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Geschichten aus dem Dachauer Land:Wo Kunst und Musik zu Hause sind

Im idyllischen Westerholzhausen leben der Maler Rudi Tröger, der Fotograf Michael Kuhr und die musikalische Familie Pahler.

Stundenlang könnte er von früher erzählen. Korbinian Dafelmaier sehnt sich zurück nach den alten Zeiten, als in seinem Wirtshaus noch jeden Tag Betrieb war, sich die Bauern zum Frühschoppen oder nach getaner Arbeit auf eine Halbe trafen und die Westerholzhauser und Indersdorfer ausgelassen Fasching bei ihm feierten. "Das waren noch Zeiten", sagt der 85-jährige "Kurbi" wehmütig und seine lustigen Augen blitzen. Das alte Underberg-Messingschild neben der Eingangstür ist ein Relikt aus dieser Vergangenheit - und auch der Bierpreis. Eine Halbe kostet beim Dafelmaier nur 2,40 Euro. Heute steht der blitzblanksaubere Gastraum mit den großen Holztischen, den gepflegten Topfblumen vor den Fenstern und den Schützenscheiben an der Wand die meiste Zeit leer. Nur die Vereine, darunter der Gartenbauverein, der Schützenverein Hochland Westerholzhausen und der Skatverein, treffen sich noch regelmäßig beim Dafelmaier. Trotzdem sperrt der "Kurbi" abgesehen von zwei Ruhetagen pro Woche seine Wirtschaft regelmäßig auf, unterstützt von seiner Schwester. Er freut sich umso mehr, wenn ein Gast kommt, "damit ich ein bisschen Unterhaltung habe", wie er sagt. Nicht nur beim "Dafelmaier" scheint in Westerholzhausen, drei Kilometer von Markt Indersdorf entfernt, die Zeit stehen geblieben zu sein.

Der landwirtschaftlich geprägte Charakter des kleinen Dorfes ist bis heute unverändert und von einer bezaubernden Idylle. Die alten Bauernhöfe reihen sich um den Kern des Dorfes aus Kirche, Wirtshaus und Schulhaus. Schmuck sind die Gärten herausgeputzt, mit gepflegten Rasenflächen und bunten Sommerblumen, die sich um die Wette an den Holzzäunen emporrecken. Nur an der Hauptstraße gibt es ein paar wenige neu gebaute Einfamilien- und Doppelhäuser.

Besonders schön und ursprünglich ist es an der Kirche Sankt Korbinian, einer der ältesten Kirchen im Dachauer Land. Der Turm mit der schlanken Spitzhaube ist weithin sichtbar. Ort und Kirche werden schon in einer Urkunde aus dem Jahr 770 unter der Bezeichnung "Holzhusir" genannt. Die erste Kirche war aus Holz, in gotischer Zeit wurde eine Steinkirche errichtet. Teile davon sind noch erhalten. Mehrmals umgebaut und erweitert wurde der Innenraum und 1764 im Stil des Rokoko ausgestattet. Das reiche Gewölbe mit der aufgemalten Rocailledekoration und die goldglänzenden Altäre mit den großen Heiligenfiguren lassen den Kirchenraum als ein anheimelndes Gesamtkunstwerk erscheinen. Westerholzhausen gehört zum Pfarrverband Indersdorf, am Mittwoch und Sonntag findet ein Gottesdienst statt.

Zum etwas höher gelegenen Gotteshaus führt eine sanft geschwungene Straße, vorbei an Gehöften und alten Bauernhäusern. Dort liegt auch das alte Schulhaus, in dem Rudi Tröger seit vier Jahrzehnten zurückgezogen lebt. Rudi Tröger ist ein international angesehener Künstler. Er unterrichtete fast drei Jahrzehnte an der Akademie der Bildenden Künste in München und zeigte Ausstellungen unter anderem in New York und Zürich. Eine große Retrospektive präsentierte er 2013 im Dachauer Schloss. Im Hubertussaal der Münchener Residenz hängen zehn große Gartenbilder von ihm. Rudi Tröger verreist nicht gerne. In Westerholzhausen spürt er die Nähe zur Natur. Der alte Apfelbaumgarten, herrlich wild, liefert ihm den Stoff für seine Landschaften und Gartenbilder.

