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Vorreiter:Initiative gegen den Leerstand

Die Gemeinde Hebertshausen und die Caritas stoßen eine Studie der TU München an. Sie soll erforschen, was Eigentümer von der Vermietung der etwa 1800 freien Wohnungen im Landkreis abhält

Wissenschaftliche Erkenntnisse, statt subjektiver Einschätzungen: Eine Promotionsarbeit am Lehrstuhl Diversitätssoziologie der TU München soll erforschen, warum im Landkreis etwa 1800 Häuser und Appartements leer stehen, während gleichzeitig viele Bürger händeringend nach einer Wohnung suchen. Die Initiative für diese bayernweit einzigartige Studie kommt von der Gemeinde Hebertshausen und der Caritas Dachau.

Für sinnvoll halten das Vorhaben auch der Markt Indersdorfer Bürgermeister Franz Obesser (CSU) und seine Verwaltung, im September wird dort der Gemeinderat über eine Teilnahme entscheiden. Daten erhoben und Wohnungseigentümer befragt werden in Hebertshausen und - je nach Gemeinderatsentscheid - in Markt Indersdorf. Auch der Landkreis Dachau beteiligt sich finanziell, und auf den Vorstoß des Landtagsabgeordneten Bernhard Seidenath (CSU) hin leistet zudem das Bayerische Bauministerium einen Zuschuss von 150 000 Euro.

Caritas-Kreisgeschäftsführerin Heidi Schaitl.

(Foto: Toni Heigl)

Die überörtliche Aufmerksamkeit für die Studie begründet sich in der Tatsache, dass es mancherlei Vermutungen gibt zu den Gründen, die Eigentümer von einer Vermietung ihrer Wohnungen abhalten. Eine echte Motivationsforschung und damit auch konkrete Vorschläge, wie diese Leerstände aktiviert werden könnten, fehlt jedoch bisher. Das weiß auch Caritas-Kreisgeschäftsführerin Heidi Schaitl. "Es wird spannend zu erfahren, was die Wohnungsbesitzer wirklich benötigen, um zu vermieten." Angesichts des Wohnungsmangels in der Region werden Ergebnisse dringend erwartet von der Studie, für die erste Ideen schon vor zwei Jahren entstanden, die aber wegen der schwierigen Koordination und Finanzierung erst jetzt im Herbst startet.

Tatsächlich ist nicht einmal zuverlässig erfasst, wie viele Wohnungen leer stehen im Kreis. Das Landratsamt in Dachau gab dazu Anfang 2016 eine Zahl von 1800 bekannt. Während manche Kommunalpolitiker Zweifel an diesem hohen Wert anmelden, geht Hebertshausens Bürgermeister Richard Reischl (CSU) davon aus, "dass die Dunkelziffer noch viel höher liegt".

In seiner Gemeinde hat er sich alle Gebäude genauer angesehen, bei 2300 Haushalten gebe es etwa 200 Leerstände, so das Ergebnis. Dabei wurden die meist als Familienheime errichteten Häuser mit in die Rechnung einbezogen, die inzwischen nur mehr von einer einzigen Person bewohnt werden. Auch in Markt Indersdorf habe die Verwaltung schon einmal versucht, den Leerstand konkreter zu beziffern. "So einfach ist das nicht", erklärt dazu Geschäftsleiter Klaus Mayershofer. Denn eine Statistik über Adressen, an denen niemand wohnt, gebe es nicht. "Aber jeder kennt oder weiß etwas." Nicht nur Wohnungen, ganze Häuser stünden leer. Weil sie vielleicht errichtet wurden, damit später einmal die Kinder eine Bleibe haben oder als Austrag für die Altbauern.

Bürgermeister Reischl

Bürgermeister Richard Reischl.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Auch über die Gründe, die potenzielle Vermieter abhalten, gibt es Vermutungen in Rathäusern wie auch bei der Caritas. Eigentümer hätten etwa Angst, dass sie ihre Immobilie später nicht mehr für die Familie nutzen könnten, sobald einmal Mieter eingezogen sind, weiß Hebertshausens Bürgermeister Richard Reischl (CSU). Zudem schrecke manchen wohl die Bürokratie ab. Energieausweis, Mietvertrag, Nebenkostenabrechnung - gerade ältere Bürger könnten damit überfordert sein. Eine Beratung auf Landkreisebene könnte hilfreich sein, sagt der Indersdorfer Geschäftsleiter Mayershofer. Die Gemeinde Hebertshausen hat sich im kürzlich fertig gestellten integrativen städtebaulichen Entwicklungskonzept schon vorgenommen, "Leerstand aktiv anzugehen." Konkret könnte sich Bürgermeister Reischl vorstellen, dass eine Fachkraft im Rathaus als Ansprechpartner bereit steht, die sich für private Vermieter um Formalien kümmert. Um so leer stehende Wohnungen sukzessive auf den Markt zu bringen und damit einen Beitrag zu leisten, den akuten Wohnungsmangel zumindest ein wenig zu dämpfen.

Die nun geplante Studie, die im Herbst starten soll, ist als Promotionsarbeit auf drei Jahre angelegt. Caritas-Kreisgeschäftsführerin Schaitl hofft jedoch auf kurzfristigere Zwischenergebnisse. Die sollen dann genutzt werden für ein Wohnprojekt des Wohlfahrtsverbandes, das schon im vorigen Jahr gestartet ist und gezielt sozial eingestellte Vermieter anspricht. Dabei geht es darum, Unterkünfte zu finden für Menschen, die kaum Chancen haben auf dem Wohnungsmarkt, wie etwa Alleinerziehende, kinderreiche Familien, Senioren mit kleiner Rente, Menschen mit Behinderung, Bürger mit Migrationshintergrund oder auch nur solche mit ausländisch klingendem Namen.

Ran an die Leerstände möchte auch die kürzlich gegründete Genossenschaft, in der sich Helios Amper-Klinikum, das Altenheim Kursana Domizil und die Karlsfelder Immobilienvermittlung Flack zusammengeschlossen haben. Ziel ist hier, als Genossenschaft leer stehende Wohnungen anzumieten und sie an Arbeitnehmer der Mitglieder unterzuvermieten, eventuell subventioniert durch die jeweiligen Arbeitgeber.