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Wer die Stunde schlägt:Auf der Suche nach dem heiligen Klang

Claudio Estay, Percussionist, Schlagzeuger und 'Glöckner' des Bayerischen Staatsorchesters

Claudio Estay ist seit 2013 Erster Schlagzeuger des Bayerischen Staatsorchesters und damit Herr über die Glocken der Oper.

(Foto: Florian Peljak)

Wie wollte Puccini die Glocken Roms klingen lassen? Was dachte sich Mussorgsky beim "Großen Tor von Kiew"? Wie soll man Zimmermanns "Soldaten" spielen? Claudio Estay ist Erster Schlagzeuger im Bayerischen Staatsorchester - und damit auch eine Art Klangdetektiv der Musikgeschichte

Glocken, Glocken. Alles haben sie Glocken genannt." Claudio Estay brummt in den Instrumentenschrank hinein und fischt aus einer schmalen Schublade weitere Glockentöne: flache, runde Crotales, Bronzezimbeln. Mit "sie" meint der erste Schlagzeuger der Staatsoper mal ganz pauschal die Opernkomponisten bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Er steht im Bruno Walter-Saal, im dritten Untergeschoss des Probengebäudes, und Estay will die über Jahrhunderte in den Partituren kaum differenzierten Glockentöne in ihrer Vielfalt sicht- und hörbar machen.

Der 43-jährige Chilene ist 1999 nach Deutschland gekommen, um sein Studium an der Hochschule für Musik und Theater in München fortzusetzen. Seit 2013 ist er Erster Schlagzeuger des Staatsorchesters, davor war er unter anderem sechs Jahre lang Solo-Pauker bei den Hofer Symphonikern und hatte schon einen Lehrauftrag an der Hochschule. "Eine Glocke hat immer eine musica sacra in sich", sagt er, eine heilige, die Seele bewegende Musik - oder sie kündet von vergangener Zeit, von Fristen, vom Schicksal. Den richtigen Ton zu treffen, das richtige Instrument zu finden, auch bei den Glockenklängen, "das ist unser täglich Brot". Damit meint der 43-Jährige vor allem das täglich Brot von Dirigent und Schlagzeuger: Welcher Ton ist an dieser Stelle gemeint? Welche Wirkung beabsichtigt? Und welches Instrument kommt dieser Intention am nächsten? Es ist ein gemeinsames, oft langes und wiederholtes Ringen um den passenden Klang.

Auch bei den Instrumenten merke man den Einfluss der Globalisierung. "Das muss heute nicht mehr alles 'picobello' klingen. Tibetanische Glocken etwa, das sind Ritualinstrumente, da geht es nicht um die Tonqualität. "Die haben die Dirigenten früher nicht verwenden lassen. Aber die Instrumente sind so. Und heute wird das akzeptiert", erzählt er. Claudio Estay schiebt die "Tosca" herbei, eine schwere sandgestrahlte Bronzeplatte - je länger die Platte, desto tiefer ist der Ton. Diese E-Glocke kündet im dritten Akt von Puccinis "Tosca" von der bevorstehenden Hinrichtung des Freiheitskämpfers Mario Cavaradossis auf der Engelsburg. In der Bayerischen Staatsoper wird sie von den Bühnenmusikern gespielt.

Tief unter der Tribüne steht eine Celesta, nur in der Hocke lässt sich hier ihr "Zauberflöten"-Klang anschlagen. Die Glockentöne in Ravels Orchesterfassung von Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung"? "Das sind keine Glocken. Das ist ein Metallofon. Dann, ja, dann kommt eine Kirchenglocke." Wenn das Orchester der Bayerischen Staatsoper alle paar Jahre diesen Zyklus spielt, dann leiht es sich für das monumentale Finale "Das große Tor von Kiew" die paukengroße, eigens gegossene Kirchenglocke von den Philharmonikern aus. Im eigenen Studio daheim hat Estay derzeit unter anderem mehrere Ständer Cencerros aufgebaut: Kuhglocken, zu hören im Januar bei der Uraufführung von Miroslav Srnkas Oper "South Pole".

Vor etwa 100 Jahren wurden in England die Röhrenglocken erfunden. Der Musiker zieht zwei Ständer mit jeweils zwei Reihen schimmernder Messingröhren heran. "Eine unglaublich gute Lösung, über zwei Oktaven", schwärmt Estay. Das Instrument ist aber auch gelegentlich an der Grenze der Spielbarkeit: wie etwa bei der Oper "Soldaten" von Bernd Alois Zimmermann. Jede Hand hält zwei Hämmer. "Das ist sehr anstrengend, niemand von uns will das spielen." Claudio Estay, nicht groß gewachsen, hatte sich extra im vergangenen Jahr eine Kiste gebaut, nicht nur, um den oberen Anschlagkopf der Röhren im richtigen Winkel zu treffen. Auch die Noten sowie Dirigent Kirill Petrenko musste er im Blick haben. Die Orchesterkomposition "Chronochromie", die "Zeitfarbe", von Olivier Messiaen, zählt für den Schlagzeuger zu den "schwierigsten Stimmen, die es gibt". Im wilden Lauf geht es da mit den Hämmern über die Reihen der Bronzeröhren, zusammen mit den Kollegen an Marimba und Xylofon: "Die sind wie Gazellen, die Röhrenglocke ist ein bisschen wie ein Elefant", sagt Estay.

Ob er seinen Röhrenglockenhammer in der Hand hält, fühlt Estay im Geschäft auf den ersten Griff. Da seien die Vorlieben sehr individuell. Die eingravierten Nummern im Stiel verraten das Gewicht, das zwischen 120 Gramm und fast einem halben Kilo liegen kann. Die Buchstaben H, M und S darunter stehen für Hart, Medium und Soft, je nach Ausfertigung des Hammerkopfes. "Kunststoff klingt nicht so scharf wie Holz, es klingt nach mehr Substanz, der Klang hat mehr Bauch." Aber das sei seine Sicht. "Das sind zwei verschiedene Dinge: das, was beim Zuschauer ankommt und das, was ich in der Hand spüre."

Im Sinfonieorchester fangen Glockentöne bei C an und reichen über fünf Oktaven bis c⁴. Die Glöckchen und Zimbeln reichen bis zu c⁵, manchmal auch f⁴. Bei Kolberg waren Claudio Estay und zwei Kollegen gerade einkaufen. Das 25-Mann Unternehmen im schwäbischen Uhingen hat sich auf sämtliche Schlaginstrumente spezialisiert und beliefert weltweit große Orchester. Die Webseite listet kaum zu zählende "surrogati", Ersatzinstrumente für Glockentöne auf - "das sind alles immer nur Kompromisse", bescheidet der Firmengründer. "Sie bekommen zwar den gleichen Ton hin, aber nicht das gleiche Volumen." Weltweit leiste sich nur das Moskauer Bolschoi-Theater große, echte Kirchenglocken, fest eingebaut auf der Hinterbühne. Nur dort könne man "Boris Godunow" richtig spielen, Mussorgskys große Oper mit dem mächtigen Glockenklang der Krönungsszene. Auch in München ist das Werk ein Publikumsrenner, aber eben ohne echte Kirchenglocken.

In der nächsten Folge am Mittwoch: Fahrradglocken als kleine Kunstwerke