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Mitten in Dachau:Neue Liebe zur Brotzeit

Brotzeit ist großartig! Das ist eine Erkenntnis, die sich mit der Lebenserfahrung herausbildet

Glosse von Nathalie Stenger

Einst unter-, jetzt wertgeschätzt. Immer wieder faszinierend, wie sich Ansichten und Meinungen im Laufe der Jahre ändern können. Das ist auch gut so und wichtig, immerhin kommt man nicht als fertiges, schlaues Menschlein auf die Welt und weiß schon alles. Nein, alle auf Erden wandelnden Wesen müssen tagtäglich etwas Neues lernen. Aber dennoch: Dass sich die Liebe zur Brotzeit so intensivieren kann, hat nun doch überrascht.

Es passierte nicht von gestern auf heute, sondern in einem schleichenden Prozess. Aber eines schönen Abends war sie endlich da, die Gewissheit: Brotzeit ist großartig!

Woher der Sinneswandel, wunderte man sich in Kreisen der Familie, was war geschehen? Eine kurze Analyse der vergangenen zwei Jahre brachte ein schlüssiges Ergebnis. Es liegt am Alltag. Bestand dieser jahrelang aus Noten und Prüfungen und Kursen, dreht sich heute alles um die Arbeit. Und zwar nicht nur bis zum Nachmittag, sondern von früh bis spät. Hatte man damals also noch die Muße, sich in die Küche zu stellen und aufwendig zu kochen, ist die Simplizität, die Schlichtheit einer frischen Brotkruste in Kombination mit einer Handvoll ausgewählter Aufstriche einfach zu verlockend.

Das können die ganz Jungen, Menschen mit anderen Tagesabläufen, einfach nicht verstehen. Da scheint Brotzeit erdrückend fad und öde, man möchte stattdessen Pasta, Braten und Risotto. Am liebsten immer warm essen. Es gibt keinerlei Verständnis für das wohlige Gefühl in Kopf und Magen, wenn alles, was für das Abendmahl gebraucht wird, mit dem kurzen Weg zum Bäcker zu erreichen ist.

Doch die Erklärung zur Brotpassion überzeugt nicht. Es scheint tatsächlich Einigkeit zu herrschen im Kreise der weniger betagten Familienmitglieder. Wenn sie groß sind, sagen sie, machen sie alles ganz anders, bei ihnen gebe es nie Brotzeit.

Die Rinde kracht, man selbst nickt wohlwissend. Sollen sie erst mal in das Alter kommen. Wahrscheinlich gibt es bei ihnen dann nicht einmal mehr Brot. Nur noch Toast.

© SZ vom 26.10.2020
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