bedeckt München 21°

Seeligsprechung Pater Richard Henkes:Verteidiger der Menschenwürde

Kardinal Kurt Koch hat den im KZ Dachau gestorbenen Pater Richard Henkes selig gesprochen, der sich als Gefangener um Typhuskranke kümmerte

Rund zwei Stunden vor dem Festgottesdienst zur Seligsprechung von Pater Richard Henkes füllt sich der Platz vor dem Limburger Dom. Bei strahlendem Sonnenschein sitzen auf der Domplatte die Menschen in Gruppen zusammen, manche sprechen Polnisch, einige Tschechisch, die meisten Deutsch. Einige haben Regenschirme als Sonnenschutz aufgespannt. Manche Gruppen tragen Anstecker mit dem Bild des Pallottinerpaters, andere haben zwei Meter große tschechische Flaggen mitgebracht, die Verbundenheit mit Henkes ausdrücken sollen.

Der Pallottiner Richard Henkes predigte gegen die Nationalsozialisten und setzte sich als Häftling im KZ Dachau für Kranke ein. Der Ordensmann kümmerte sich freiwillig um Typhuskranke und starb am 22. Februar 1945 selbst an der Krankheit. In einem zweistündigen feierlichen Gottesdienst wurde er am Sonntag von Kurienkardinal Kurt Koch seliggesprochen.

Etwa 1000 Menschen verfolgten die Zeremonie rund um den Dom mit. Wer in der Kirche keinen Sitzplatz bekam, konnte den Gottesdienst von der Domplatte oder in der Stadtkirche mitverfolgen. Unter den Gästen waren außer Vertretern aus Kirche und Politik einige Besuchergruppen aus Gemeinden in Polen und Tschechien, in denen Henkes als Priester und Lehrer tätig war. Kardinal Koch verlas das Apostolische Schreiben von Papst Franziskus, das Henkes als unerschrockenen Verkünder des Evangeliums und heroischen Zeugen der christlichen Liebe auszeichnet. Er erklärte, Henkes habe sich im KZ mutig und selbstlos für Menschen eingesetzt, die keine Hoffnung auf Überleben hatten.

Seligsprechung von Pater Richard Henkes

Das undatierte Gemälde zeigt Pater Richard Henkes, der 1945 im KZ Dachau starb.

(Foto: Fotostudio Sascha Braun/ dpa)

Mit seinem Gottvertrauen und seiner Opferbereitschaft habe er das christliche Menschenbild gegen die Ideologie der Nationalsozialisten verteidigt: "Auch an dem menschenverachtenden Ort hat er seine Glaubensüberzeugung bewahrt und seinen christlichen Dienst an den an Typhus erkrankten Menschen ausgeübt", sagte der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen. Der 21. Februar ist künftig der Gedenktag für Henkes.

Henkes wurde am 26. Mai 1900 in Ruppach im Westerwald geboren und 1925 in Limburg zum Priester geweiht. Ab 1931 arbeitete er als Prediger und Exerzitienleiter in Oberschlesien. Die Ideologie der Nationalsozialisten kollidierte mit seinem christlichen Menschenbild. Mehrmals wurde er wegen regimekritischer Predigten bei der Gestapo angezeigt. Im April 1943 positionierte er sich gegen den Abtransport von Kranken aus der örtlichen Heilanstalt und nannte das Euthanasie-Programm Mord. Er wurde wegen "Aufwiegelung des Volkes von der Kanzel" verhaftet und schließlich ins KZ Dachau gebracht.

Unter den Gefangenen in Dachau waren rund 2700 Geistliche, viele davon kamen aus Polen. Henkes war im sogenannten Priesterblock inhaftiert und musste unter anderem auf einer "Plantage", im Postdienst und in einer Kantine arbeiten. Trotz menschenunwürdiger Verhältnisse hielt er an seinem Vertrauen auf Gott fest. Aus der Gefangenschaft ist von ihm der Satz überliefert: "Nur das eine hat noch Sinn: sich radikal dem Herrgott überantworten." Ende 1944 brach im KZ eine Typhusepidemie aus. Der Ordensmann meldete sich freiwillig, um die Kranken zu pflegen und ließ sich mit 20 weiteren Geistlichen mit den Menschen einschließen - ohne Rücksicht auf das eigene Leben.

Seligsprechung von Richard Henkes im Limburger Dom

Georg Bätzing (links), Bischof von Limburg, und Kardinal Kurt Koch (mitte) feiern den Gottesdienst im Limburger Dom.

(Foto: Harald Oppitz/dpa)

In seinem letzten überlieferten Brief vom 4. Februar 1945 schreibt er: "Sonst sieht es recht schlimm für uns aus. Die Leute sterben in Massen, weil sie vollständig ausgehungert sind. Es sind dann nur noch Gerippe. Ein grauenhaftes Bild." Weiter heißt es in dem Brief: "Man macht sich allerdings Gedanken, wie das hier einmal ausgehen wird. Machen können wir nichts, wir können uns nur auf den Herrgott verlassen."

Henkes infizierte sich mit Typhus und starb am 22. Februar 1945. Die Seligsprechung würdigt seine unerschütterlichen Überzeugungen und sein Engagement für andere. "Einer muss da sein, es zu sagen", ist eine zentrale Aussage Henkes'. Der Limburger Bischof Georg Bätzing bezeichnete den Pater als "innerlich freien Menschen" und "leidenschaftlichen Verteidiger der Würde des einzelnen Menschen". Der neue Selige sei Vorbild, den eigenen Weg in der Nachfolge Christi zu gehen.

© SZ vom 17.09.2019 / kna
Zur SZ-Startseite