Adventskalender Zu Weihnachten zwei neue Zähne

Patrizia H. kann sich nichts leisten, sie leidet an schwerer Arthrose. Trotzdem bleibt sie optimistisch.

Von Alexandra Leuthner, Poing

Sie müht sich mit einem Gehwagen zu ihrer Wohnungstür, um zu öffnen. Viel Platz ist hier nicht, und das sperrige Gefährt macht es nicht eben leichter für die Rentnerin, sich in dem kleinen Vorraum zu bewegen. "Das soll aber bald vorbei sein", ruft sie. Den Oberschenkel hat sie sich gebrochen im Juli, und das dauert, bis das Bein wieder richtig bewegungsfähig ist. Aber Patrizia H. (Name geändert) ist zuversichtlich - wie sie immer zuversichtlich war. "Ich kann gar nicht verstehen, wie man sich hängen lassen kann." Nein. Sobald sie wieder richtig laufen könne, wolle sie wieder raus, mal zum Friseur gehen, wieder nach München fahren, ins Café gehen - wenn sie es sich leisten kann.

Die Monatsfahrkarte habe ihr zuletzt, wenn sie Glück gehabt habe, immer ein Bekannter bezahlt, erzählt die 66-Jährige. Von dem Geld, das sie vom Sozialamt bekommt als Aufstockung ihrer Rente, kann sie die 63 Euro für eine Seniorenmonatsfahrkarte ja kaum bezahlen. 120 Euro bleiben ihr von 720 Euro Rente, wenn die Warmmiete beglichen ist. Das Sozialamt stockt den Betrag mit 224 Euro auf, Grundsicherung eben. Davon aber muss sie jeden Monat noch 30 Euro für einen Überbrückungskredit zurück zahlen, den sie von der Arbeitsagentur bekommen hat.

Denn ihre erste Rente hat sie Ende Januar bekommen, das letzte Arbeitslosengeld aber Anfang Dezember des Vorjahres. "Kann man sich das vorstellen: einen Monat ohne einen Cent." Den Kaffee, den sie gelegentlich mit Freundinnen in einem Kaffeehaus in der Münchner Innenstadt trinkt, bekommt sie meistens spendiert, zu ihrem Glück. "Ich hab' dort mal gearbeitet."

So richtig gut hat es das Leben nie gemeint mit Patrizia H. Aufgewachsen ist sie bei einer Adoptivmutter, mit der sie sich nicht gut verstand. Früh ging sie von zu Hause weg, früh bekam sie ein Kind mit einem Mann, der sie schlug, wie sie erzählt. "Wenn man jung ist, macht man so manchen Unsinn", sagt sie. Als die Adoptivmutter starb, warf das die junge Frau dennoch aus der Bahn. Sie brach ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau ab, schaffte es aber, bei einem Lebensmittelgroßhändler einen Job im Büro zu bekommen.

Bis sie ein anderer Arbeitgeber abwarb, ihr die Leitung eines Kiosks übertrug - und sie nach kurzer Zeit zusammen mit neun anderen Angestellten wieder auf die Straße setzte. Betriebsbedingt. Da war sie um die 60. "Da nimmt dich keiner mehr." Also ab in die Arbeitslosigkeit - bis jetzt, bis zur mageren Rente.

In diesen sechs Jahren seither trennte sie sich von ihrem Mann, der an Schizophrenie leidet. "Das habe ich nicht gepackt", sagt sie. Mit ihrem Ex-Mann und seiner Frau hat sie dennoch guten Kontakt, jeden Morgen ruft er an, die Drei feiern miteinander Weihnachten. Der Ex-Mann war es auch, der Patrizia H. bewusstlos im Bad fand, eines Tages im Februar.

Das Schmerzmittel, ein Opiat, das sie Jahre lang gegen ihre von einer Arthrose herrührenden Knochenschmerzen genommen hatte, war für ihren Körper plötzlich zu viel geworden. Sie fiel in Ohnmacht, dann ins Koma. Drei Wochen lang hing sie zwischen Tod und Leben. Als sie von der Reha nach Hause kam, hatte die Tochter mit ihrer EC-Karte die letzten 200 Euro vom Konto geholt, die sie noch als Notgroschen besaß.

Wegen der Arthrose hat sie bereits mehrere Wirbelsäulenoperationen hinter sich, auch beide Knie sind operiert. Ein Halswirbel verursacht ihr häufigen Schwindel. Eine Augen-OP gegen den grauen Star steht an. Patrizia H. hört auch schlecht, müsste sich ein gutes Hörgerät besorgen, "aber das kann ich mir nicht leisten." Das von der Kasse finanzierte Gerät lasse die eigene Stimme in ihrem Innern klingen, als wäre sie aus Metall. "Das ertrage ich nicht."

Also muss sie sich ständig anstrengen, um einer Unterhaltung folgen zu können. Das Bein hat sie sich gebrochen, weil ihre Muskeln nach der Erkrankung lange Zeit nicht richtig funktionierten. Jetzt sitzt sie in einem Fitnessstudio immer wieder an der Beinpresse, zum Glück hat sie dafür ein Rezept vom Arzt. Bis Januar immerhin hat sie eine Haushaltshilfe vom Sozialamt, die einmal in der die Woche bei ihr putzt.

Was sie sich am dringendsten wünscht? "Dass ich meine Wohnung mal wieder selbst auf Vordermann bringen kann", sagt sie. Nach der Reha sei sie gerade noch in der Lage gewesen, sich etwas zum Essen zu machen. Ein paar Sessel hätte sie auch gern, derzeit sitzen Besucher bei ihr auf harten Holzstühlen. Am wichtigsten aber seien zwei neue Zähne. "Die schmerzen immer wieder." Bei 280 Euro liege der Kostenvoranschlag, 116 Euro zahlt die Kasse. "Den Rest müsste ich selber übernehmen, aber wovon?"