bürgermeister Ludwig Maurer. Seine Schwester Mechthild hat den umgebauten Stadel gemietet und betreibt darin eine Steuerkanzlei. "Frau Gaigl, die viel Liebe zum Holz mitbringt, hat den Charakter des Gebäudes, etwa das traditionelle Tragwerk des Scheunendachs, vollständig erhalten. Das Bürohaus ist immer noch als landwirtschaftliches Anwesen erkennbar, natürlich mit moderner Haustechnik", freut sich Maurer. Die Büros im 1. Stock seien wie Würfel gestaltet. "Das Richtige für Arbeitsbienen", sagt Maurer und lacht.

Sieben Personen unter einem Dach, das Budget gering. Trotzdem voll unterkellert, Holzfenster mit Dreifach-Verglasung, Fußbodenheizung, drei Bäder, Dachterrasse, jedes der fünf Kinder ein eigenes Zimmer, eine Haut aus Holz ..."Am Anfang habe ich nicht geglaubt, dass das alles möglich sein würde", sagt der junge Münchner Architekt Stephan Rauch. Und doch hat er im Poinger Neubaugebiet "Am Zauberwinkel" das Zauberkunststück vollbracht. "Ich bin pragmatisch vorgegangen, mit einfachem Grundriss und einfachem Baukörper", sagt der 34-Jährige. "Die Bauordnung hier schreibt Flach- oder Pultdach vor, das kam mir entgegen." Auffälligstes Merkmal der olivgrünen, an einem Gehweg gelegenen Wohnbox ist die Außenhaut - "halbrunde, druckimprägnierte Latten eines typisch bayerischen Jägerzauns", sagt Rauch. Das ungewöhnliche Material erzeuge häufig das Interesse der Passanten, sagt Rauch. "Sie bleiben stehen, gucken, fassen es an." Kein Bauträger stelle das so hin, erklärt Rauch. "Aber ich hatte zum Glück gute Handwerker. So ein Projekt ist das Kapital eines jungen Architekten."

Anlässlich der Architektouren am Samstag und Sonntag, 25. und 26. Juni, können im Landkreis folgende Bauten besichtigt werden. Das "Haus der Familie" in Vaterstetten, Dreitorspitzstraße 1, am Samstag um 14 und am Sonntag um 16 Uhr. Das "Büro im Stadel", Hohenlinden, Niederkaging 6b, am Samstag um 15 und 15.30 Uhr. Das Einfamilienhaus in Poing, Gebrüder-Grimm-Straße 40, steht am Samstag von 11 bis 14.30 Uhr Besuchern offen. Treffpunkt ist vor dem Haus. Weitere Informationen finden sich auf der homepage www.byak.de