Kabarettist Wolfgang Krebs "Wir können nicht alle in München leben"

Wolfgang Krebs in fünf Paraderollen. Am populärsten ist allerdings wohl immer noch sein Edmund Dings... äh... Stoiber (stehend in der Mitte).

(Foto: oh)

Wohl keiner imitiert und karikiert Bayerns Politiker besser als Wolfgang Krebs. Der Kabarettist will mit seiner Kunst das Publikum aber auch zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit aktuellen Problemen wie der anhaltenden Landflucht anregen

Von Interview von Anna-Elisa JAkob

Wolfgang Krebs schlüpft in die Rollen von Markus Söder, Hubert Aiwanger, Edmund Stoiber und weiteren Charakteren der bayerischen Politik. An diesem Donnerstag tritt er mit seinem neuen Programm in Dachau auf. Die SZ hat am Telefon mit dem Kabarettisten über den Findungsprozess zu seinen Charakteren gesprochen, über die Macht der Satire - und über seine persönliche Sicht auf die bayerische Politik.

SZ: Politiker erfinden sich ja ständig neu, gerade möchte Markus Söder sich und die CSU komplett umkrempeln. Kommen Sie da überhaupt noch hinterher?

Wolfgang Krebs: Da muss man schon immer wachsam sein. Meinungen ändern sich, Haarschnitte ändern sich. Ist Ihnen aufgefallen, dass sich Söder seit dem Tag, an dem er Ministerpräsident geworden ist, seine Haare anders legt? Das sind so kleine Dinge. Ich versuche da sehr genau zu sein. Jeden Trend kann man aber auch nicht mitmachen. Es hängt für mich auch davon ab, wie das Publikum den Politiker sieht.

Macht das Publikum eine Neuerfindung so leicht mit?

Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe eine höhere Medienpräsenz als mancher Politiker durch meine Auftritte bei Bayern 1 und "quer". Bei beiden Sendungen sind es mehr als eine Million Zuschauer, die überwiegend aus Bayern komme. Damit kann man Personen auch voranbringen. Den Aiwanger habe ich dort ständig mit dabei - und so wie ich ihn dort spreche, erkennen ihn die Zuschauer später wieder, wenn sie ihn wirklich sprechen hören.

Finden Sie, dass Sie eine politische Verantwortung haben, je nachdem wie Sie eine Person spielen?

Selbstverständlich. Ich versuche auch nie, etwas unter die Gürtellinie zu treiben oder etwas völlig Abstruses zu machen. Es geht darum, dass sich die Leute mit Politik beschäftigen. Das steht bei mir über allem. Natürlich mache ich manchmal auch sehr lustige Sachen, die dem Originalpolitiker nicht einfallen würden - aber das ist ja auch das Ziel: dass sich die Bürger durch meine Kunst mit der Politik auseinandersetzen. Und das sollte themengetrieben sein, nicht nur polemisch.

Ihr aktuelles Stück behandelt die Diskrepanz zwischen Stadt und Land in Bayern. Ein Thema, das Sie aufgrund der Ergebnisse der Landtagswahl aufgegriffen haben?

Ja, definitiv. Ich glaube, wir müssen uns in Bayern überlegen, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen. Den Trend gibt es ja schon länger, Horst Seehofer hat ja damals das Heimatministerium aus genau diesem Grund eingeführt: damit nicht alles nur in der Landeshauptstadt stattfindet. Selbst wenn man sich so kritisch mit der bayerischen Politik auseinandersetzt wie ich, fällt einem schon auf, dass dieser Schritt richtig ist. Nicht alle Bayern können in München zusammenleben, viele pendeln jeden Tag in die Landeshauptstadt. Man könnte das deutlich besser machen: mit einem Recht auf Homeoffice, das zum Beispiel gerade von der SPD gefordert wird.

Das heißt, die Aussage Ihres Stücks soll sein: "Bleibt auf dem Land"?

Ich kann schon verstehen, dass junge Leute in die großen Städte wollen. Ich glaube aber nicht, dass dieses Lebensmodell alle Menschen glücklich macht. Wir dürfen das Land nicht vergessen und müssen dafür sorgen, dass man dort gut leben kann. Ich sage nicht, dass jeder auf dem Dorf bleiben muss, aber manche Menschen sind einfach gezwungen, in der Stadt zu leben, weil dort ihr Arbeitsplatz ist. Das könnte man entzerren.

Sehen Sie da die Unternehmen in der Verantwortung?

