Vergangenheitsbewältigung im Max-Mannheimer-Haus Mit dem Mut zur Neugier

Acht junge Leute aus der ganzen Welt erzählen, warum sie an der Internationalen Jugendbegegnung teilnehmen

Von Richard Möllers

Im Max-Mannheimer-Haus begegnen sich 100 Jugendliche aus 23 verschiedenen Ländern. Was treibt sie dazu an, aus den Philippinen, aus Isreal oder Südamerika nach Dachau zu reisen, um untereinander oder mit Zeitzeugen über deutsche Geschichte und besonders über die Zeit des Nationalsozialismus zu sprechen? Es gehören Mut und Neugier dazu. Auch ein Bewusstsein für Geschichte, Empathie und die Bewunderung für Menschen, welche die Konzentrationslager der NS-Zeit überlebten und so ganz ohne Groll oder Rachegedanken sind. 21 ehrenamtliche Mitarbeiter organisieren dieses Jahr die Internationale Jugendbegegnung in Dachau und gestalten ein vielfältiges Programm. Es reicht von Führungen durch die Gedenkstätte, über Workshops, Gesprächen mit Überlebenden des Holocaust bis hin zu Freizeit- und Sportveranstaltungen.

Faszination Vielfalt

Josh De Leon, 19 Jahre, Philippinen: Als seine Mutter einen Flyer der Internationalen Jugendbewegung von der deutschen Botschaft mit nach Hause brachte, war sein Interesse am Zweiten Weltkrieg sofort geweckt. "Natürlich war es zu Beginn etwas angsteinflößend, sich ganz alleine auf den weiten Weg hierher zu machen, aber ich wollte unbedingt die Gelegenheit nutzen, mir die Geschichte von den Zeitzeugen erzählen zu lassen und von ihnen zu lernen. Außerdem lernt man ganz nebenbei so viele neue Leute kennen", sagt der 19-Jährige. Er studiert Film und Fotografie in seiner Heimat. Deswegen hat er auch seine Kamera mitgebracht: "Diese Vielfalt gibt es bei uns zu Hause nicht, das muss ich unbedingt festhalten; deswegen mache ich auch von jedem der Teilnehmer ein Foto", erzählt er weiter. In seiner Freizeit liest er gerne philosophische Bücher von Kant oder Nietzsche, wenn er nicht gerade Geige oder Cello spielt.

Josh De Leon aus den Philippinen bewundert die Vielfalt er Teilnehmer.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Nähe zu Zeitzeugen

Rebecca Mitra, 21 Jahre, Island: Die Studentin organisiert die Jugendbewegung mit und ist schon das zweite Jahr als Teamerin mit dabei. Das bedeutet, dass sie zusammen mit 20 anderen Ehrenamtlichen das Programm für die Jugendlichen auf die Beine stellt. Die Helfer trafen sich bereits mehrere Male im Vorfeld der Jugendbegegnung, um sich Themen für Workshops zu überlegen, Zeitzeugen einzuladen und um die Veranstaltungen möglichst abwechslungsreich und interessant für die Heranwachsenden zu gestalten. Das Besondere sei, dass Jugendliche hier eine völlig andere Herangehensweise an die Geschichte des Nationalsozialismus erfahren, als in der Schule. "Der Fokus liegt bei uns auf den Opfern der Konzentrationslager, es geht weniger um die Täter und deren Motive", sagt die 21-jährige Rebekka in fast perfektem Deutsch. Ihre Mutter ist Isländerin, ihr Vater stammt aus Deutschland. "Außerdem erarbeiten die Jugendlichen sich Vieles selbst: Sie bereiten Exkursionen vor und in den Workshops wird auch ein Bezug zu aktuellen Ereignissen, wie beispielsweise der Flüchtlingssituation in Europa hergestellt."

Amy Bugnoli aus Italien bewundert die Motivation der Teilnehmer.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Die 21-jährige studiert in Reykjavík englische Literatur und kann sich gut vorstellen, später einmal Übersetzerin zu werden. Ihr ist es besonders wichtig, den Kontakt zu den Zeitzeugen zu nutzen: "Wir sind wahrscheinlich die letzte Generation, die diese Möglichkeit bekommt" sagt sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge. "Es ist immer sehr traurig, wenn Überlebende des Holocaust, die über Jahre hinweg bei der Begegnung mit dabei waren und Teil des Teams geworden sind, im nächsten Jahr nicht mehr da sind." Sie erinnert sich: "Letztes Jahr konnte Esther Bejarano, eine der eingeladenen Zeitzeugen, nicht mehr erzählen, deswegen hat sie einfach Musik gemacht. Die Leute waren so begeistert, dass sie spontan noch ein zweites mal spielte und alle haben mitgesungen." Ihre strahlenden Augen verdeutlichen die Empathie für die Jugendbegegnung. In den kommenden Jahren will Rebecca auf jeden Fall Teil der des großen Teams an Organisatoren bleiben, so lange sie die Möglichkeit dafür bekommt.