Ein paar Häuser weiter wohnt der freischaffende Fotograf Michael Kuhr mit seiner Frau Monika. In der Schranne in Dachau zeigte er 2014 eine Ausstellung mit gegenstandsloser Fotografie. Seit 1973 lebt das Ehepaar in Westerholzhausen in einem ehemaligen landwirtschaftlichen Anwesen, das sie umgebaut und renoviert haben. Das kleine, lang gestreckte Haus, in dem früher Wohnstube und Stall ineinander übergingen, ist ein Schmuckstück. Michael Kuhr hat Anfang der 1980er Jahre die Dorfgemeinschaft Westerholzhausen e. V. zum Bau einer Abwasserbeseitigungsanlage gegründet. Jedes Anwesen besaß eine Dreikammerngrube, deren Abwasser nun aufgefangen wurde. "Wir hatten damals bessere Wasserwerte als Indersdorf", sagt er. Dass es hier weder Arzt noch Einkaufsmöglichkeit gibt, stört das Ehepaar Kuhr nicht. "Wir sind es gewöhnt, nach Indersdorf zu fahren", sagt Monika Kuhr.

Der Name Westerholzhausen leitet sich seit dem 16. Jahrhundert ab von "westwärts gelegenen Häuser am Holz" gegenüber Edenholzhausen. Auch bei Andreas Pahler dreht sich alles ums Holz. Der gelernte Geigenbauer und Forstwissenschaftler stellt Hölzer für Geigen, Bratschen, Celli und Kontrabässe her. Seine Kunden sind Geigenbauer und kommen aus der ganzen Welt, "aus Kalifornien und Asien", berichtet er. Das Resonanzholz wird aus den angrenzenden Wäldern in Bayern, Tirol und Südtirol gewonnen. Deshalb hat Andreas Pahler neben dem Betrieb im Ort, wo er im Anwesen seiner Eltern die Hölzer lagert, sägt und zu Tonhölzern bearbeitet, einen zweiten Firmenstandort in Mittenwald. Im Sommer wählt er die Bäume aus, die er in den Wintermonaten fällt. Zum Holz kam er durch die Nachbarn. "Schon als Kind war ich in der benachbarten Wagnerei Schilling. Wir Kinder haben dort gedrechselt und gesägt. Dort habe ich den ersten Holzstaub eingeatmet." Nach der Schneeschmelze werden die Stämme aus den Hochlagen herunter transportiert und in einem angrenzenden Weiher, dem Nassholzlager, gelagert. Getrocknet wird das Holz ausschließlich von Sonne und Wind. Andreas Pahler weiß, was eine erstklassige Geige braucht. Das Holz, Hochgebirgsfichte oder Ahorn, muss astfrei sein, enge Jahrringe haben und gut klingen. "Ein bisschen Glück gehört auch dazu.

Steckbrief

Ort: Westerholzhausen

Gemeinde: Markt Indersdorf

Einwohnerzahl: 119

Gründung: Um 800 als Holzhusir. 1524 Westerholzhausen, als die gegenüber Edenholzhausen "westwärts gelegenen Häuser am Holz".

Bekannte Persönlichkeiten: Rudi Tröger, Andreas Pahler, Michael Kuhr, Korbinian Dafelmaier.

