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Der Sport im Ort:Sieben Tage im Becken

Amelie Kiermeier vom Schwimmverein Grafing-Ebersberg beim Training im Ebersberger Hallenbad. Mit 16 geht es für sie langsam aber sicher auf das Abitur zu. Nebenbei noch den Führerschein machen, Familie und Freunde. Wie sie das alles unter einen Hut kriegt? "Reine Gewohnheitssache."

(Foto: Christian Endt)

Amelie Kiermeier aus Grafing zählt zu den besten Nachwuchs-Schwimmerinnen der Region - bei den Oberbayerischen Titelkämpfen holte sie sechsmal Gold. Wie die 16-Jährige die Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft schaffen will - und zudem das Abitur

Eine halbe Stunde Aufwärmen an Land ist geschafft. Amelie Kiermeier betritt mit ihren Teamkameraden das Becken. Nun steht erst einmal Techniktraining auf dem Programm. Was das heißt, ist allen klar: Es geht hinein ins Becken. Das Wasser spritzt gerade so, während sie sich nacheinander in Bewegung setzen.

Amelie Kiermeier vom Schwimmverein Grafing-Ebersberg hat zuletzt große Erfolgen eingefahren: sechsfaches Gold bei den oberbayerischen Meisterschaften, wofür sie Anfang des Jahres vom Landkreis Ebersberg geehrt wurde - und vor allem die Teilnahme an der Süddeutschen Meisterschaft in der vergangenen Saison. Wenn sie dort auch nicht ganz oben habe mitmischen können, sei sie dennoch stolz darauf, dort eine persönliche Bestzeit geschwommen zu sein.

Wer dauerhaft Erfolg haben möchte, darf sich nicht auf Talent oder auf erreichten Triumphen ausruhen. Deswegen trainiert die 16-Jährige siebenmal die Woche, dreimal früh morgens vor dem Unterricht, viermal an Abenden und am Wochenende.

Wie bekommt man das alles unter einen Hut? Schließlich ist sie in einem Alter, in dem es langsam aber sicher auf das Abitur zugeht. Nebenbei noch den Führerschein machen, Familie und Freunde. "Das ist reine Gewohnheitssache", erklärt die Grafingerin bei einem Treffen während des Trainings im Ebersberger Hallenbad. Man müsse nur lernen, sich seine Zeit richtig einzuteilen. Hausaufgaben erledigt sie vor dem Training. Wenn zur Hochsaison im Sommer jedes Wochenende durchgeplant ist, müsse sie eben vorarbeiten.

Was das Familienleben betrifft, sei es schon etwas Besonderes, wenn mal ein Abendessen in voller Besetzung - mit Vater, Mutter und Bruder - zustande komme. "Man muss halt Lücken finden", sagt Amelie. Die Familie habe aber Verständnis, da Sport bei ihnen allen einen hohen Stellenwert einnimmt. Vater und Mutter waren früher Volleyballspieler, genau wie der Bruder jetzt. Außerdem war ihr Vater Rettungsschwimmer. Die Vorliebe für das Wasser kommt nicht von ungefähr.

In flüssigen, kraftvollen Bewegungen tauchen Amelies Arme ein und aus. Nach jedem dritten Zug dreht sie den Körper nach links oder rechts, um kurz Luft zu holen, und schon verschwindet das Gesicht wieder unter der Oberfläche.

Nun kommt es auch vor, dass Wettkämpfe sich mit der Schule überschneiden. Für die Deutsche Meisterschaft beispielsweise war sie eine ganze Woche unterwegs. Was funktioniert, weil sie solche Reisen mit der Schule abklärt: Solange die Leistungen stimmen, wird sie dann vom Unterricht freigestellt. Und stimmen die Leistungen? "Ich kann mich nicht beschweren", sagt sie. Irgendwie schafft sie es auch noch, nebenbei die Theater-AG der Schule zu leiten.

Den Schwimmsport hat sie recht spät - in der fünften Klasse - für sich entdeckt, und zwar durch einen Zufall. Eine Freundin habe ihr am Montag immer begeistert von ihren Schwimmwettkämpfen vom vergangenen Wochenende erzählt. Also machte sie einen ersten Versuch. Heute sagt sie: "Ich habe vieles ausprobiert, aber Schwimmen passt am besten zu mir."

