Notruf Dachau / Fürstenfeldbruck Leben retten per Telefon

Die Integrierte Leitstelle entwickelt bayernweite Standards für die Anleitung von Wiederbelebungsmaßnahmen. Ihre Erfahrungen fließen in ein Programm ein, das auch Laien zu einer Herzdruckmassage befähigt

Von Gerhard Eisenkolb, Dachau / Fürstenfeldbruck

Notrufe, in denen wenige Minuten entscheidend für Leben oder Tod eines Menschen sind, sind für die Mitarbeiter der Integrierten Leitstelle in Fürstenfeldbruck Alltag. Binnen Sekunden müssen sie entscheiden, was zu tun ist. Zu einem solchen professionellen, aber auch beherzten und richtigen Eingreifen gehört inzwischen die Telefonreanimation. Jeder Arbeitsplatz ist mit einem eigenen Bildschirm ausgestattet, auf dem nach einem Knopfdruck ein Programm mit standardisierten, genau vorgegebenen Anweisungen abläuft. Werden diese Anleitungen telefonisch durchgegeben, sind selbst Laien ohne Erfahrung in Erster Hilfe in der Lage, zwei Minuten nach ihrem Notruf beispielsweise mit einer Herzdruckmassage zu beginnen. Das klappt auch. Davon ist Schichtführer Michael Meyr überzeugt.

Die Arbeitsplätze in der Integrierten Leitstelle des Landkreises in der Münchner Straße in Fürstenfeldbruck sind hoch technisiert.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Schließlich leiten er und seine Kollegen im Schnitt einmal täglich in einem der vier Landkreise Fürstenfeldbruck, Dachau, Landsberg und Starnberg, für die die Leitstelle zuständig ist, per Telefon Wiederbelebungsmaßnahmen ein. Meyr berichtet aber auch von Tagen, an denen das drei- bis viermal vorkommt. Wie im Sommer, als zwei Krankenschwestern den Herzinfarkt des Brucker OB Klaus Pleil mitbekamen, sind es nämlich oft mehr oder weniger zufällig am Unglücksort anwesende Ersthelfer, die Leben retten. Wo, wie bei plötzlicher Atemnot oder einem Herzstillstand in einer Wohnung, solche Ersthelfer fehlen, müssen eben diejenigen, die den Notruf absetzen, dazu befähigt werden, das Notwendige zu tun. Da mit jeder ungenutzten Minute die Überlebenschancen sinken, gilt es, die Zeit bis zum Eintreffen der Rettungssanitäter und eines Notarztes zu nutzen. Zwölf Minuten kann das dauern. Das ist die gesetzliche Vorgabe für die Hilfsfrist, in der ein Rettungsteam bei einem Notfallpatienten eintreffen soll.

Jahrelange Erfahrungen gehen in die Standardtexte der Telefonreanimation ein.

(Foto: Reger)

Wer im Landkreis Dachau über die Nummer 112 einen Notruf absetzt, landet automatisch in der Leitstelle in der Münchner Straße in Fürstenfeldbruck. Für Meyr ist der Einstieg das Wichtigste. So beginnt die Telefonreanimation mit dem Hinweis: "Ihr Angehöriger braucht schon jetzt dringend Hilfe. Wir können gemeinsam versuchen, ihm zu helfen. Ich sage ihnen genau, was zu tun ist - sind Sie dazu bereit?" Vorher hat Meyr die Adresse erfragt. Hat er diese und die erste Diagnose, etwa "bewusstlos", in den PC eingetippt, erscheint automatisch ein Stadt- oder Ortsplan mit dem Einsatzort auf einem seiner Bildschirme. Während ein Kollege Meyrs, der Rettungsdienstfunker, ebenfalls diese ersten Informationen erhält, den Rettungsdienst alarmiert und einweist, kann sich Meyr auf die Wiederbelebung konzentrieren. Bei Herzstillstand ist eine sofortige Herzdruckmassage die einzige Möglichkeit zu überleben.

Lebensrettende Technik: Ist ein Defibrillator da, können die Folgen eines Infarkts abgemildert werden.

(Foto: Günther Reger)

"Reagiert er, wenn sie ihn ansprechen?" und "Hören sie Atemgeräusche?" sowie "Spüren sie einen Luftzug?", das sind weitere Fragen, von deren Beantwortung es abhängt, ob Meyr die Diagnose stellt: "Ihr Angehöriger hat wahrscheinlich einen Herzstillstand." Dann - es sind inzwischen rund zwei Minuten verstrichen - folgen die Anleitungen für die Herzdruckmassage. Um sicherzustellen, dass alles klappt, wird jede Anweisung mehrmals in einem etwas anderen Kontext wiederholt. Da der Brustkorb hundertmal pro Minute fünf Zentimeter tief eingedrückt werden muss, läuft nun ein Metronom mit, das den Takt vorgibt. Zudem wird der Angehörige aufgefordert, mitzuzählen. Und er wird ermuntert durchzuhalten - "Es ist sehr gut, dass sie helfen" - und aufgefordert Bescheid zu sagen, wenn es ein Problem gibt.

Heilender Elektroschock

Und plötzlich schlägt das Herz nicht mehr. Eine Situation, die rasches Handeln erfordert, um den Patienten wieder ins Leben zurückzubringen. Trotz schneller Rettungseinsätze sterben in Deutschland pro Jahr laut statistischen Angaben mehr als 100 000 Menschen am plötzlichen Herztod. Männer erwischt es den Aufzeichnungen nach drei Mal häufiger als Frauen. Doch was bedeutet es eigentlich, einen Menschen ohne Bewusstsein und Atmung wiederzubeleben?

