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Pädagogik in Karlsfeld:Die Schule sind wir

Karlsfelder Mittelschülerinnen und -mittelschüler debattieren auf einer Demokratiekonferenz. Das Bild entstand noch vor der Corona-Pandemie.

(Foto: Toni Heigl (Archiv))

Demokratische Teilhabe und praktische politische Bildung werden an der Mittelschule Karlsfeld nicht nur im Unterricht vermittelt. Die Schüler können in vielen Dingen mitbestimmen und lernen, Verantwortung zu übernehmen

Von Johann Hintermeier

Fällt das Wort "Schule", so ist "demokratisch" für die meisten wohl nicht die erste Assoziation. Im Gegenteil, die Hierarchie in der Schule scheint klar geregelt. Hier die Klasse, da die Lehrerin, welche die Noten gibt, dort die Schuldirektion, die Gesetze und Regelungen einzuhalten hat und Verantwortung trägt. Die Mittelschule in Karlsfeld will dies zwar alles nicht abschaffen, aber doch einen neuen Weg zu mehr Mitbestimmung einschlagen: Seit Januar 2020 ist sie Teil des Modellprojektes "Demokratie an Schulen" des Kreisjugendrings (KJR) Dachau. Die Initiative wird vom Programm "Demokratie leben!" des Bundesfamilienministeriums gefördert. Die Ziele des auf vier Jahre angelegten Projektes sind groß: "Die demokratische Beteiligung und praktische politische Bildung der Schülerinnen und Schüler sollen nachhaltig gefördert werden", heißt es in der Beschreibung. Außerdem möchte das Ministerium durch Demokratiebildung der Anfälligkeit für extremistisches Gedankengut vorbeugen.

"Wir wollen den Schülern Mut geben mitzugestalten", sagt Sabine Mühlich

Durch die Arbeit in Gremien in der Schule sollen die Schülerinnen und Schüler lernen, sich einzubringen und selber zu organisieren. "Wir wollen die Schüler mit demokratischen Werkzeugen ausstatten und ihnen Mut geben mitzugestalten", sagt Sabine Mühlich, Religionspädagogin an der Schule und Teil des KJR-Teams. Seit 2017 laufen Kooperationen zwischen dem KJR und der Mittelschule, die Mühlich hauptverantwortlich betreut.

Wie das nun in der Praxis funktioniert, zeigt eine Sitzung der Schülermitverantwortung (SMV), einem Ausschuss aller Klassensprecher der Mittelschule. Es ist früher Morgen an einem verregneten Herbsttag, die Türen der Mensa sind coronabedingt weit geöffnet, die Tische in Hufeisenform angeordnete. Vor der Beamerleinwand sitzt das Schulsprecher-Team. Mit Mühlich leitet es die Versammlung. Die etwa 25 Kinder und Jugendlichen im Raum diskutieren, wie man die SMV für mehr Schüler öffnen kann und was an den Projekttagen angeboten werden soll, denn das darf heuer zum ersten Mal mitbestimmt werden. Eine 7. Klasse spricht sich für einen Workshop zu den Black-Lives-Matter-Protesten aus, eine andere möchte Müll sammeln.

Die Anliegen der Schüler werden in die Lehrerkonferenz getragen, in der es dafür seit vergangenem Schuljahr einen festen Tagesordnungspunkt gibt. Einen großen Erfolg konnte die SMV bereits für sich verbuchen: Die Oberstufe (9-11. Klasse) darf jetzt mit Einwilligung der Eltern das Schulgelände in der langen Mittagspause verlassen. Wie in jeder Demokratie gehören aber auch Enttäuschungen dazu. Schülersprecherin Emily Ortega Mejias (15) erzählt: "Manchmal kommen Mitschüler auf uns zu und fragen uns, warum etwas nicht geklappt hat, wie ein Sofa im Klassenzimmer aufzustellen." Entmutigen lässt sie sich davon nicht. Ortega Mejas sagt, sie komme jetzt viel lieber in die Schule, seit es nicht mehr nur ein Ort zum Lernen, sondern auch zum Mitgestalten ist. Lehrerin Barbara Lauterbach sagt: "Wenn die Schüler mitbestimmen zu können, fühlen sie sich ermächtigt und sind sehr motiviert für den Unterricht, dass macht auch uns Lehrern großen Spaß." Dass die Mittelschule Karlsfeld Vorreiter als demokratische Schule im Landkreis ist, liege auch am Rektor Hakan Özcan, berichten Schüler, Lehrer und Projektleitung des KJR unisono. "Es ist ein inspirierendes Gefühl, vom Direktor, den Lehrern und den anderen Schülern mit seinen Ideen ernstgenommen zu werden", sagt Srihith Sagi. Der Sechstklässler ist mit elf Jahren der Jüngste im Bunde der drei Schülersprecher. Damit Schüler, Eltern, Lehrer und Direktion gleichermaßen am Demokratisierungsprozess partizipieren können, gibt es an der Mittelschule einen Arbeitskreis Demokratiebildung mit Vertretern aller Beteiligten. Mühlich sagt dazu: "Ich erlebe eine große Bereitschaft von allen Seiten, etwas zu verändern."

Die Demokratisierung des Schullebens macht jenseits des Schulgeländes nicht halt. Langfristig soll sich die SMV mit anderen Schulen austauschen. Durch den Kreisjugendring sollen Schnittstellen zur Kommunalpolitik hergestellt werden, etwa im Jugendkreistag. "Wer in der Schule lernt, wie man wo mitmachen kann, ist gut vorbereitet, ein demokratischer Bürger zu sein", sagt Mühlich. Jiyan Göcer (16) aus der SMV kann sich vorstellen, bald in der Karlsfelder Politik mitzumischen. "Die Arbeit hier hat mich motiviert", erklärt er. Die Schüler der Mittelschule wünschen sich außerdem einen Jugendrat in Karlsfeld nach Dachauer Vorbild. Für die Vernetzung unter den Schulen im Landkreis soll es eine digitale Plattform geben. Auch regelmäßige Treffen sind geplant, sagt Brigitte Wurbs, Projektleiterin des Modellprojektes beim KJR: "Viele Schulen im Landkreis haben schon Interesse bekundet".

© SZ vom 26.10.2020
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