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Mitten in der Region:Einblicke in die Lockdown-Psyche

Wenn sich der eigene Bewegungs-Radius meist auf die Wohnung beschränkt, hilft ein langer Trip in die Vergangenheit, notfalls mit Heinz Erhardt und sogar Daktari

Glosse von JUTTA CZEGUHN

Neulich beim Zoom-Meeting legten alle die Karten offen auf den Tisch, der eine etwas verschämt, der andere forsch und ohne Umschweife. Kurzum, es bleibt festzustellen, der Eskapismus treibt die seltsamsten Blüten. Ja, er habe damit begonnen, die Mediatheken nach Heinz-Erhardt-Komödien durchzuforsten, verriet ein Freund, reichlich verwundert über die eigene Lockdown-Psyche. Überraschend fündig sei er dabei geworden. "Erinnert sich noch jemand an ,Natürlich die Autofahrer'? Erhardt als überstrenger Verkehrspolizist. Bizarr, aber irgendwie gar nicht übel". Allgemeines Kopfschütteln in den Zoom-Fensterchen.

"Wir schauen jetzt ,Daktari', es soll 98 Folgen geben", kam das nächste Bekenntnis. Die ganze Familie mache sich einen Spaß daraus, die vielen hanebüchenen Drehbuch- und Regiefehler aufzuspüren. Zudem sei das Ganze soziologisch interessant, jede Menge fürchterliche Rassismen, und die Tierwohl-Organisation Peta würde den Produzenten der Serie heute gewiss sofort eine Armada Anwälte ins Haus schicken. Bildungsfernsehen auch dieses: "Wie soll man Dr. Mrácek ertränken?", ein schräges Märchen über das "Ende der Wassermänner von Böhmen", ČSSR 1974. Wie immer bei den pfiffigen Tschechen eine herrliche Schwejkiade. Systemkritik, getarnt als Kinderfilm, in dem Leute durch Wasserrohre reisen, und man durch Blutwurst-Essen die Unsterblichkeit verliert.

Nostalgische Gefühle können einen aber auch beim Spazierengehen anspringen. Unvermittelt steht da dieser weiße VW-Bus an der Alten Allee in Pasing. Übersät mit Prilblumen ist er, selbst die Sitz- und Kopfstützen-Bezüge sind konsequent im Dekor der klebenden Legenden gehalten. Damals waren die Sticker bei uns Kindern derart beliebt, dass wir das Spüli heimlich in den Ausguss kippen, nur damit Muttern eine neue blaue Flasche Kraft-Gel einkaufen musste. Sie selbst war von der Henkel-Werbeaktion "Die fröhliche Küche" weniger begeistert, hatte sie doch offenbar schon früh geahnt, dass sie in den Achtzigern dann das Aufkleberzeug mühsam von den Kacheln würde schaben müssen. Wie der Wirtschaftswunderwitz von Heinz Erhardt, wie Judy, der Schiele-Löwe Clarence und die böhmischen Wassermänner ist auch der Pasinger Hippie-Bus wohl eine flüchtige Luftbrücke in andere, bessere Zeiten. Wären da nur nicht diese vier FFP2-Masken, die am Rückspiegel baumeln.

© SZ vom 24.02.2021
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