Sie erkennt aber auch, dass Ehrgeiz ein zweischneidiges Schwert ist: "Ich bin ziemlich streng mit mir." Hier, erklärt sie, kommt Trainer Markus Kühn ins Spiel, den sie als "Ruhepol, aber auch Motivationsredner" beschreibt. Dieser würde ihr immer wieder sagen, dass es auch mal schlechtere Tage geben muss. Außerdem führe er ihr anhand konkreter Zahlen vor Augen, dass der Leistungstrend trotz zwischenzeitlicher Schwächen kontinuierlich aufwärts gehe. Kühn selbst ergänzt: "Amelie versucht, immer 100 Prozent zu geben." So schön das auch sei, dürfe man dabei auch eine gewisse Lockerheit nicht verlieren. Irgendwann muss man damit umgehen, dass man die eigene Bestzeit nicht ständig überbieten kann. Solche Dinge sind Kühn zufolge Gegenstand regelmäßig stattfindenden Mentaltrainings.

Indessen zieht Amelie auf dem Rücken ihre Bahnen durch das Becken. Die Augen sind zur Decke geheftet, ihre Strecken schnurgerade. Rücken und Kraulen sind ihre Stärken, verrät Kühn, die Brust hingegen ihre schwächere Lage. In diesem Alter sei es völlig normal, sich auf ein oder zwei Disziplinen spezialisiert zu haben.

Wie Amelie verrät, gab es einen bestimmten Punkt in ihrer jungen Karriere, an dem sie für sich selbst feststellte: "Oh ja, das geht ganz schön was." Es war in einem Trainingslager vor vier Jahren als sie plötzlich andere überholte, die bis dahin stets schneller waren als sie. Kurz darauf folgte der Wechsel zu ihrem aktuellen Trainer in die Gruppe der "Rubine". Seither erreicht sie regelmäßig die Qualifikationszeiten für die immer besseren Wettkämpfe. Parallel trainiert sie mit dem "Team Deutsche Meisterschaften".

Die Teilnahme an den nationalen Wettkämpfen ist laut Kühn ihr größtes gemeinsames Ziel. Zuerst aber gelte es, sich noch einige Jahre lang wiederholt für Süddeutschen Meisterschaft zu qualifizieren. Die heiße Phase hierfür beginnt demnächst. "Ich will doch meinen, dass es für dieses Jahr gut aussieht", sagt der Coach. Während des Sprechens wandert der Blick des Trainers immer wieder wachsam zu seinen Schützlingen. Diese wissen auch ohne viele Anweisungen, was zu tun ist. In stets gleichen Abständen schwimmen sie neben- und hintereinander her, der Beinschlag kommt aus der Hüfte.

Die Gefahr, dass Amelie das Schwimmen irgendwann satthaben könnte, sieht Kühn nicht. Im Alter von dreizehn bis vierzehn sei die Quote derer, die keine Zeit oder Lust mehr für den Sport haben, am höchsten. Diese Zeit habe Amelie bereits überstanden. "Ich sehe da kein Problem bei ihr." Amelie selbst bestätigt: Ja, es mache immer noch genauso viel Spaß wie am Anfang. Wie bei jedem anderen gebe es zwar auch für sie Tage, an denen sie sich aus dem Bett quälen müsse, doch am Ende lohne es sich immer. "Nach dem Training fühle ich mich besser. Ich schlafe besser, bin aber auch wacher."

Sie möchte daher "so lange wie möglich weiter schwimmen und die Leistungsebene halten". Nicht nur der Sport selbst, sondern auch der damit verbundene Besuch vieler Städte haben es ihr angetan. Zumal sie in dem Verein etwas wie eine "zweite Familie" gefunden habe. Ob Eltern, Vorstand, Trainer oder Mitschwimmer, "die Leute sind immer für einen da und bauen einen wieder auf, wenn es mal nicht so klappt".

Dies weiß Trainer Kühn zu bestätigen: "Amelie ist im Team sehr wichtig. Sie hält alle zusammen, die kleinen und die großen. Sie ist ein positiver Faktor in der Gruppe". In der je nach Tag zwischen elf- und vierzehnköpfigen "tollen Truppe" sind die Mädchen deutlich in der Überzahl, da die meisten Jungs laut Kühn lieber Fußball oder Handball spielen.

Aus all diesen Gründen würde Amelie den Sport sehr ungern aufgeben, auch wenn sie die oberste Priorität klar bei der "Zukunftsbildung", und damit beim Abi sehe. Deswegen habe sie heuer ihre Wettkampfbeteiligung auch ein wenig zurückgefahren. Nach der Schule möchte sie auf jeden Fall studieren, befindet sich nach eigenen Worten aber noch in der Orientierungsphase. Während des Studiums will sie weiterschwimmen, auch wenn sie es dann womöglich nur noch als Hobby weiterführen kann.

Kühn beendet die Technikübung. Amelie Kiermeier stützt sich am Beckenrand auf und hört sich an, was ihr Coach zu sagen hat. Nun wird Schnelligkeit trainiert. Amelie lässt sich zurück ins Wasser gleiten. Jetzt wird es erst richtig anstrengend.