Rebekka Mitra aus Island gestaltet das Programm der Begegnung als Teamerin.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Offen für Dachau

Lina Bernard, 18 Jahre, Frankreich: Lina ist über das Internet auf die Internationale Jugendbegegnung aufmerksam geworden. Dieses Jahr hat sie sich zum zweiten Mal mit einer Freundin nach Dachau aufgemacht. Die 18-Jährige hat gerade sowohl das französische als auch das deutsche Abitur in Toulouse abgelegt. Sie ist froh über die so ganz andere Herangehensweise an die ernste Thematik des Nationalsozialismus, die man so von der Schule gar nicht gewöhnt ist. Die Mischung aus Gesprächen, Studium und Forschung hat für sie etwas Spielerisches. Außerdem gefällt ihr, dass es genügend Gelegenheiten für Freizeitaktivitäten gibt und dass man abends bei einer gemütlichen Runde im Biergarten mit Menschen verschiedener Kulturen zusammenkommen kann. Sie plant ein freiwilliges soziales Jahr in Dachau. Es sei der Ort, an dem man nah an der Geschichte des Nationalsozialismus sei. Fragt man sie nach aktuellen Formen des Rassismus und der Ausgrenzung in Frankreich, gibt sie zu, dass sie schockiert über die Zahlen der letzten Präsidentenwahl in ihrem Land ist. Das vergleichsweise starke Abschneiden der rechtsextremen Partei Front National widerspricht ihren persönlichen Erfahrungen, die sie bisher gemacht hat: "Ich habe das Gefühl, dass sich meine Freunde mit nichtfranzösischer Herkunft durchaus sehr wohlfühlen in Frankreich."

Lina Bernard ist über das Internet auf die Begegnung aufmerksam geworden.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Unmittelbarkeit

Ela Gorden, 17 Jahre, Isreal: Ela ist eine von zwölf Gymnasiasten in Tel Aviv, die ausgewählt wurden, um an einem Austausch nach Deutschland teilzunehmen. Er wurde vor mehr als zehn Jahren von dem Zeitzeugen Abba Naor ins Leben gerufen. Die Schüler kommen für etwa drei Wochen zu Gastfamilien nach Gauting und können in dieser Zeit auch an der Jugendbewegung in Dachau teilnehmen. "Es gab mehr als 40 Bewerbungen im Vorfeld", sagt sie, "deswegen bin ich echt froh, dabei zu sein." Ihre Großeltern stammen aus Polen und haben den Holocaust überlebt. "Sie waren zwar nicht hier im KZ in Dachau, trotzdem war das Besuchen der Gedenkstätte besonders emotional für mich" sagt die 17-jährige Schülerin. "Natürlich lernen wir sehr viel über den Weltkrieg und den Holocaust in der Schule, das ist einfach die jüdische Perspektive." Trotzdem sei es "noch etwas völlig anderes, an dem eigentlichen Ort des Grauens zu sein". Sie sagt: "Wie das ist, kann einem kein Schulbuch vermitteln." Auch sie beobachtet aktuelle politische Entwicklungen in ihrem Land und hält nicht besonders viel von den Einmischungsversuchen des amerikanischen Präsidenten in den Nahost-Friedensprozess. "Donald Trump hat weder einen Plan, wie er die verschiedenen Fronten zusammenbringen will, noch ist er ein Zauberer mit einer einfachen Lösung in der Hinterhand" kommentiert Ela kritisch. Nächstes Jahr wird sie mit der Schule fertig. Bevor sie den verpflichtenden zweijährigen Dienst im israelischen Militär antritt, will sie unbedingt noch ein Gapyear in Asien einlegen.

