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Wohnwagenverleih in Sulzemoos:Luxusurlaub auf vier Rädern

Mit seiner Begeisterung für Camping ist Geschäftsleiter Thomas Liebscher nicht allein. Vom Gelände seiner Firma "Freistaat Caravaning" rollen jedes Jahr etwa 5000 verkaufte Fahrzeuge.

(Foto: Toni Heigl)

Der "Freistaat" in Sulzemoos bietet Wohnmobile mit allem Zubehör an. Seit Mai herrscht auf dem großen Verkaufsgelände gewaltiger Andrang - auch wegen der Corona-Pandemie

Von Julia Putzger, Sulzemoos

Egal ob Urlaub im Luxusressort auf den Malediven oder Entdeckungstrips in die entlegensten Winkel der Erde - Fernreisen dürften im Pandemie-Jahr 2020 eher schwierig werden. Doch auch die heimischen Hotelbetten und Spa-Tempel wirken - mit den Szenen aus Ischgl im Hinterkopf - auf viele noch immer abschreckend. Auf den wohlverdienten Sommerurlaub wollen jedoch auch die Allerbedachtesten nicht verzichten. Stattdessen greifen viele auf das Zuhause auf vier Rädern zurück: das Wohnmobil.

Eine regelrechte Flut von Campingfreunden erreichte die bayerischen Ferien-Hochburgen, wie etwa Garmisch-Partenkirchen, bereits an den Feiertagswochenenden. Wer jetzt noch einen Stellplatz für sein Wohnmobil auf einem Campingplatz in den nächsten Wochen reservieren will, muss Glück haben. Platzbetreiber aus der ganzen Republik berichten bereits von einem rekordverdächtigen Andrang, denn die Deutschen haben das Campen neu für sich entdeckt. Im Landkreis Dachau gibt es zwar keinen Campingplatz, doch Thomas Liebscher weiß über diese Wiederentdeckung ebenfalls viel zu erzählen. Liebscher ist selbst Camper mit Leib und Seele und hat als Geschäftsführer des Handelszentrums "Der Freistaat Caravaning & More" in Sulzemoos seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Auf dem 140 000 Quadratmeter großen Firmengelände in Sulzemoos ist seit Mai jedenfalls einiges los.

"Die Leute haben sehr schnell gemerkt, dass Caravaning die ideale Möglichkeit ist, um coronagerecht Urlaub zu machen", sagt Liebscher und zählt auf: "Man bringt sein eigenes Bad und Bett mit, kann selber kochen und muss nur einkaufen gehen. Und am Campingplatz kann man seine sozialen Kontakte steuern, man kann unter sich bleiben." Diese Vorteile, die der Geschäftsführer im Vergleich zu Beherbergungsbetrieben sieht, haben auch viele Neukunden angelockt. "Es gibt heuer sehr viele, die erstmals mit dem Wohnmobil oder Camper unterwegs sein wollen", weiß Liebscher.

Ist Camping, und damit auch der Wohnmobilverkauf, also eine Branche, die von der Krise profitiert? Liebscher wehrt sich gegen die "Goldgräberstimmung", wie er sie nennt. Zwar sei momentan sehr viel los - während der Corona-Beschränkungen hatte sein Betrieb jedoch zwei Monate geschlossen. Außerdem stellt der Firmenchef klar: Die Fahrzeuge, die in Sulzemoos verkauft würden, seien, wie alle anderen, "Luxusartikel" - und Luxus sei in dieser Zeit eben nur für wenige zugänglich. Im Trend liege die Campingbranche jedoch schon seit ein paar Jahren, wie Liebscher erzählt: "Camping hat ein wahnsinnig positives Image bekommen. Wer jetzt erzählt, dass er einen Campingbus besitzt, wird von seinen Freunden nicht mehr belächelt, sondern bewundert." Den typischen Kunden gebe es indes nicht: "Das ist hier nicht wie zum Beispiel bei Porsche, wo es eine relativ klare Zielgruppe gibt. Wir haben hier die ganze Bandbreite." Das betreffe das Gehalt ebenso wie das Benehmen; auch Leute im Jogginganzug hätten schon für knapp eine halbe Million ein Luxusgefährt gekauft. Promis aus dem Sport, der Geschäftswelt oder dem Sport zählten ebenfalls zu den Kunden.

