Regionalkrimi von Ingrid Zellner Höhenflug an der Adlerschanze

Ingrid Zellner präsentiert stolz ihr neuestes Werk: einen Krimi im Skispringer-Milieu.

(Foto: privat)

Die Dachauer Autorin Ingrid Zellner hat einen Krimi geschrieben, der in Hinterzarten spielt. Die Einheimischen haben ihr bei der Recherche fleißig geholfen. Beim Sommerskispringen wurde das Buch nun vorgestellt: Der Ermittler ist ein indischer Kommissar und der Hauptzeuge eine echte Wintersportlegende

Von Gregor Schiegl, Dachau / Hinterzarten

Man kann über die Dachauer Autorin Ingrid Zellner sagen, was man will, aber langweilig sind ihre Bücher nie. Wie man Konflikte anlegt, wie man Spannung aufbaut und der Handlung immer wieder überraschende Wendungen gibt, ohne den roten Faden zu verlieren, das hat sie zuletzt meisterlich in ihrem Band "Der Weg aus der Finsternis" demonstriert, einer dramatischen indischen Familiengeschichte vor der exotischen Kulisse Kaschmirs und Maharashtras. Da fehlte nichts: Intrigen, verbotene Liebe Entführungen, Anschläge und immer wieder scheinbar ausweglose Situationen.

Ihr neuestes Werk ist in einem etwas ruhigeren Landstrich angesiedelt, nämlich im Schwarzwald, genauer gesagt in Hinterzarten. Als Ingrid Zellner den tief verschneiten Ort im Januar 2017 zum ersten Mal besuchte, war sie so hingerissen, dass sie spontan beschloss, einen Hinterzarten-Krimi zu schreiben. Jetzt kann man ihn kaufen, am Donnerstag war die offizielle Buchvorstellung am Schauplatz der Geschichte in Hinterzarten, wo dieser Tage auch das jährliche Sommerskispringen stattfindet. Dabei handelt es sich keineswegs um ein zufälliges Zusammentreffen, denn das Skispringen spielt in dem neuen Krimi eine zentrale Rolle.

Ingrid Zellner wurde vom Skimuseum Hinterzarten eingeladen, ihr Buch vorzustellen, das den bezeichnenden Titel "Adlerschanze" trägt. Und weil die ZDF-Sportjournalistin Katja Streso sowieso gerade wegen des Skispringens da war, wurde sie als fachkompetente Gesprächspartnerin gleich miteinbezogen. So erlebte Ingrid Zellner, Autorin und bekennender Wintersport-Fan, einen ganz eigenen, emotionalen Höhenflug. "So einen Riesenbahnhof habe ich noch nie gehabt!", sagt sie.

Ob ein Sprung von der Schanze glückt, hängt von vielen Faktoren ab: vom Material, von der Technik und von den Begleitumständen. Beim Schreiben eines Buches ist es nicht viel anders, aber für "Adlerschanze" hatte die versierte Autorin (den Krimi schrieb sie in flotten zweieinhalb Monaten) optimale Bedingungen. Das fängt schon mit dem Setting an: Die imposanten Berge, die dichten Wälder und das mit rund 70 Hektar noch immer sehr beachtliche Moor mit seinen letzten Eiszeittümpeln lieferten die perfekte Kulisse. Nicht fehlen durfte natürlich auch die berühmte Adlerschanze oder Schauplätze wie das Café Diva, bei dem man im Jugendstil-Pavillon Sachertorte essen und auf den Adlersee schauen kann.

In Ingrid Zellners Geschichte wird unweit dieses Sees die Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Die Spur führt in die Nachwuchsskispringer-Szene. Das sportliche Knowhow hat sich die Autorin von einem der Besten seines Fachs geholt, dem in den Neunzigerjahren überragenden Skispringer Dieter Thoma, natürlich aus Hinterzarten. Aber man muss kein Sportexperte sein, um den Krimi mit Genuss zu lesen: Ingrid Zellner schickt einen Ermittler, der garantiert nicht viel Ahnung vom Skispringen hat, nämlich den indischstämmigen Kommissar Surendra Sinha, der zufällig zu Besuch im Schwarzwald ist, und eher unfreiwillig in die Ermittlungen der Freiburger Kriminalpolizei mit einbezogen wird. Zellners Fans kennen Surendra Sinha bereits aus dem Krimi "Gnadensee", der 2017 ebenfalls im Silberburg-Verlag erschienen ist. Ob es auch eine Verbindung zu den Figuren aus der Kaschmir-Saga ("Der Weg aus der Finsternis") gibt, gehört zu den noch ungelösten Rätseln in der Leser-Community. Aber wenn man schon alles wüsste, wäre es ja nur noch halb so spannend. Verraten darf man, dass Zellner der Coup gelungen ist, Dieter Thomas nicht minder berühmten Onkel Georg Thoma mit dessen Einverständnis als Nebenfigur in die Handlung einzuschleusen: Der Olympiasieger, Weltmeister in der Nordischen Kombination und Ehrenbürger von Hinterzarten wird im Verlauf der Geschichte eine wichtige Beobachtung machen.

Von der Idee, einen Krimi in ihrem Ort anzusiedeln, waren auch die anderen Bewohner Hinterzartens sofort begeistert. "Sie haben mir Tipps gegeben, was ich noch aus dem Ort mit ins Buch aufnehmen könnte", sagt Zellner. Die Menschen, die sie hier getroffen habe, seien alle "unglaublich offen, sympathisch und herzlich" gewesen.

Nun kann man sich natürlich fragen, ob die Welt wirklich noch einen weiteren deutschen Regionalkrimi braucht. Schon 2011 prophezeite der SZ-Kolumnist Axel Hacke: "Erst wenn der letzte deutsche Lehrer und der letzte deutsche Journalist einen Regionalkrimi geschrieben haben werden, werdet ihr merken, dass man's auch übertreiben kann." Das ist natürlich gemein, und zu Ingrid Zellners Ehrenrettung muss man sagen, dass sie keine typische Regionalkrimi-Autorin ist. Bei allem Lokalkolorit sind ihr die Figuren und der Plot immer noch das Wichtigste. "Die Geschichte muss gut sein. Alles andere ist unwichtig."

Am 15. September liest Zellner im Dachauer Gästehaus DAH-Inn aus ihrem neuen Buch. Wer nicht so lange warten will, kann das Buch auch jetzt schon kaufen. Es kostet 13,99 Euro, ist im Silberburg-Verlag erschienen und hat 256 Seiten.