Ela Gorden aus Israel gedenkt ihrer Großeltern, Überlebende des Holocaust.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Zeitgemäß

Guliana Di Dato, 18 Jahre und Amy Bugnoli 19 Jahre, beide Italien: Die Idee nach Dachau zu gehen, hatten sie von Freunden aufgeschnappt. Daraufhin haben sie entschlossen, den diesjährigen Sommer besser zu nutzen, als nur am Strand zu liegen, sagen beide. "Die Leute kommen hier gerne freiwillig und sind motiviert. Sie wissen worauf sie sich einlassen und haben Lust, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Das ist auch der große Unterschied zu anderen Jugendcamps im Sommer, zu denen manche einfach von ihren Eltern hingeschickt werden, damit sie aus dem Weg sind", sagen die Italienerinnen. Das Programm ist super, fügen sie an. "Man merkt richtig, dass es von Gleichaltrigen ausgearbeitet wird; die Teamer achten immer darauf, dass man nicht zu lange am Stück still sitzen muss und zwischendrin Pausen eingebaut sind, um auch mal durchzuschnaufen." Beide fasziniert besonders das Zeitzeugencafé, das an diesem Wochenende stattfindet. Guliana geht noch zur Schule, ihre Freundin Amy ist schon fertig und so motiviert, bald mit einem Medizinstudium anzufangen, dass sie ihre Lernsachen zur Jugendbegegnung mitgenommen hat.

Guliana Di Dato aus Italien will den Sommer sinnvoll nutzen.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Soziales Jahr

Valeriia Blotnyk, 23 Jahre, Ukraine: Nach dem Abschluss ihres Studiums in technischer Übersetzung wollte sie mal etwas anderes ausprobieren. Also entschied sie sich dafür, ein freiwilliges soziales Jahr bei der evangelischen Kirche in Dachau zu absolvieren. Sie hat bereits an mehreren Projekten mitgearbeitet. Weil die Evangelische Jugend München zu einem der vier Veranstalter der Internationalen Jugendbegegnung gehört, wurde sie für die Organisation eingeteilt. Am meisten Spaß machen ihr die Workshops: "Geschlechter und Sexualität während des Holocaust war beispielsweise eines der Themen, die wir dort behandelt haben. Ein Aspekt, der sonst in Schulen oder bei anderen Informationsveranstaltungen kaum zur Sprache kommt", sagt die 23-Jährige Ukrainerin. Besonders fasziniert hat sie auch die Geschichte von Erwin Küchle, einem der eingeladenen Zeitzeugen. Ende August wird sie zurück nach Kiew gehen. Dabei hat es ihr sehr gut in Deutschland gefallen. Sie blickt sicherlich gerne auf die Erfahrungen während des sozialen Jahres zurück.

Verliia Blotnyk aus der Ukraine macht ein freiwilliges soziales Jahr in Dachau.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Die Konsequenzen

Vidal Angel, 24 Jahre, El Salvador: Auch Vidal stieß per Zufall auf die Internationale Jugendbegegnung, als er eine Ankündigung der Veranstaltung auf der Facebookseite der deutschen Botschaft sah. Der 24-Jährige studiert Toningenieur; später will er mal Musikproduzent werden. Trotz der wirtschaftlich schlechten Lage und der geringen Sicherheit in manchen Gebieten, liebe er, wie er sagt, sein Heimatland. El Salvador war unbeteiligt am zweiten Weltkrieg. Deshalb kommen die Menschen dort deutlich weniger stark mit der Thematik der NS-Zeit in Berührung. Vidal war überwältigt, als er mit der Gruppe die KZ-Gedenkstätte in Dachau besichtigte: "Dass eine einzelne Person wie Adolf Hitler so verrückt war, kann ich ja noch verstehen", sagt er. "Aber wie konnten alle anderen einfach mitmachen?" Die Krematorien seien "im Prinzip Fabriken" gewesen, "um Menschen zu töten", fügt er aufgewühlt an. Umso beeindruckender findet es der 24-Jährige, wenn manche Überlebende heute sagen, dass sie stolz auf das heutige Deutschland sein könnten. Vidal: "Da gehört einiges an Mut und Tapferkeit dazu, so etwas trotz der schrecklichen Dinge, die geschehen sind, auszusprechen." Vidal sieht die heutige Generation dazu verpflichtet, an sich selbst zu arbeiten. "Wir sollten grundsätzlich ein bisschen weniger reden, und stattdessen anderen Menschen ein bisschen mehr zuhören. Deswegen haben wir auch zwei Ohren und nur einen Mund."

Vidal Angel wünscht sich mehr Verantwortungsgefühl für seine Generation

(Foto: Niels P. Joergensen)