Deutscher Botschafter in Prag "Wir wurden überrrannt"

Im Jahr 1988 erfolgt die Abberufung nach Prag - in einer Zeit, in der Huber dachte, es sei politisch vieles in Bewegung: "Aber das war es nicht. Die Bewegung ging erst von den Flüchtlingen aus." Diese habe es zwar in den Jahrzehnten zuvor in Prag auch gegeben - allerdings in geringer Zahl: "Weil DDR-Bürger ohne Visum in die Tschechoslowakei ausreisen durften. Aber im August 1989 wurden wir förmlich überrannt."

Der Grafinger Hermann Huber: Protagonist einer Kette von Ereignissen, die maßgeblich zum Fall der innerdeutschen Mauer beigetragen haben.

(Foto: Christian Endt)

Am 17. August erreicht Huber in seinem Urlaubsort in der Schweiz ein Anruf aus dem Auswärtigen Amt: Sofortige Rückkehr nach Prag, lautet die Anweisung. Das Abflussrohr ist urplötzlich verstopft. In den kommenden Wochen wird der Botschafter zum Macher, Herbergsvater, Krisenmanager und Unterhändler in einer Person.

Auf Weisung des Außenministers Hans-Dietrich Genscher schließt Huber am 23. August die Vertretung für den Publikumsverkehr - auf dem Gelände findet sich angesichts tausender DDR-Bürger kein freier Platz mehr. Aus der Bundeswehrkaserne im bayerischen Weiden ordert der Botschafter Decken, Schlafsäcke und Munitionspaletten als Schlafunterlagen - zwei Botschaftsangestellte verwandeln ein Zelt in eine provisorische Schule.

Täglich wandert Huber über das Gelände, spricht mit den Flüchtlingen, spendet Trost, macht Mut. "Ich wollte, dass die Menschen das Gefühl haben: Wir kümmern uns." Die Entscheidung, wie mit den Flüchtlingen zu verfahren ist, fällt indes auf oberster Ebene. Bei der in New York stattfindenden UN-Vollversammlung gelingt Genscher der Durchbruch: Auf Druck von Eduard Schewardnadse, sowjetischer Außenminister, stimmt die DDR-Führung der Ausreise der in Prag verweilenden Bürger zu.

Das Überbringen der guten Nachricht auf dem Balkon der Botschaft bleibt dem Minister vorbehalten: "Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..." Der Rest ist Jubel. Der Hausherr, der neben Genscher auf dem Balkon steht, schweigt. Ganz so, wie es seine Art ist. Das Abflussrohr ist frei - für immer.