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71 Jahre Kriegsende:Die Zukunft steht auf dem Spiel

Rechtspopulistische Parteien und Bewegungen sind in ganz Europa auf dem Vormarsch. Dem Vermächtnis der Zeitzeugen kommt in dieser Situation größte Bedeutung zu

Von Helmut Zeller

Die Erinnerung an Holocaust und Naziverbrechen darf nicht mit den Zeitzeugen verstummen. In Dachau haben Max Mannheimer und Abba Naor deshalb Vertretern der zweiten und dritten Generation das Wort gegeben: Naors Enkelin Dana Bloch und Josef Pröll, Sohn von Widerstandskämpfern, haben die Auswirkungen des NS-Terrors bis ins Heute verdeutlicht. Dana Bloch hat den unreflektierten, aber auch bewusst maskierten Antisemitismus hinter so mancher Israelkritik - "man wird doch mal sagen dürfen" - sichtbar gemacht. Ob Bloch, Pröll oder auch CID-Präsident Jean-Michel Thomas, sie sind, wenn das auch nicht allen gefallen mag, legitimiert, ihre Stimme zu erheben. Das Vermächtnis der NS-Verfolgten, dem sie sich verpflichtet fühlen, ist aber Auftrag an alle Nachgeborenen. Die Menschheitserfahrung des Holocaust ist ein "unerschöpfliches moralisches Reservoir für uns Nachgeborene und unser Denken und Handeln", sagte Literaturnobelpreisträger Imre Kertész einmal.

Nur merkt man in ganz Europa nicht viel davon. Rechtspopulistische Parteien und Bewegungen sind auf dem Vormarsch. Gleichzeitig ist die Zahl rechtsextremistischer und rassistischer Straftaten 2015 in Deutschland um 35 Prozent angestiegen. 1031 Anschläge auf Asylsuchende wurden gezählt, fünfmal so viele wie 2014. Zum Feindbild der Rechtsextremen gehören Muslime und Juden - aber es sind Geschichtsvergessenheit und Gleichgültigkeit der Vielen in Gesellschaft und Politik, die neuem Unheil den Weg bahnen. Dem müssen KZ-Gedenkstätten als "Lernorte" begegnen; dafür brauchen sie aber mehr Geld, als es dem Freistaat Bayern wert ist. Ohne wissende Erinnerung jedenfalls lässt sich dem Hass nicht Einhalt gebieten.

© SZ vom 02.05.2016
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