Christopher-Street-Day Ernste Botschaft, fröhliche Parade

Die Münchner Regenbogen-Community feiert und gedenkt dabei der Opfer homophober Gewalt

Von Thomas Anlauf

Stop killing us!" steht auf schwarzen Schildern, auf anderen "Heute Orlando, morgen München?" Es sind bedrückende Sätze, mit denen am Samstag viele Menschen in München an das Massaker in dem Homosexuellen-Club in Orlando am 12. Juni gedenken. Der Christopher Street Day (CSD) in München ist traditionell nicht nur eine riesige Party, auf der jährlich Zehntausende für die Rechte von Homosexuellen eintreten und die große schwul-lesbische und Transgender-Community in München feiern. Es ist auch eine politische Großdemonstration. Der CSD sei "dieses Jahr auch den Opfern von Orlando gewidmet und allen Opfern von homophober Gewalt weltweit", ruft Veranstalter Thomas Niederbühl von der Rosa Liste. Und mehr Menschen denn je sind der diesjährigen Pride-Parade gefolgt. 86 verschiedene Gruppen und Wagen, 10 000 Teilnehmer und 115 000 Zuschauer säumen am Samstagmittag die Straßen der Münchner Innenstadt. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), der mit Niederbühl und seinem Stellvertreter Josef Schmid (CSU) die Demonstration anführt, ist sichtlich beeindruckt von dem bunten Spektakel: "Das war eine supertolle Parade, die größte, die es je gab!"

"Vielfalt verdient Respekt. Grenzenlos!" ist das Motto des diesjährigen, des 37. Christopher Street Days in München. Das gelte auch für die vielen Flüchtlinge, die in den vergangenen Monaten nach München gekommen sind, sagt Thomas Niederbühl. Seine Kollegin Rita Braaz von der Rosa Liste betont deshalb: "Wir müssen alle Menschen, die zu uns kommen und Schutz suchen, aufnehmen." Deutschland brauche gerade jetzt wieder "eine Vielfalt und Respekt, der alle Menschen einschließt". Denn die Demokratie und die offene Gesellschaft in Deutschland seien "gefährdeter denn je", sagt SPD-Stadtrat Christian Vorländer.

Das betont auch der Wirtschaftsreferent und Zweite Bürgermeister Schmid, der bereits zum fünften Mal am CSD teilnimmt. "Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Toleranz und unser Laissez-faire bewahren", ruft er der Menge am Marienplatz zu. Der CSU-Politiker weiß, dass viele Münchner in der Homosexuellen-Szene skeptisch bis ablehnend der CSU und der CDU gegenüberstehen. Vor einigen Jahren noch wurde er ausgepfiffen. Doch diesmal sind Schmid und seine Parteifreunde ganz selbstverständlich bei der Parade dabei. Erstmals ist sogar ein Wagen des Lesbisch-Schwulen Netzwerks in der CSU dabei. Und für sein Engagement für die Rechte der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender (LGBT) erhält Schmid sogar Lob von Rita Braaz, der Sprecherin des CSD in München: "Dieser Mann hat sich meinen Respekt erworben. Er ist in der CSU, aber versucht, etwas für uns zu tun."

Für die Rechte von Minderheiten einzutreten, ist längst Konsens in der Münchner Stadtpolitik. Oberbürgermeister Dieter Reiter erneuert sein Versprechen, nun auch ein Lesbenzentrum für Münchnerinnen errichten zu wollen. "Wir werden das Ding wuppen", sagt er etwas unmünchnerisch. Auch für die Gleichberechtigung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften setzt sich die Rathausspitze hartnäckig bei der bayerischen Staatsregierung ein, die das bislang ablehnt. Aber er "werde dafür kämpfen, dass es endlich eine totale Gleichstellung gibt", ruft er und erhält tosenden Applaus.

Den erhalten auch die etwa 10 000 Teilnehmer der bunten Parade, die sich am Samstagmittag langsam vom Alten Rathaus über die Maffeistraße und den Altstadtring und das Gärtnerplatzviertel wieder zum Marienplatz bewegt. Wummernde Beats vom Truck der Schwulen, Pop-Klassiker wie "How deep is your love", bis hin zu Anfeuerungsrufen ("Ein Hoch auf uns!") begleiten den Zug der Feiernden. Natürlich laufen Männer in Lack und Leder mit, muskulöse Typen reiten auf aufgeblasenen rosa-weißen Einhörnern. Eine grün gewandete Dragqueen trägt einen ganzen Windkraftpark auf dem Kleid. Eine graue Bavaria mit Lorbeerkranz und regenbogenfarbigem Überwurf wird von einer Gruppe junger Leute in Lederhosen und Dirndl auf einem kleinen Wagen durch die Straßen gezogen. Doch der Großteil der Demonstranten ist erstaunlich normal gekleidet. Da ist der Wagen der Evangelischen Jugend, die unter dem Motto "Gottes Vielfalt verdient Respekt" mitmacht, die SPD hat auf ihren Truck "Keine Macht den Homophoben. Integration für alle!" geschrieben. Auf dem CSU-Wagen wippt Stadtrat Marian Offman mit einer Flasche Wasser in der Hand zu "Let's twist again" und die FDP gibt sich ganz freizügig mit ihrem kommafreien Spruch "Wir treiben's hart zart wild zahm bunt frei".

Schon am frühen Samstagnachmittag hat sich die friedliche Party auf die halbe Altstadt ausgedehnt. Am Rindermarkt drängeln sich Tausende und tanzen und reden. Wer hier durch will, muss Geduld haben. Auch auf dem Marienplatz feiern Zehntausende Münchner mit Touristen, die das Spektakel mit Handykameras festhalten. Am Abend steigt dann zum 14. Mal das Rathaus-Clubbing, und Oberbürgermeister Reiter bittet im Spaß darum, doch noch ein bisschen von seinem Amtsgebäude stehen zu lassen. Thomas Niederbühl, der die Parade seit Jahrzehnten organisiert, tritt am Nachmittag noch einmal auf die Bühne und feuert das Feiervolk an: "Wir waren noch nie so sichtbar und so akzeptiert", ruft der Stadtrat. "Wir können wirklich stolz auf München sein."