BAES

Privat hat der 43-jährige ebenfalls Glück. An der Geigenbauschule in Mittenwald lernte er seine Frau Maria Eugenia, eine Mexikanerin, kennen. Tochter Lorena wächst zweisprachig auf. Die Liebe zur Musik hat er von den Eltern. Barbara und Karlheinz Pahler sind vor 42 Jahren nach Westerholzhausen gezogen und leben in einem ehemaligen Bauernhof, einem liebevoll gepflegten Kleinod, versteckt hinter hohen Hecken an der Hauptstraße. Sie sind im Landkreis mit ihrem Ensemble Spurwexl bekannt, das aus der Westerholzhauser Stubnmusi hervorgegangen ist. Ein bis zwei Auftritte absolvieren sie im Monat. Barbara Pahler spielt Hackbrett und singt, ihr Mann Karlheinz spielt Gitarre und Kontrabass. Zum Ensemble gehören auch Hannelore Kellerhals (Flöte), Christine Ballasko (Zither) und Willi Kreutner (Bass und Akkordeon). Früher hat auch noch die jüngere Tochter Eva mitgespielt. "Seit 2002 nennen wir uns Spurwexl, weil wir nicht nur Volksmusik machen. Wir führen auf, was uns gefällt", lacht Barbara Pahler. Ihr Mann spielt Sonntags in der Kirche Orgel.

Barbara Pahler erzählt, dass sich in den Jahrzehnten doch etwas verändert hat. Der wunderschöne Grassauer Hof, früher ein markantes Wahrzeichen am Ortseingang, wurde in den Neunzigerjahren abgerissen. Das Grundstück im Schutz einer stattlichen Eiche dient nur mehr als Holzlagerplatz. Heute gibt es noch rund zehn Bauernhöfe in Westerholzhausen, aber nur mehr zwei mit Viehhaltung: Der Hof der Familie Wolf mit Milchkühen und der Hof der Familie Jodas mit Bullenzucht. Rund 70 Kälber und Stiere stehen dort im Stall. Die Kälber strecken neugierig die Köpfe durch das Fressgitter. Etwa zwei Jahre lang bleiben die Rinder auf dem Hof, bevor sie geschlachtet werden. Bäuerin Magdalena Jodas hat vor 50 Jahren in den Hof eingeheiratet. Aus Sicht der Bäuerin hat sich seitdem nicht viel verändert. Westerholzhausen hat noch einen eigenen Charakter", sagt sie. Sie freut sich über zwölf Schwalbennester im Stall. "Außerdem haben wir heuer so viele Spatzen wie noch nie", fügt sie an. Heute führen ihr Sohn Markus und seine Ehefrau Manuela den Hof.

Kirche hat kein Interesse, ihren Grundbesitz zu veräußern

Dass das Dorf bisher von Neubausünden verschont geblieben ist, liegt auch daran, dass ein großer Teil des Grundes der katholischen Kirche gehört. Diese hat kein Interesse an einem Verkauf. Das zeigt sich auch am stattlichen Pfarrhaus gegenüber dem Hof der Familie Jodas an der Hauptstraße. Seit 40 Jahren steht es leer und verfällt. Der Kruzifix an der Fassade mit der verrutschten Inschrift bietet ein trauriges Bild. "Aber wir sind froh, dass hier nicht gebaut wird", sagt Magdalena Jodas.

In einem der wenigen neuen Häuser wohnt Jürgen Böhm mit seiner Familie. Er ist 2011 aus München in das Dorf gezogen und Kassier beim Verein "FC Bayern Buam Westerholzhausen 37". Peter Stadler engagiert sich als Vorsitzender. Die rund 90 Mitglieder, zwei Drittel davon aus Indersdorf, treffen sich zu den Spielen des FCB im Domizil der Freiwilligen Feuerwehr Westerholzhausen. Zu diesen Anlässen wird vor dem Haus weit sichtbar die Bayern-Fahne gehisst. Maria Höß, Mitarbeiterin in der Gemeinde Markt Indersdorf, ist in Albersbach aufgewachsen und in Westerholzhausen zur Schule gegangen. "Eine brave kleine Ortschaft. Sie ist nie durch eine Sensation aufgefallen", charakterisiert sie das Dorf. Eine Sensation aber gibt es doch: 1300 Jahre Heimat.

© SZ vom 30.08.2016/gsl
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