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Mitten in Dachau:Politische Signale aus der Zukunft

Oberbürgermeister Florian Hartmann spricht von Investitionen in die Zukunft und scheitert an den Tücken der Technik

Glosse von Katja Gerland

Die Zukunft ist digital, das hört man ständig. Schon richtig, aber man möchte doch mal Freunde, Kollegen oder Nachbarn wieder ohne Maske und auch außerhalb einer Videoschalte sehen - mal abgesehen von den gesichtsnackten Corona-Leugnern. Gerade für Politiker, die vor allem in Wahlkampfzeiten auf Bürgernähe bedacht sind, bietet die Online-Begegnung keinen wirklichen Ersatz, zumal technische Störungen programmiert sind. Sogar in der Landkreismetropole Dachau gleicht der Internetzugang zuweilen einer Lotterie.

Daran hat vielleicht die CSU gedacht, als sie Katrin Staffler als Bundestagskandidatin auf einer Präsenzveranstaltung nominierte - andere Parteien küren ihre KandidatInnen zukunftsgewandter im virtuellen Raum oder wie die SPD in einem riesengroßen Stadion. Die CSU schob ihre Satzung als Grund vor, wahrscheinlich aber wollte sie Staffler einen wenig wählerwirksamen Auftritt ersparen, wie ihn Jürgen Trittin auf einem virtuellen Parteitag der Grünen hinlegte, als er wegen Technikversagens fuchsteufelswild losschimpfte. In den Unionsparteien kleben manche geradezu am Analogen, etwa die als Abgeordnete getarnten Lobbyisten, die einfach die Kohle in der Hand spüren und nicht auf dem Bildschirm sehen wollen. Auch der Wein schmeckt noch mal so gut, wenn man wie Bundesminister Jens Spahn dem Wähler Wasser predigt, und dann am selben Abend sich mit Wahlkampfspendern zum Dinner trifft. Doch: In der dritten Welle der Pandemie verhält sich auch die Politik äußerst regelkonform. Die Dachauer Kommunalpolitik sowieso, seit Beginn der Corona-Krise verzichtet sie vorbildlich auf Kontakte. So wurde auch die Bürgerversammlung am Donnerstagabend in die Weiten des Internets verlegt. Gespannt warteten Bürgerinnen und Bürger vor ihren Bildschirmen, um mit Oberbürgermeister Florian Hartmann zu debattieren. Pünktlich, um 19 Uhr, tauchte Hartmann dann sozusagen aus der digitalen Zukunft auf. Seine Rede stellte er unter das vielversprechende Motto "Investition in die Zukunft". So weit, so gut. Hartmanns Mimik und Gestik ließen erahnen, dass er in den nächsten Minuten wichtige Dinge sagte. Nur: Kein Ton war mehr an den Endgeräten der Zuschauer zu hören. Dann brach die Online-Bürgerversammlung auch schon ab. Ein zweiter Versuch, die Tücken des digitalen Diskurses zu überwinden, scheiterte ebenfalls. "Aller guten Dinge sind drei", dieser schon angestaubte Spruch gilt in der digitalen Realität nicht. Nach 50 Minuten hin und her kapitulierte Hartmann im digitalen Irrgarten. Was seine Zuschauer schon längst vermuteten: Heute wird das nichts mehr mit der Zukunft. Auf den Bildschirmen leuchtete nur noch auf: "Wie Sie leider gemerkt haben, haben wir mit technischen Schwierigkeiten zu kämpfen und müssen die Online-Bürgerversammlung abbrechen. Wir werden einen neuen Termin kommunizieren." Hoffentlich analog. Die Zukunft wird ja oft als düster beschrieben, mit der digitalen jedenfalls hapert's noch gewaltig in Dachau.

© SZ vom 03.05.2021
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