Eigenständiges Theaterstück Odyssee mit Listen und Finten

Regisseur Ansgar Wilk hat für das Hoftheater Bergirchen ein Heldenepos kreiert, das eigentlich gar keines ist. "Die Geschichte der Odyssee" trifft einen zeitgenössischen Geist und zeigt einen Protagonisten im Zwiespalt mit sich selbst. Das Ergebnis ist ein spannungsgeladenes und auch lustiges Drama

Von Dorothea Friedrich, Bergkrichen

Man nehme: Einen eigentlich unfassbaren Stoff der Weltliteratur, rühre ihn gründlich um, peppe ihn mit witzig-klugen Zutaten, einem stimmigen Bühnenbild, sphärischen Tönen sowie einem famosen Ensemble auf - und schon wird aus den Irrfahrten des griechischen Helden Odysseus ein zeitlos aktuelles Stück über Macht und Ohnmacht, über Leichtsinn und Verantwortung. So geschehen am Samstagabend bei der Premiere von "Die Geschichte der Odyssee" im Hoftheater Bergkirchen. Geschrieben hat das "Theaterstück nach Homer" Ansgar Wilk, der auch Regie führt und sich als rachelüsterner Gott Poseidon, als Schatten des Agamemnon und als Usurpator Antinoos die echt fiesen Rollen im Bühnenbild von Ulrike Beckers und die Musik von Max. I. Milian ausgesucht hat.

Die charmanten und hingebungsvollen Darbietungen von Ansgar Wilk als Poseidon, Jürgen Füser als Zeus und Lisa Wittemer als Athene machten das Stück zu einer besonderen Reise durch diese Adaption einer wahrhaft unendlichen Geschichte.

(Foto: Toni Heigl)

Diese Odyssee ist keine Adaption einer wahrhaft unendlichen Geschichte, sondern ein eigenständiges Werk. Womit die Premiere zur veritablen Uraufführung wird, auch wenn das im Programm mit keinem Wort erwähnt wird. Wilk zeigt Odysseus als janusköpfigen Mann, als Getriebenen und Antreiber, als Verführer und nur allzu leicht Verführbaren. Weshalb auf der Bühne auch Odysseus eins und Odysseus zwei mit- und oft genug gegeneinander agieren. Jürgen Füser ist der abgeklärte, alternde und sehr müde Held Odysseus eins. Er hat schon alles erlebt und kennt die Auswirkungen seiner (Un-)taten nur zu gut. Robert Gregor Kühn, erstmals im Hoftheater zu erleben - und ein Erlebnis - ist Odysseus zwei, ein egomanischer, testosterongesteuerter Kraftprotz, ein skrupelloser Abenteurer. Erst sein Gewissen, also Odysseus eins, lässt ihn zur Besinnung kommen, lässt ihn erkennen, dass er niemanden außer sich selbst für seine äußeren und inneren Irrfahrten verantwortlich machen kann - auch wenn der halbe Olymp nicht immer ganz uneigennützig in sein Schicksal eingreift. Da ist zum einen Göttervater Zeus (noch einmal Jürgen Füser, der auch als blinder Seher Teiresias überzeugt). Zeus gerät ziemlich in die Bredouille, als sein arroganter, wutschnaubender Bruder Poseidon aufkreuzt und Odysseus endgültig vernichten will. Hat dieser doch Poseidons Sohn Polyphem geblendet. Gut, dass Göttin Athene die andere Seite der Geschichte kennt - und so wieder einmal ihren Protégé Odysseus rettet. Lisa Wittemer ist eine sehr selbstbewusste Athene, die den Alten im Olymp kräftig Paroli bietet. So wie sie als Kirke, Antikleia, Alkione, Kalypso und Penelope so gar nicht dem gängigen Bild der verführerischen Sirene, der liebessüchtigen Nymphe oder der treuen Gattin entspricht. Sie ist in jeder dieser herausfordernden Rollen eine Kämpfernatur, eine Frau, die sich nicht willenlos ihrem Schicksal ergibt, sondern den Männern durchaus zeigt, wo der Hammer hängt.

Lisa Wittemer war auch als Kirke zu sehen, wie sie Odysseus (Robert Gregor Kühn) umgarnte.

(Foto: Toni Heigl)

Das würde in der Diktion der unzähligen Übersetzungen des Homerschen Epos im 21. Jahrhundert nicht so besonders gut funktionieren. Weshalb eine zeitgemäßen Wortwahl angesagt ist. Und genau das macht den Reiz dieses Stücks aus: Wilk jongliert mit der Sprache, lässt der klassischen Epik ebenso ihren Raum wie modernen Wortschöpfungen. Das Ergebnis ist frappierend: Die Erzählungen von Mord und Totschlag sind von unfassbarer Grausamkeit, die für gewöhnlich als Heldentaten gepriesenen Listen und Finten des Odysseus erweisen sich als riskante, lebensgefährliche Leichtsinnsmanöver. Nicht zuletzt entpuppen sich seine amourösen Ausflüge eher als trieb-, denn als liebesgesteuerte Abenteuer.

Wilk holt also Odysseus vom Heldensockel, macht ihn nahbar, menschlich - und zu einem Spiegelbild der heutigen Gesellschaft. Das bewegt, nicht zuletzt, weil Wilks Odyssee nichts Moralinsaures an sich hat. Sie ist vielmehr mit einer Portion Witz gesegnet. So tanzen etwa die Gefährten des Odysseus (umwerfend: Annalena Lipp und Jonathan Kramer) einen filmreifen Sirtaki auf der kleinen Hoftheater-Bühne oder grunzen als verzauberte Schweine mit Begeisterung vor sich hin. Götterbote Hermes (ebenfalls von Jonathan Kramer gespielt) ist kein olympischer Heros, sondern ein fußkranker junger Mann, der endlich geregelte Arbeitszeiten und eine angemessene Altersversorgung haben will. Annalena Lipp lispelt als blonde Nymphe Briseis im hautengen Kleid als hinreißendes Monroe-Double vor sich hin. Der mächtige Zeus kämpft vergeblich mit den Errungenschaften der Jetztzeit, verheddert sich zum Umfallen komisch in der Strickwolle und scheitert an der Bedienungsanleitung für seinen elektronischen Blitz. Das lässt Zeit zum Auf- und Durchatmen, bevor das Drama seinem bekannten Höhepunkt zustrebt. Athene trickst Poseidon aus, der schäumt vor Wut. Odysseus fällt mit einem letzten Rest seiner gewohnten Überheblichkeit der nicht unbedingt geneigten Gattin Penelope in die Arme ("Soll eine Frau sich zwanzig Jahre aufsparen?") - ein spannungsgeladener Abend geht zu Ende, die Zuschauer sind restlos begeistert.