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Streik der Lokführer:Durchatmen

Der hartnäckige Ausstand der Lokführer hat viele Fahrgäste im Landkreis massiv verärgert. Jetzt haben sich die Tarifparteien auf eine Schlichtung geeinigt - die Bahnkunden sehnen ein Ende des Streiks herbei

Als Richard Pfeifer am Donnerstagmorgen um halb acht auf die S-Bahn wartet, hat er noch keine Ahnung von den jüngsten Entwicklungen. Wie schon am Tag zuvor, ist der Rentner extra eine halbe Stunde früher aufgestanden, um seinen Zug nach München zu nehmen. Seit die Lokführer streiken, fährt nur mehr ein Zug pro Stunde von Schwabhausen dorthin. Pfeifer spricht aus, was viele Pendler denken: "Ich bin mit meiner Geduld so langsam am Ende." In München kümmert sich der 71-Jährige um die Kinder seines Sohnes - denn auch die Erzieher befinden sich im Arbeitskampf.

Der Mann, der neben Pfeifer auf die S-Bahn wartet, weiß da bereits Bescheid: "Der Streik ist doch gerade beendet", sagt er. Auf seinem Smartphone hat der Geschäftsmann vor wenigen Minuten folgendes gelesen: Die Lokführer-Gewerkschaft GDL und die Bahn haben sich nachts in dem seit Monaten festgefahrenen Tarifkonflikt auf ein Schlichtungsverfahren geeinigt. In einer öffentlichen Stellungnahme haben die Vertreter beider Parteien erklärt, dass der Streik zunächst für drei Wochen vorüber sei. Am Freitag sollen alle Züge wieder regulär verkehren. In der Zwischenzeit sollen der frühere brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) und der amtierende Regierungschef von Thüringen Bodo Ramelow (Linke) zwischen DB und GDL schlichten.

Hunderte Fahrgäste drängten sich am Donnerstagmorgen auf dem Dachauer Bahnsteig - wegen des Streiks.

(Foto: Toni Heigl)

Am Donnerstagmorgen aber haben die wenigsten Fahrgäste davon Kenntnis. "Mittlerweile finde ich das nur noch lächerlich", echauffiert sich Sylvia Neubaur über die andauernden Streiks. Die 55-Jährige ist auf die S-Bahn angewiesen, von Berufs wegen muss sie täglich nach München pendeln. Doch anstatt mit der S-Bahn durchfahren zu können, muss sie nun jeden Morgen und Abend in Dachau umsteigen. Sie ist wütend, wie sie ganz offen zugibt. "Für mich ist es eine Unverfrorenheit, dass die Lokführer-Gewerkschaft ihre Machtspielchen auf dem Rücken der Bürger austrägt."

Dachau Bahnhof, eine halbe Stunde später: Über den Lautsprecher ertönt die Stimme einer Bahnmitarbeiterin: "Bitte beachten Sie: Aufgrund von Streiks der GDL ist der Zugverkehr der DB beeinträchtigt. Die S-Bahnen verkehren im 60-Minutentakt." Das Gleis in Richtung München ist brechend voll. Einige der Fahrgäste nuscheln: Ich habe gehört, der Streik ist vorbei. Die Mehrheit aber ist noch unwissend, so auch der Rentner Robert Teufelhart aus Oberroth. "Der Weselsky dreht durch", ärgert er sich über den Gewerkschaftsführer der GDL. "Der hat völlig den Blick für die Realität verloren." Teufelhart selbst ist von dem Streik nicht einmal sonderlich stark betroffen.

Ganz im Gegensatz zu Theresia Mayer, Lehrerin am Josef-Effner-Gymnasium. Da sie täglich von München nach Dachau fahren muss, ist sie ständig mit den Unwägbarkeiten des Ersatzfahrplans konfrontiert. Deshalb bezeichnet sie die Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) als rücksichtslos. "Da wird ein Machtkampf auf dem Rücken der falschen Leute ausgetragen."

Die Frau, die neben ihr sitzt, nickt. Sie trifft der Streik noch härter. Um rechtzeitig zu ihrer Frühschicht nach München zu kommen, habe sie schon mehrmals ein Taxi nehmen müssen. "Aber dass ich arbeiten muss, interessiert ja keinen", sagt sie und schüttelt mit dem Kopf.

Rentner Robert Teufelhart hat da inzwischen vom angeblichen Ende des Streiks erfahren. "Bis zum Ende der dreiwöchigen Schlichtungsphase werden sie wohl was hinbekommen", hofft er. Schlichter Matthias Platzeck hält er für eine gute Wahl. "Von ihm kann man zumindest erwarten, dass er sich neutral verhält.

Alex Brachos, Vorstand der Dachauer Taxivereinigung, der abseits vom Trubel am Taxistand steht, hofft ebenso auf eine langfristige Lösung des Tarifstreits. Denn: "Wenn die Züge nicht fahren, brauche ich mit dem Auto mehr als doppelt so lange nach München."

© SZ vom 22.05.2015
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