bedeckt München 20°

Nick Woodland:Mister Retro Blues

Nick Woodlands musikalische Visitenkarte ist ein authentischer Blues, der er das Publikum im Alten Kino mitreißt.

(Foto: Peer Hinz-Rosin)

Nick Woodland liefert im Alten Kino in Ebersberg mit seiner Band ein authentisches Stück Musikgeschichte voller Coolness ab und begeistert damit die Besucher.

Von Karin Kampwerth

Das Gerücht, dass Nick Woodland einst bei den Rolling Stones einsteigen sollte, hält sich hartnäckig. Und verwundert auch am vergangenen Freitagabend im voll besetzten Alten Kino in Ebersberg wohl keinen Besucher. Nicht nur, weil Woodland, gerade 64 Jahre alt geworden, von Weitem betrachtet durchaus als Bruder von Keith Richards durchginge. Wofür übrigens nicht nur die eine oder andere, nun ja, nennen wir es mal mimische Lebenslinie spricht, sondern vor allem natürlich der Sound seiner Stimme, die irgendwo zwischen Bob Dylan und John Mayall mit einem Schuss Eric Clapton einzuordnen ist.

Dabei ist Woodland in erster Linie natürlich nicht Sänger, sondern Gitarrist. Ein Musiker durch und durch, der für seine lässige Performance keine große Showbühne braucht, sondern ein Publikum, dass bei Rhythm and Blues, Country and Folk mitgeht. Diesem Anspruch folgen die Ebersberger mit über den Abend wachsender Begeisterung. Zurecht, denn Woodland erzeugt im immer wieder mitreißenden Zusammenspiel mit Klaus Reichardt, großartig an Keyboards und Pedal Steel Guitar, Tom Peschel, gefühlvoll am Bass, und Manfred Mildenberger, temperamentvoll am Schlagzeug, eine Energie, die so manchen vom Stuhl gerissen hätte, wären diese nicht aufgrund des großen Zuspruchs recht eng im Alten Kino gestellt gewesen.

Vielleicht erinnerte einige die dichte Atmosphäre aber auch an legendäre Schwabinger Kneipennächte aus den Achtzigern, die der in London geborene und in München beheimatete Woodland durchaus musikalisch bestritten hat. Seinen Fans beschert diese Vergangenheit einen unnachahmlichen Mix aus schwarzem britischen und krachertem bayerischen Humor, der sich - fast schade - auf nur wenige kurze Ansagen zwischen den einzelnen Stücken konzentriert. Etwa bei der Beschreibung eines Songs, der zwei Minuten lang sei, aber nur 1.45 dauern würde, "wenn wir ordentliche Drogen hätten." Diese Zeiten seien bei ihm allerdings längst vorbei, bedauert Woodland, aber da müsse man eben durch, Arjen Robben schaffe das schließlich auch. Wobei der Musiker schnell erklärt, dass die Gemeinsamkeit mit dem niederländischen FC-Bayern-Spieler nicht im Konsum unerlaubter Substanzen zu suchen ist: "Wir haben am gleichen Tag Geburtstag."

Hin und wieder blitzt zudem die Zusammenarbeit Woodlands mit dem Kabarettisten Georg Ringswandl auf, für dessen Sound er lange Jahre den prägenden Ton angegeben hat. Selbst im vogelwilden Schrägdenken zeigen sich durchaus Parallelen. So kündigt Woodland auch mal ein Lied auf arabisch an, dessen Refrain belgisch sei und das von Pommes handele. Gesungen hat er das Ganze dann freilich auf Englisch. Grundsätzlich ist Woodland aber keiner, der von der Bühne aus sein Publikum niederquatscht. Auch nicht in Ebersberg. Das mag an seiner Vergangenheit als Studiomusiker liegen, was doch ein eher einsames Vergnügen ist. Dafür aber ein durchaus erfolgreiches, denn die Gitarrenriffs des Briten klingen in Aufnahmen von Donna Summer oder The Clash durch. Und auch für Boney M. hat er das eine oder andere Stück im Studio eingespielt.

Auf der Bühne fühlt sich Woodland augenscheinlich dann am wohlsten, wenn er sich ganz seinen selbst geschriebenen Stücken hingibt. Unfassbar lässig steht er mit schwarzem Zylinder, Nickelbrille, dunklem Sakko und zerrissener Jeans da oben, schließt die Augen und liefert beinahe bewegungslos einen Retro-Rhythmus ab, der das Alte Kino zum Kochen bringt. Wenn Woodland dann "I'm the Blues" singt und dazu ein wenig in der Hüfte wippt, während man angesichts der Hitze im Sound Stage Diving erwarten würde, fällt einem eigentlich nur ein: Cooler geht kaum.

Doch der Gegenbeweis ist spätestens dann angetreten, wenn Woodland seine Mitmusiker zu entfesselten Soli antreibt. Allen voran der gerade einmal halb so alte Schlagzeuger Manfred Mildenberger, der, eigentlich Grippe geschwächt, mit seinen leidenschaftlichen Einsätzen jeden einzelnen Virus bis zur Atemlosigkeit in Grund und Boden trommelt. Das Publikum nimmt es begeistert auf, denn es erlebt ein Konzert ohne Show-Schnickschnack, ein authentisches Stück Musikgeschichte, einen Abend, der - bei ein oder zwei weiteren Zugaben - durchaus in einer wilden Party hätte enden können.

© SZ vom 23.02.2015
Zur SZ-Startseite