Mitten in Karlsfeld:Botschaften aus der Vergangenheit

Es ist nie zu spät, Danke zu sagen ... oder?

Glosse von Walter Gierlich

Ein Aufatmen geht durchs Land, spüren Sie das auch, liebe Leserinnen und Leser? Die vielleicht bald möglicherweise neue Bundesregierung will endlich die Digitalisierung zu einem Schwerpunkt ihrer Politik machen. Zeit wirds. Wenn man Fachleuten glauben darf, hat Deutschland im Vergleich beispielsweise zu Estland gerade erst mit Mühe das dunkle Mittelalter hinter sich gelassen. Statt dem megacoolen Online-Unterricht zu huldigen, soll es hier doch immer noch Leute geben, die lieber eine Lehrerin vor der Klasse stehen sehen. Sogar Bargeld ist in unserer Republik immer noch bevorzugtes Zahlungsmittel.

Also musste man sich nicht weiter wundern, als man jüngst beim Spaziergang auf eine ganz besonders rückständige Information in analoger Form stieß. Nach einer Runde um den Karlsfelder See ging es an der Ecke zur Lena-Christ-Straße an den dort befindlichen drei Schaukästen kommunaler Politorganisationen vorbei. "Wofür sagen die denn Danke?", fragte die Begleiterin beim Blick dorthin. "Na ja, für die Stimmen bei der Bundestagswahl", lautete die Antwort, die sich nach einer Kopfdrehung umgehend als falsch erwies. Denn aus dem SPD-Kasten blickte zwar der mutmaßliche künftige Kanzler Olaf Scholz staatstragend, aber ein Wort des Dankes fand sich dort nicht, ebenso wenig wie in der benachbarten Vitrine der CSU, die nach ihrem fulminanten Absturz in der Wählergunst zudem ja überhaupt keinen Grund dafür hätte.

Das Wort "Danke" fand sich schließlich doch. Im Kasten des Bündnisses für Karlsfeld, das bei der Bundestagswahl überhaupt nicht angetreten war. Beim genauen Hinschauen war zu erkennen, dass die Gruppierung sich mit ihrer Danksagung auf die Stimmen bei der Gemeinderatswahl vom März 2020 bezieht. Na also, wieder ein Beweis, dass analog alles einfach langsamer geht. Wie gut, dass es digital schneller geht und die Freunde zu Hause heutzutage umgehend erfahren, welch köstliches Abendessen man gerade zu sich nimmt. Welches Tempo allerdings in der Politik auch mit elektronischen Daten möglich ist, lässt sich der Homepage der Freien Wähler Karlsfeld entnehmen. Der erste Eintrag unter Aktuelles lautet nämlich: "Die Kommunalwahlen stehen vor der Tür." Er stammt vom 13. Januar 2020.

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