Auf die Urlaubssaison blickt Liebscher skeptisch. Zwar plant er selbst eine Reise im Camper mit seiner Familie in den Süden, er sagt aber auch: "Corona ist noch nicht vorbei. Ich bin gespannt, was passiert, wenn alle wieder heimkommen." Wer in die Welt des Campings erst mal hineinschnuppern möchte, kann beim Freistaat aktuell trotzdem ein Fahrzeug mieten. Dank einer "Desinfektionsmaschine" sei es möglich, den gesamten Innenraum zu desinfizieren, wie der Geschäftsleiter erklärt. Was den Betrieb des Freistaats im Falle eines neuerlichen Lockdowns betrifft, ist er zuversichtlich: Man werde nun einfach ein bisschen "Speck anfuttern". Und weiter: "Ich habe schon alles miterlebt."

Damit hat er nicht ganz unrecht: Liebscher ist quasi in den Betrieb hineingewachsen, das gesamte Unternehmen mit seinen rund 250 Mitarbeitern ist seit jeher fest in Familienhand. Liebscher selbst ist seit fast neun Jahren an der Spitze, davor war sein Vater Wolfgang verantwortlich. Unter dessen Federführung erfolgte 2002 auch der Umzug nach Sulzemoos, wo innerhalb eines Jahres auf der damals noch "grünen Wiese" das 65 000 Quadratmeter große Handelszentrum entstand. Davor war das Unternehmen seit 1978 in der Münchner Bodenseestraße zu finden gewesen, doch der Platz dort wurde knapp. Bei den 65 000 Quadratmetern ist es jedoch auch in Sulzemoos nicht geblieben: Mittlerweile hat der Freistaat seine Flächen mehr als verdoppelt, 140 000 Quadratmeter zählen jetzt zum Firmengelände, 15 000 davon sind überdacht. Auf der riesigen Fläche bieten fünf Händler - selbstverständlich alles Familienmitglieder - neue und gebrauchte Fahrzeuge von insgesamt 26 verschiedenen Marken an. Rund 5000 werden jährlich verkauft. Außerdem gibt es im Megastore Zubehör und alles, was das Camperherz sonst begehrt. Um den Kunden einen Rundum-Service bieten zu können, gibt es zudem drei Fachwerkstätten und den Verleih. "Wir sind quasi eine Ganzjahresmesse", erklärt Geschäftsleiter Thomas Liebscher stolz. In ganz Europa gebe es kein vergleichbares Zentrum, weder in Bezug auf die Markenauswahl noch auf die Fläche.

Wer über das Gelände schlendert, könnte rasch den Überblick verlieren, wäre da nicht eine Orientierungskarte. So wie man es sonst eher aus großen Freizeitparks oder dem Zoo kennt, ist mit einem kleinen gelben Punkt markiert, wo inmitten der rund 1 200 Fahrzeuge man sich gerade befindet. Zwischen all den Campervans und Wohnmobilen kann man gemächlich durch lange Gassen spazieren, einen Blick aufs Armaturenbrett oder in den Hightech-Minibackofen der Fahrzeuge werfen. Kundige Rentner sind ebenso unterwegs wie junge Familien mit Kindern, sie verschaffen sich einen ersten Überblick oder haben ganz spezifische Fragen. Ein älterer Herr etwa hat erst am Morgen einen Steinschlag in seiner Windschutzscheibe entdeckt und spricht in seiner Verzweiflung Geschäftsleiter Thomas Liebscher an, der gerade vorbeikommt. Liebscher hört geduldig zu, greift zum Telefon, eine Stunde später schon hat der Herr einen Termin in der Werkstatt. "Ich helfe hier bei allem mit", erzählt Liebscher, "wenn es sein muss, dann schraub' ich den Kunden auch schnell eine Markise drauf." An sechs Tagen sei er jede Woche rund um die Uhr auf dem Gelände: "Das ist schon sehr arbeitsintensiv. Aber wenn wir das, was wir hier machen, nicht lieben würden, wären wir auch nicht hier."

© SZ vom 11.07.2020

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