Neben der Courage und einem substantiellen Ersthelferwissen, mittels Herzdruckmassage und Beatmung den Blutkreislauf in Gang zu halten, sind oft auch Defibrillatoren griffbereit. Diese geben automatisch mit Sprachansage vor, was der Ersthelfer zu tun hat, lösen, wenn nötig, einen Elektroschock aus, um das Herz wieder zum Schlagen zu bringen. In vielen öffentlichen Gebäuden, an Bahnhöfen und in Vereinsheimen sind die mit der Abkürzung AED für Automatisierter Externer Defibrillator versehenen Aufbewahrungskästen zu sehen. Im Landkreis Dachau sind mehr als 140 Defibrillatoren verteilt. Ersthelfer in Betrieben werden grundsätzlich in deren Benutzung eingewiesen. Auch Übungsleiter in Sportvereinen sind geschult. Die Feuerwehren im Landkreis haben für ihre Mitglieder einen entsprechenden Wegweiser erstellt und schulen diese. Der Förderverein Rettungswesen Dachauer Land hat eine mehrseitige Anleitung erstellt, die auf den Seiten des Landratsamtes Dachau zu finden ist, und bietet auf Nachfrage Schulungen an (www.fredl.net). Das Bayerische Rote Kreuz hat eine Smartphone-App programmiert, in der alle bekannten AED-Standorte aufgelistet sind. Wichtigste Handlung aber bleibt: 112 wählen und helfen. ecs/vgr

Bei der Entwicklung und Einführung der Telefonreanimation hatte die Brucker Leitstelle eine Vorreiterrolle inne. Wie Leitstellenleiter Roman Köhler berichtet, leiten seine Mitarbeiter seit 15 Jahren per Telefon Wiederbelebungsmaßnahmen ein. Dieses System wurde ständig verbessert. Diese Erfahrungen flossen im Jahr 2002 in das wissenschaftliche Projekt "Ruf an" der Universität Göttingen ein. In der drei Jahre dauernden Forschungs- und Zusammenarbeit der Leitstelle mit der Universität Göttingen wurden erste einfache Vorlagen für Notfall-Telefongespräche entwickelt. Laut Köhler suchte der Projektleiter damals gezielt eine Leitstelle mit einer guten ärztlichen Begleitung aus. Das war Fürstenfeldbruck.

Auf diesen Erfahrungen konnten wiederum die Rettungsdienste und Leitstellen in Bayern aufbauen, als es darum ging, in einer Arbeitsgruppe unter Beteiligung der Brucker Leitstelle einheitliche Standards und ein Programm für die Telefonreanimation zu entwickeln. Daraus entstand der inzwischen in allen 26 Leitstellen in Bayern eingeführte Algorithmus mit einheitlichen Texten. Dieses Programm enthält durchaus sprachliche Eigenarten. So wird die Druckstelle für die Herzmuskelmassage mit der "Mitte des knöchernen Brustkorbs" angegeben. Laut Meyr ergab sich aus einer Vielzahl von Telefonaten, dass diese etwas ungewöhnliche Bezeichnung sofort von jedem verstanden werde. Letztlich sind in die Anleitungen die Erfahrungen von Jahren eingeflossen. Um die Standards zu verbessern, werden die Daten aller Telefongespräche zur Reanimation vom Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement wissenschaftlich ausgewertet.

Diese Analyse ist laut Leitstellenchef Roman Köhler der letzte von drei Komplexen der Telefonreanimation. Der erste Komplex ist der vor allem aus Fragen bestehende Diagnoseteil. Dann komme die Anleitung zur Reanimation. Die Verantwortung für die klar strukturierten Texte liege beim Ärztlichen Leiter Bayerns, sagt Köhler.

Die Leitstelle hat eine Möglichkeit, die Zeit der angeleiteten Wiederbelebung durch Laien zu verkürzen. Im Landkreis Dachau haben die Malteser und das THW mehrere First Responder ausgebildet, das sind notfallmedizinisch ausgebildete Ersthelfer oder Sanitäter, die vor allem im ländlichen Raum sehr wichtig sind. Sofern diese Sanitäter im Wohnort des Patienten leben und eine kürzere Anfahrtszeit als ein Rettungsdienst haben, werden bei einem Herzstillstand zusätzlich auch die First Responder alarmiert.

Übrigens absolvieren alle Disponenten der Leitstelle eine medizinisch-wissenschaftliche Ausbildung und ein praktisches Training, bevor sie Telefonanweisungen zur Reanimation geben dürfen. Bei dieser Ausbildung dokumentieren Videoaufnahmen, wie die Laien auf die Anweisungen reagieren. Dieses Feedback soll später eine effiziente Anleitung gewährleisten.

Schichtleiter Meyr ist überzeugt, dass es ihm und seinen Mitarbeitern immer wieder gelingt, mit der Anleitung zur Reanimation einen Beitrag zur Rettung von Menschenleben zu leisten. Wie oft das geschieht, wissen er und seine Kollegen allerdings nicht. Der Kontakt zu den Patienten bricht spätestens ab, wenn diese in eine Klinik eingewiesen werden. Dann hat die Leitstelle ihre Aufgabe erfüllt.