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Drama:Herzen schlagen links

"Und morgen die ganze Welt" erzählt von jungen Leuten, die sich in der Antifa engagieren. Doch wie weit darf der Kampf gegen Rechtsextremismus gehen?

Von Josef Grübl

Die Party ist vorbei: Luisa (Mala Emde, rechts) und ihre beste Freundin (Luisa-Céline Gaffron) wissen nicht, wie es weitergeht.

(Foto: Alamode Film)

Die morschen Knochen zittern noch immer: Das 1932 entstandene Lied von Hans Baumann wurde von der Hitlerjugend oft gesungen, am bekanntesten ist die Zeile: "Heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt". Solche Allmachtsfantasien gibt es heute noch, Julia von Heinz knüpft daran in ihrem neuen Film an: Und morgen die ganze Welt zeigt die Nazis von heute, wie sie marschieren und skandieren, wie sie sich bewaffnen und antisemitische Lieder grölen ("Das ist ein Jud, frag nicht lang nach, mach ihn kaputt"). Was ist, fragt die Regisseurin, wenn man sie damit weitermachen lässt: Gehört ihnen dann bald Deutschland und die ganze Welt? Warnzeichen gibt es ja genug, siehe NSU, siehe Hanau, siehe den Mord an Walter Lübcke.

Das empfindet auch die Protagonistin des Films so: Luisa (Mala Emde) studiert Jura im ersten Semester, sie ist privilegiert und stammt aus einer gut situierten Adelsfamilie. Als sie sich in der Antifa engagiert, findet das ihr Vater in Ordnung - und zitiert Churchill: "Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz." Als sie in ein besetztes Haus zieht, akzeptieren das die Eltern auch noch. Als sie sich aber am heimischen Jagdwaffenschrank bedient, um für den Kampf gegen die Rechten gewappnet zu sein, scheint eine Grenze erreicht - wobei Luisa sich selbst darüber unsicher ist. Wie weit darf man für seine Überzeugung gehen, fragt dieser Film.

Julia von Heinz (Hannas Reise, Ich bin dann mal weg) und ihre Mann John Quester, mit dem sie auch das Drehbuch geschrieben hat, erzählen das sehr packend, sie kennen sich mit dem Thema aus: Die beiden lernten sich in den Neunzigerjahren in Bonn kennen, beide waren in der Antifa, organisierten Demos und verfassten Flugblätter. Sie bewegten sich also in einer Szene, die der derzeitige US-Präsident als Terrororganisation einstufen will - was neben dessen Gesinnung auch viel über die Spaltung unserer Gesellschaft aussagt. Die Fronten sind verhärtet, nicht nur bei den Rechten oder Linken, sondern längst auch in der Mitte. Und morgen die ganze Welt kommt zur richtigen Zeit, nicht nur in Deutschland: Der Film lief im Wettbewerb von Venedig und wurde dort mit großem Applaus angenommen.

Und morgen die ganze Welt, Regie: Julia von Heinz

© SZ vom 29.10.2020
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