Begeistertes Publikum Vielschichtige Barockkunst fein zelebriert

Bevor er in die Tasten greift, gibt Benjamin Engeli dem zahlreichen Publikum im Ebersberger Alten Kino eine Werkeinführung.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der Schweizer Pianist Benjamin Engeli stellt sich Bachs "Golberg-Variationen" - mit grandiosem Erfolg

Von Peter Kees, Ebersberg

"Kraut und Rüben haben mich vertrieben": Dieses sächsische Volkslied hat Johann Sebastian Bach - neben einem weiteren Gassenhauer - in seinen "Goldberg-Variationen" verarbeitet. Zu hören in der letzten der 30 Variationen, dem so genannten Quodlibet; einer Kompositionsform, in der verschiedene Melodien miteinander kombiniert werden. In der Familie Bach soll es Usus gewesen sein, spontan mehrere Volkslieder übereinander gelagert zu singen, und zwar so, dass es harmonisch klingt. Davon erzählte am Sonntag der Schweizer Benjamin Engeli beim Ebersberger Klavierzyklus des Kulturvereins Zorneding-Baldham im Alten Kino. Auf dem Programm: ausschließlich jene Goldberg-Variationen, eine der bedeutendsten Reihen der Musikgeschichte.

Noch ein anderer berichtet vom überlagernden Singen verschiedener Straßenlieder in der Bachfamilie: Bachs erster Biograf Johann Nikolaus Forkel, der auch die Namensgebung dieses Variationszyklus' erklärt: Graf Hermann Carl von Keyserlingk, in dessen Diensten der Cembalist Johann Gottlieb Goldberg stand, soll nicht besonders gut geschlafen haben, weswegen er Bach beauftragte, ein Werk zu komponieren, das ihm Goldberg in den schlaflosen Nächten zur Aufmunterung vorspielen sollte. Doch diese hübsche Anekdote ist lediglich eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. "Denn als Bach die Goldbergvariationen schrieb, war der Cembalist gerade mal 13 Jahre alt, konnte also noch gar nicht in den Diensten des Grafen gestanden haben," so der Schweizer Pianist in Ebersberg. Bevor er in die Tasten griff, hatte Engeli dem reichlich erschienenen Publikum erst einmal eine gut dreißigminütige, hoch informative Werkeinführung gegeben, erläuterte, wie Bach aus dem schreitenden, langsamen italienischen Tanzsatz "Aria" komplexe Spielarten schuf - zehn Charakter-Variationen, zehn virtuose Variationen sowie zehn Kanon-Variationen - und veranschaulichte den architektonischen Aufbau, die Symmetrie des Werkes. Einmal mehr wurde deutlich, wie nahe Musik der Mathematik sein kann.

Danach perlte der Flügel. Da tönte es freudig, tänzerisch, kraftvoll, ein andermal zart, spielerisch, leicht oder gar in sich gekehrt. Große Virtuosität wechselte sich ab mit kontemplativen Momenten. Engeli, der als Preisträger verschiedener Musikwettbewerbe auf den großen Podien der Welt zu Hause ist, vermochte diese vielschichtige Barockkunst sehr feinfühlig und differenziert zu gestalten und vermittelte dabei den Geist des Werkes samt seinen unterschiedlichen Stimmungen äußerst sensibel. Er interpretierte denkend, analytisch, zugleich hoch emotional. Der Schweizer zelebrierte die Charaktere der einzelnen Variationen gleichsam, ohne dabei den Spannungsbogen des gesamten Werkes aus den Augen zu verlieren.

Die Partitur stellt große Anforderungen an ihren Spieler. Nicht nur technisch meisterte sie Engeli. Immer wieder meinte man, ein Cembalo herauszuhören. Bach hat seine Goldberg-Variationen für Tasteninstrumente komponiert, ein Klavier in der heutigen Form existierte 1741, im Entstehungsjahr der Goldberg-Variationen, noch nicht. Der von Bach veranlasste Erstdruck trägt den Titel "Clavier Ubung bestehend in einer Aria mit verschiedenen Verænderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen". Zwei Manuale bedeutet, dass dem Spieler für jede Hand eine eigene Tastatur zur Verfügung steht. So etwas auf einem Klavier gespielt - also lediglich auf einem Manual - führt in manchen Variationen zu regelrechter Handakrobatik, der Pianist muss mit einer Hand über die andere greifen. Manche sehen in dieser Kunst den Ritterschlag eines Pianisten. Der 1978 geborene Engeli beherrscht sie grandios. Das Publikum jubelte. Völlig zu Recht. Und nun? Nach den Goldberg-Variationen kann man keine Zugabe spielen.