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Die Regeln auf dem Wasser:Aufs Münchnerischste geregelt

Die Seepolizei in Aktion.

(Foto: Imago)

Die Squadra Nautica passt auf dem See auf, dass alles seine Ordnung hat: Höchstgeschwindigkeit, Nacht-Surfverbot, Rückspiegel am Boot. Und, und, und

Von Dominik Hutter

Da hinten, da steht alles, was man wissen muss. Luca Spagnolli zeigt auf eine Tafel an der Mauer. Die Hitze flirrt, obwohl es noch nicht einmal Mittag ist, und am Strand von Riva drängeln sich die Massen. Die ersten 40 Segler sind schon draußen auf dem See, berichtet Spagnolli, der vom Fahrrad bis zum Katamaran diverse Sportartikel verleiht. Der nächste Schwung folgt gegen elf. Die Urlauber, auffallend oft sind es Münchner, starten in einer kleinen geschützten Bucht. Dann geht es hinaus aufs offene Wasser, das vor Riva mehr als 300 Meter tief ist. Schwimmer, Surfer, Segler, Taucher, Schnorchler kommen sich in die Quere - ohne klare Regeln funktioniert das nicht. Der gebürtige Bozener weist deshalb vorsorglich jeden darauf hin, was es zu beachten gilt. Vor allem die manchmal lästige Schwimmwestenpflicht, die sogar auf dem Surfbrett gilt. "Ich sage jedem Gast: Das ist wie beim Sicherheitsgurt im Auto." Selbstverständlich also.

Wie im Auto kann es auch auf dem Wasser teuer werden, wenn man die Regeln ignoriert. 172 Euro kostet eine Tour ohne Schwimmweste - sofern die Polizei den Sünder erwischt. Und das kommt durchaus vor. Am Porto San Nicolo ist die Squadra Nautica stationiert, die Wasserschutzpolizei: fünf Männer, ein großes und ein mittleres Motorboot, dazu zwei Acquascooter, die wie Bobs über den See sausen können. Ihre Hauptaufgabe: Verunglückten helfen, Umweltsünder stellen und die Einhaltung der Verkehrsregeln kontrollieren. Im Nordteil des Sees, der zum Trentino gehört, gilt eine Spezialweisung: keine Motorboote. Lediglich Linienschiffe dürfen die Wasserfläche vor Riva und Torbole passieren, ansonsten regiert hier allein der Wind.

Natürlich versuchen einige Motorboote trotzdem, gen Riva durchzustechen. Acht bis zehn stoppt die Squadra Nautica pro Tag, schätzt Sovrintendente Capo (Hauptkommissar) Marco Camparada. Das macht ein hübsches Pensum pro Saison, die von März bis Oktober dauert. 221 Menschen haben die Polizisten 2014 aus den Fluten des Gardasees gerettet, es gab 26 Suchaktionen, sechs Leute konnten nur noch tot geborgen werden. Wie in Urlaubsorten so oft, spielen Übermut und vor allem Alkohol eine große Rolle bei Unfällen auf dem See.

Doch nicht nur die Squadra Nautica kommt in Not geratenen Urlaubern zu Hilfe. Auch Bootsverleiher wie Spagnolli, dessen Büro sich direkt am See auf dem Gelände des noblen Hotel Du Lac befindet, halten für alle Fälle Schlauchboote mit Außenmotor bereit - das ist Pflicht, um eine Lizenz zu erhalten. Und natürlich sticht das Boot nicht nur für Kunden von "Sailing Du Lac" in See. "Wir holen jeden rein", versichert Spagnolli, der fließend Deutsch spricht, was für sein Geschäft zweifellos sinnvoll ist: Denn im August, so übertreibt er mit ironischem Unterton, sei wahrscheinlich die Hälfte aller Gäste aus Bayern, und von denen wiederum ein Gutteil Münchner. Denen will Spagnolli die Anfahrt zum Lago möglichst einfach machen: Am Eingang zu seinem Verleih verbreiten gleich mehrere Fahnen mit dem Logo der Deutschen Bahn heimatliche Gefühle - es gibt eine spezielle Kooperation mit dem deutschen Unternehmen: per Zug direkt vom Münchner Hauptbahnhof nach Rovereto, dort werden die Urlauber abgeholt.

Eine Einführung in die Lago-Verkehrsregeln gehört zu den Kursen aller Veranstalter. Regatten etwa haben immer Vorrang, ebenso wie Linienschiffe und Rettungsboote. Streng genommen gibt es sogar ein Tempolimit, nur spielt das im motorbootfreien Nordteil keine große Rolle: 25 Knoten tagsüber, fünf in der Nacht. Direkt an der Küste und im Hafen gilt Tempo drei. Prinzipiell müssen Motorboote immer mindestens 300 Meter vom Ufer entfernt sein, vor Salò und in einigen anderen Bereichen gilt eine Ausnahme. Windsurfen ist nur tagsüber erlaubt. An jedem Motorboot dürfen maximal zwei Wasserskifahrer mitfahren, Rückspiegel und Erste-Hilfe-Ausrüstung sind obligatorisch. Und, und, und. Anarchie ist nicht das Markenzeichen des Gardasees.

Nur der See selbst hält sich an keine Regeln. Manche Badegäste, so berichtet Spagnolli, haben über Nacht schon ihr blaues Wunder erlebt: Wenn der gemütlich warme See am nächsten Morgen plötzlich um sechs bis sieben Grad kälter ist, weil der Wind die kalten Wassermassen nach oben befördert hat. Ein solcher Temperaturschock ist an Münchner Badeseen eher selten. Der Gardasee ist außerdem bis zu 350 Meter tief. Der Starnberger See kommt lediglich auf 128, der Ammersee auf 81 Meter.

© SZ vom 13.08.2015
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