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Mobilität neu gedacht:Ohne Auto mobil auf dem Land

Staus und viel Verkehr in Unterumbach - das Problem kennen alle, aber was ist die Lösung? Der Verkehrsexperte der Grünen im Landtag Martin Büchler (2. von rechts) diskutiert mit Bürgermeisterkandidatin Susanne Vedova, ihren Mitstreitern Dieter Stoll (li.) und Tobias Hartmann-Brockhaus (re.) und einigen Bürgern.

(Foto: Horst Kramer)

Der Landtagsabgeordnete und Verkehrsexperte der Grünen Martin Büchler beklagt fehlende Alternativen. In Unterumbach löst sein Vortrag heftige Diskussionen um Carsharing, ÖPNV-Angebote und Apps aus

Der Landtagsabgeordnete und Verkehrsexperte der Grünen, Martin Büchler referiert in Pfaffenhofen über "Mobilität auf dem Lande" und trifft einen Nerv. "Es ist eines der ganz heißen Themen", sagte der Grünen-Landtagsabgeordnete Büchler am Montag im Pfaffenhofener Ortsteil Unterumbach. Intensive Diskussionen unter den knapp dreißig Zuhörerinnen und Zuhörern beschwor er im Bürgerhaus mit seinem Vortrag herauf. Das Thema war so brisant, dass sich auch die CSU-Gemeinderätin Marianne Steinhart und Klaus Reindl von der AWG in das Publikum mischten. Als ehemaliger BR-Journalist und langjähriger ADAC-Sprecher liegt Reindl das Thema besonders am Herzen. "Vor fünf oder zehn Jahren wären wohl nur fünf Leute gekommen", erinnerte sich Büchler an frühere Zeiten. Doch heute ist die Mobilität in aller Munde.

Die wichtigsten Botschaften des Grünen-Politikers: "Es gibt keine Patentlösung für unsere Verkehrsprobleme", sagte er. Gleichzeitig hielt er fest: "Die jetzige Patentlösung - ein eigenes Auto für jeden - hat versagt." Als Beleg für diese Thesen dienten Büchler die täglichen Staus und Unfälle auf den Schnellstraßen rund um München, gerade auf der Autobahn A8, aber auch auf der Bundesstraße B471, die der Oberschleißheimer aus eigenem Erleben bestens kennt.

Der ständig zunehmende Kfz-Verkehr in der Metropolregion läge nicht nur am Bevölkerungswachstum, so Büchler, sondern auch an mangelnden attraktiven Alternativen: schlecht ausgebaute ÖPNV-Verbindungen, geringe Bedarfsverkehrsangebote wie etwa Ruftaxis, nicht koordinierte oder auch komplett fehlende Verbundsysteme - etwa zwischen München und Augsburg. "Uns muss daran gelegen sein, dass auch die Pendler jenseits des MVV-Raums schnell und sicher nach München transportiert werden können", meinte der Verkehrsexperte. Der stellvertretende Vorsitzende der Pfaffenhofener Grünen, Tobias Hartmann-Brockhaus, zitierte Kfz-Zählungen: "Als wir vor 15 Jahren hierher gezogen sind, fuhren täglich 5000 Fahrzeuge durch Pfaffenhofen, jetzt mit der Umgehungsstraße sind 8000 Fahrzeuge unterwegs." Viele aus den angrenzenden Landkreisen. Spätestens jetzt war klar: Unterumbach ist überall. Denn der Durchgangsverkehr belastet nicht nur den Pfaffenhofener Ortsteil, sondern auch Altomünster, Petershausen, Haimhausen oder auch Markt Indersdorf. Überall bedarf es Alternativen zum klassischen motorisierten Individualverkehr.

Büchler zählte weitere Mängelpunkte auf: gefährliche oder fehlende Radwege oder Kleinmut angesichts neuer Ansätze wie die komplette Digitalisierung aller Angebote des öffentlichen Nahverkehrs einschließlich Carsharing und Mitfahrsysteme. An diesem Punkt erhitzten sich die Gemüter. Speziell als die Bürgermeisterkandidatin der Grünen Susanne Vedova Carsharing-Fahrzeuge für jeden der elf Pfaffenhofener Ortsteile als Zielsetzung forderte. "Nicht finanzierbar!", widersprach AWG-Gemeinderat Klaus Reindl vehement. Zudem fehle die Akzeptanz. Büchler hielt Reindl die Erfahrungen in Oberschleißheim entgegen. Dort sei die Skepsis bei der Einführung vor rund zehn Jahren groß gewesen, mittlerweile seien neunzig Familien Mitglieder des lokalen Carsharingvereins, bei dem sich auch die Kommune engagiere.

"Gemeinden, Städte und Kreistage können viel tun", betonte der Landtagsabgeordnete mehrfach. Als Beispiel nannte er den Nahverkehrswegeplan des Landkreises München, dank dessen sich die ÖPNV-Angebote im Münchner Norden und Osten verdoppelt hätten. Die Folge: Die Nutzerzahlen hätten sich verdreifacht.

Die Unterumbacher CSU-Kreistagskandidatin Yvonne Rambold verwies auf das Landkreiskonzept, das im Dezember 2018 verabschiedet wurde und zur Fahrplanänderung im Dezember 2020 in Kraft treten wird. Büchler räumte ein, dass "man mit Landrat Stefan Löwl reden könne", die Zusammenarbeit mit Löwl und dessen Kollegen aus dem Landkreis München Christoph Göbel (beide CSU) klappe "sehr gut", lobte Büchler, der auch im Kreistag sitzt. "Mit Grünen-Landräten würde natürlich mehr passieren", schob er nach.

Rambold wies auf ein anderes Problem hin: "Selbst wenn wir jetzt die Busverbindungen erheblich steigern, fehlen immer noch die Fahrer." Büchler wusste Abhilfe: "Die Kosten für einen Busführerschein müssen drastisch sinken." Eine Busfahrerausbildung koste derzeit rund 10 000 Euro. "Das können sich viele Leute, die als Busfahrer arbeiten könnten, einfach nicht leisten", erklärte der Grünen-Verkehrsexperte. Wenn jedoch die Kosten von den Arbeitsagenturen übernommen werden, könnten auch anerkannte Asylbewerber in den Beruf einsteigen.

Manchmal seien es schon kleine Dinge, die eine Verbesserung brächten, sagte Susanne Vedova. Als Beispiel führte die Bürgermeisterkandidatin an: Wenn etwa ein Bus nicht in Höfa halte, sondern bis Oberumbach weiterfahre.

Büchler entwarf eine Vision mit klugen Apps, die dafür sorgen würden, dass an jedem Ort ein passendes Mobilitätsangebot zur Verfügung stünde - selbst wenn man von Oberschleißheim ohne eigenes Auto nach Unterumbach gelangen wolle. Die Gegenwart des Jahres 2020 ist von seiner Vision jedoch noch weit entfernt: Büchler kam zehn Minuten zu spät in Unterumbach an - seine App fand das Bürgerhaus nicht.

© SZ vom 12.02.2020
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