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Demo am Odeonsplatz:Provokationen am Odeonsplatz

Durch die Kritik der rechtspopulistischen Partei an der Flüchtlingspolitik sehen sich Anhänger der "Freiheit" in ihrem Bemühen bestätigt

Mit "mehr als 100 Abgeordneten" will die AfD nach den Erfolgen bei den jüngsten Landtagswahlen 2017 in den Bundestag einziehen. Weit weniger großspurig fällt der erste Münchner AfD-Auftritt seit den Wahlen auf dem Odeonsplatz aus: Nur etwa 80, später bis zu 150 Anhänger und Funktionäre versammeln sich unter dem Motto "Für ein sicheres München" vor der Feldherrnhalle. Die Polizei zählt im Gegensatz dazu etwa 100 linke Gegendemonstranten - und stellt selbst den größten Personalanteil auf dem Odeonsplatz. Auch von verstärktem Mitgliederzulauf seit den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt ist in München nichts zu bemerken. Die Zahlen seien konstant geblieben, wie AfD-Kreisvorsitzende übereinstimmend bestätigen. München zählt vier AfD-Kreisverbände ( mit je 80 bis 100 Mitgliedern), der Kreisverband München-Land noch einmal rund 100. Der Verband München-Ost, so sagt dessen stellvertretende Vorsitzende Iris Wassill, sei immer noch dabei, sich vom Mitgliederverlust im vergangenen Herbst zu erholen, als Parteigründer Bernd Lucke die AfD verließ. Dies sorgte dafür, dass die Rechtspartei seitdem im Stadtrat überhaupt keine Rolle spielt. Beide gewählten Stadträte traten aus der AfD aus und in Luckes neue Organisation Alfa ein, darunter auch der Ex-AfD-Landeschef Andre Wächter. Seitdem steht die AfD in München wieder bei null. Der neue bayerische Landesvorsitzende Petr Bystron hält sich am Samstag aber nicht lange mit der eigenen Partei auf - er höhnt in Richtung CSU, dass deren einstige Leitfigur Franz Josef Strauß "heute in der AfD wäre". Schon vor wenigen Tagen hatte die Partei am Strauß-Geburtshaus in der Schellingstraße eine Provokation gestartet, als sie eine FJS-Gedenktafel anbringen wollte. Inzwischen sei die CSU sei "dabei, die SPD links zu überholen", indem sie "den Islamunterricht in Bayern ausweiten will", ruft Bystron: "Wir bekennen uns ganz klar zum Grundgesetz", aber "der Islam gehört nicht zu Deutschland". Offenbar verfehlen solche Angriffe ihre Wirkung in der Szene nicht. Besonders aufmerksam hört der Islamgegner Michael Stürzenberger zu, seit langem einer der rechten Daueraktivisten in der Stadt. Ihm gefalle, dass die AfD dabei sei, "die Islamkritik in ihr Parteiprogramm aufzunehmen", und wenn dies beim AfD-Parteitag in Stuttgart geschehe und zudem das geplante Islamzentrum in München scheitere, dann sehe er "die Mission meiner Partei ,Die Freiheit' eigentlich als erledigt an". Weiteren Stoff bietet ihm da am Samstag beispielsweise Andreas Kalbitz, in München geboren und inzwischen stellvertretender AfD-Fraktionsvorsitzender im Landtag von Brandenburg. Auch Kalbitz attackiert den Islam pauschal - der "gehört ideengeschichtlich nicht zu Deutschland".

Wilfried Biedermann dagegen, ehedem bei der Münchner FDP-Abspaltung Bund freier Bürger aktiv und nun Kreischef München-Ost, ärgert sich noch immer über die "Euro-Krise", will aber vor allem seinen Patriotismus wieder offen zeigen dürfen. "Wir lassen uns nicht auf diese 15 Jahre Nazi-Diktatur reduzieren, und deswegen wird die AfD dafür sorgen, dass wir wieder stolz sein können auf Deutschland!" Töne wie diese sind es, die sich glatzköpfige Teilnehmer der AfD-Kundgebung, uniformiert als "Bündnis Deutscher Patrioten", gleich direkt in Gold auf ihre schwarzen Kapuzenpullis geschrieben haben. Das provoziert die linken Gegendemonstranten so, dass Polizeikräfte sich als Trennwall dazwischenschieben. Michael Groß, AfD-Chef München-Nord, zeigt sich wenig erbaut von solchen "Freunden, die man sich nicht ausgesucht hat".

© SZ vom 18.04.2016
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