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Corona-Folgen in Ebersberg:"Auf dem Rücken der Kinder"

Endlich wieder Unterricht in Präsenz. Doch welche Auswirkungen wird das lange Lernen auf Distanz zeigen? Und wann?

(Foto: Christian Endt)

Noch ist unklar, wie viele Schüler im Landkreis ihre Jahrgangsstufe wegen der Pandemie wiederholen müssen. Experten befürchten, dass die Wissenslücken erst im kommenden Schuljahr Konsequenzen haben werden

Von Karin Pill

EbersbergNach eineinhalb Jahren Pandemie-Unterricht haben viele Kinder nicht nur psychisch gelitten, sondern sind auch pädagogisch auf der Strecke geblieben. Bei den Nachhilfeinstituten ist der Andrang so groß wie selten - und tatsächlich tun sich große Wissenslücken auf. Parallel kursieren in Elternkreisen Gerüchte, die dramatisch klingen: Ganze oder jedenfalls halbe Schulklassen müssten wegen der Defizite im Corona-Schuljahr die aktuelle Jahrgangsstufe wiederholen, heißt es. Doch ganz so dramatisch scheint es nicht zu sein. Vertreter verschiedener Schultypen im Landkreis halten es zudem für verfrüht, jetzt ein Fazit zu ziehen, etwa der Schulleiter der Realschule in Ebersberg, Micha Schreiber. Dort habe es zwar Schüler gegeben, die bereits zum Halbjahr die Klasse abgebrochen hätten - "aber auch nicht mehr als sonst".

Durchfallen sei im Schuljahr 2020/21 zwar möglich, bestätigt das Bayerische Ministerium für Unterricht und Kultus, dennoch seien die Schulen wegen der Pandemie angehalten, großzügig von dem Recht "Vorrücken auf Probe" Gebrauch zu machen. Man wolle die Schüler schließlich nicht mit schlechten Noten ausbremsen, sondern mit Zuspruch motivieren, betonten mehrere Schulleiter im Landkreis.

Nach langen Monaten Online-Unterricht heißt es nun für viele Schüler also noch einmal büffeln. Denn während im Homeschooling keine Benotung erlaubt war, können fehlende Noten nun in Präsenz nachgeholt werden. "Aktuell werden zwar keine Schulaufgaben mehr geschrieben" erklärt Andreas Tabbert vom Bayerischen Kultusministerium, "aber Leistungsnachweise können trotzdem in Form von Stegreifaufgaben oder etwa mündlichen Abfragen erfolgen".

Stefan Mühlfenzl, Mitarbeiter im Schulleitungsteam des Gymnasiums Kirchseeon, möchte nicht jetzt schon beurteilen, ob und wie viele Corona-bedingte Klassen-Wiederholungen es geben wird. Aber, so Mühlfenzl, es sei auch vermessen zu sagen, dass im laufenden Schuljahr keine Lücken bei den Schülern entstanden seien. Doch sei es nun Aufgabe der Pädagogen, die schulischen Leistungen dieses Jahres "pädagogisch feinfühliger" zu handhaben. In den kommenden Wochen stünden nun sogenannte Lernstandsprognosen an, anhand derer man die Defizite erkennen könne, so Mühlfenzl. "Unsere Aufgabe ist es dann, die entsprechenden Schüler aufzufangen und ihnen Lernmaterial zur Verfügung zu stellen."

Die Schulpsychologin und Ansprechpartnerin der schulischen SOS-Nachhilfe am Gymnasium Vaterstetten, Eva Breitenbach-Grill, ist sich sicher: Das wahre Ausmaß der Wissenslücken wird sich erst im kommenden Schuljahr zeigen. Dass die meisten Schüler - selbst jene, die bislang immer gut waren - unter diesem Corona-Jahr gelitten haben, offenbarte sich der Psychologin während ihrer Online-Beratungen in den vergangenen Monaten. Mit Projekten wie der SOS-Nachhilfe am Gymnasium in Vaterstetten möchte sie die Kinder in den verbleibenden sechs Wochen des Schuljahres wieder stabilisieren.

Auch Nicole Storz, Rektorin des Gymnasiums in Grafing, hält es für möglich, dass die nun entstandenen Wissenslücken erst im nächsten Schuljahr Konsequenzen haben werden. "Ich denke, es wird einige geben, die nächstes Jahr freiwillig wiederholen wollen", so Storz.

Nora Schlund, die mit ihrem Mann ein Nachhilfeinstitut in Grafing und Kirchseeon leitet, sagt: "Wir merken, dass bei den Schülern wenig da ist". Dennoch beobachte sie, dass viele Schüler die Situation von Anfang an ernst genommen hätten und mit privater Lernhilfe vorsorgen wollten. Die Kinder und Jugendlichen, die bei den Schlunds Nachhilfe nehmen, stammen aus allen Jahrgangsstufen. "Das geht in der Grundschule los, weil die Kleinen nicht richtig lesen und schreiben gelernt haben, bis hin zu den klassischen Oberstufenfächern wie Mathe, Französisch, Latein." Aber auch das Interesse an der Legasthenietherapie sei groß, so Schlund.

Verantwortlich hierfür macht sie das langsame Handeln des Kultusministeriums zu Beginn der Pandemie. Lange habe die Bürokratie einen effizienten Schulunterricht am PC verhindert. Schlund habe von ihren Nachhilfeschülern erfahren, dass diese oft aufgefordert waren, ihre Kameras aus Datenschutzgründen oder zugunsten einer besseren Internetverbindung auszuschalten. "Aber wie soll ich Buchstaben lernen, wenn ich einfach nur zuhause sitze und Videos anschaue?", fragt Schlund. Die persönliche Beziehung zu den Lehrern sei verloren gegangen, Austausch und Gruppendynamik habe es nicht gegeben.

Während die Schülerinnen und Schüler an den Gymnasien und Realschulen im Landkreis nun also büffeln, um noch gute Noten im Corona-Schuljahr zu bekommen, sieht Susanne Böhm, Rektorin der Mittelschule in Grafing, ihre Zöglinge in einer komfortableren Position. "Wir haben nicht den Druck wie an einer weiterführenden Schule, dass wir tolle Noten erreichen müssten." An ihrer Mittelschule konzentriere man sich nun auf das Pädagogische und die individuelle Förderung der Schüler, fernab von Bewertungen oder Wiederholungsängsten.

Die Möglichkeit, dass Lehrerinnen und Lehrer fortführender Schulen Noten vergeben dürfen, die eher motivieren sollen als den tatsächlichen Lernstand widerzuspiegeln - wie vom Kultusministerium ermöglicht - kritisiert Nachhilfelehrerin Schlund entschieden: Das habe nur zur Folge, dass die Kinder und Jugendlichen sich in falscher Sicherheit wögen. Manche ihrer Schülerinnen und Schüler bekämen nun, in den letzten Wochen vor den Sommerferien, noch Noten, "von denen kein Mensch weiß, wo die herkommen". Sie erzählt, dass eine ihrer Schülerinnen bei einer Prüfungssimulation im Nachhilfeinstitut knapp an der Note sechs vorbeigeschrammt sei, wohingegen sie wenige Tage später in der Schule eine Eins bekommen habe. Für die Nachhilfelehrerin sind die guten Noten vor den Ferien schlicht Kalkül. "Da müssen einfach Quoten eingehalten werden - auf dem Rücken der Kinder."

© SZ vom 14.06.2021
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