Ja, aber auch die Politik muss die richtigen Voraussetzungen schaffen. Es kann ja nicht sein, dass die beste Breitbandtechnologie 5G jetzt wieder zuerst in München eingeführt wird und nicht auf dem Land außenrum. Wenn Sie so wie ich oft durch Bayern fahren, kommen Sie an Flecken, die keinen Mobilfunk haben und kein Digitalradio empfangen. Das ist ja alles vorsintflutlich! Da muss die Politik viel schneller sein.

Merken Sie, dass diese Themen Ihr Publikum auf dem Land und in der Stadt unterschiedlich bewegen?

Das kommt immer darauf an, aber ich spreche vor jeder Aufführung mit dem Hausmeister oder Leuten, die ich so treffe. Oft kenne ich Orte auch schon, dann passe ich mein Programm dementsprechend an. Es nützt ja nichts, wenn ich im hintersten Allgäu einen Witz über Starbucks mache - wenn es den im Allgäu gar nicht gibt.

Sie haben also unterschiedliche Programme für unterschiedliche Regionen?

Nein, das wird nur minimal angepasst. Aber ich versuche, lokale Dinge einfließen zu lassen, soweit es möglich ist.

Haben Sie sich für Ihren Auftritt in Dachau schon Gedanken gemacht?

Das kann ich leider noch gar nicht sagen, gerade schlamper ich ein bisschen. Ich bin gerade in Berlin auf der Berlinale. Aber es kommt bestimmt auch in Dachau etwas Lokales, das ist mir total wichtig.

Was reizt Sie an den Charakteren, die Sie spielen?

Das Verhältnis, wie diese Personen zur Macht stehen. Ich merke immer wieder, dass ich als Horst Seehofer ganz anders auf der Bühne stehe als als Edmund Stoiber oder Markus Söder. Was alle vereint, ist der Drang zur Macht. Ich möchte herausspüren, was die antreibt und wie sie Menschen begeistern können. Während wir gleichzeitig auch sehen, dass uns der zunehmende Nationalismus in eine Sackgasse treibt. Was hat uns denn die AfD bisher im bayerischen Landtag gebracht außer Krawall? Außer Bösartigkeit und Angstschüren ist da thematisch nichts vorgeschlagen worden. Auch das greife ich auf. Das heißt: Bei mir macht das immer der Edmund Stoiber, der spricht immer solche mahnenden Worte.

Gibt es unter Ihren Figuren einen Publikumsliebling?

Ich glaube schon, das ist vor allem der Stoiber. Aber neuerdings auch der Hubert Aiwanger. Der kommt auch bald auf die Bühne und wird voll in das Programm integriert, da fehlt mir aber noch die Perücke, die wird gerade erst angefertigt. Ob das bis zu meinem Auftritt in Dachau klappt, kann ich noch nicht versprechen - aber es gibt den Aiwanger trotzdem schon phonetisch zu hören.

Wie lange brauchen Sie, um einen Charakter so zu verinnerlichen, dass Sie ihn spielen können?

Bis ich jemanden so spielen kann, dass ich mich traue, damit auf die Bühne zu gehen, eigentlich drei Wochen. Manchmal muss es auch schneller gehen, weil ich ja immer in der Sendung "quer" dabei bin. Da kann es schon mal sein, dass die mich am Tag davor anrufen und sagen: "Morgen brauchen wir den, kannst du den spielen?" Dann beschäftige ich mich eben so lange es geht mit der Person. So musste ich schon mal Theo Waigel spielen oder Erich Honecker. Aber auch an meinem Aiwanger arbeite ich noch und an meinem Söder, da bin ich noch nicht ganz zufrieden. Weil man immer wieder etwas Neues hört und dann denkt, da muss ich doch mit der Stimme noch etwas rauf oder runter. Bis das wirklich sitzt, dauert das schon ein Jahr.

Dafür hören Sie sich vor allem Reden der Politiker an?

Ja genau, ich höre viele Reden an. Als ich vor einiger Zeit mit Aiwanger begonnen habe, habe ich mir im Auto eine 45 Minuten lange Gillamoos-Rede von ihm angehört. Das war schon sehr erstaunlich, wie unterschiedlich er über manche Themen denken kann. Was er damals alles gesagt hat, wie er gegen die Regierung vorgehen will - und jetzt ist er selbst Teil der Regierung. Da sind wir ja alle gespannt, was er da macht.

Wolfgang Krebs: "Geh zu, bleib da!" am Donnerstag, 14. Februar, 20 Uhr, im Thoma-Haus Dachau. Karten zu 25,90 und 27,90 Euro sind im Vorverkauf bei der Dachauer Rundschau, der Tourist-Information der Stadt Dachau und bei München Ticket (089/54 81 81 81, www.muenchenticket.de) erhältlich sowie an der Abendkasse von 19 Uhr an.