Fünfkirchner Strasse:Leserbrief

Stadt übernimmt Verantwortung

Zum Artikel "Niemand wurde gekündigt" vom 4. Juni:

Der Stadt Dachau fehlende soziale Verantwortung vorzuwerfen, finde ich an dieser Stelle nicht gerechtfertigt. Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass es für viele, vor allem ältere Menschen sehr, sehr schwierig ist, nach so vielen Jahren ihre gewohnte Umgebung aufgeben zu müssen. Dabei geht es nicht nur um finanzielle Aspekte, sondern auch um die emotionale Belastung. Veränderung in dieser Größenordnung macht Angst.

Dennoch müssen wir manchmal unseren Blickwinkel etwas erweitern. Ich nehme das Beispiel von Herrn Winter: Da wohnt eine ältere Dame schon lange allein in einer Wohnung, in der sie mal mit ihrem Mann und ihren Kindern gewohnt hat. Das zeigt, dass die Wohnung groß genug für eine Familie mit Kindern ist, von denen sicherlich viele auf solch eine Wohnung warten. Dennoch durfte sie jahrelang weiterhin hier leben. Der Neubau, der durchaus sinnbringend und verantwortungsbewusst erscheint, wird das sicherlich ändern. Warum wird da das Wort "eingepfercht" benutzt, wenn jemand allein in einer Ein-Zimmer-Wohnung lebt? Was sollen dann all die Menschen sagen, die z.B. in Pflegeheimen leben oder mit drei Kindern in einer Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnung? Und ist die Stadt wirklich dafür verantwortlich, dass der Umzug, Neueinzug etc. vonstatten geht? Wo sind denn da die Kinder, die aus der Wohnung ausgezogen sind? Und braucht man wirklich neue Möbel, wenn man sich verkleinert? Etwas altes Vertrautes tut doch auch gut.

Verantwortungsbewusst und durchaus sinnbringend ist es doch auch, Familien mit weniger Einkommen Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Die berufstätigen Eltern zahlen Steuern, was der Stadt wiederum zugute kommt (mal pragmatisch betrachtet), sie zahlen in die Rentenkasse, Pflegeversicherung etc. ein (von der auch die alte Dame profitiert) und wir wünschen uns, dass die Kinder im erwachsenen Altern das ebenso leisten - wenn sie in einem gesunden Umfeld aufwachsen können. Das ist der Kreislauf!

Noch zwei Perspektivwechsel: Schauen wir doch mal darauf, was war. Sagt irgendjemand "Danke, liebe Stadt Dachau, dass ich 20 Jahre zu so einem geringen Mietpreis in dieser Wohnung leben durfte"? Davon habe ich nichts gehört! Die Wertigkeit dessen scheint ins Nichts zu verschwinden, scheint selbstverständlich? Und: ich sehe viele junge Menschen, häufig Berufsanfänger, die sich gerne von ihrem Elternhaus ablösen und einen eigenen Wohnraum beziehen möchten - gibt es für diese Generation in unserem miethochpreisigen Raum bezahlbaren Wohnraum oder Unterstützung dafür? Da kann doch die ältere Dame froh sein, dass sie diese soziale Leistung über diesen großen Zeitraum nutzen durfte und auch in Zukunft nicht im Stich gelassen wird, wenn sie den Bedarf hat! Ich sehe hier keine fehlende soziale Verantwortung. Christine Weindel-Wörl

© SZ vom 08.06.2021
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