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Christian Stückl:Held sein

Der Intendant des Münchner Volkstheaters inszeniert eine seltsame Uraufführung: "Siegfried" von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel

Feridun Zaimoglu und Günter Senkel haben ein Stück geschrieben, Christian Stückl hat es nun inszeniert - die Premiere ist an diesem Freitag im Volkstheater. "Siegfried" ist eine radikale Mythenzertrümmerung, ein Mordsspaß, derb, klug und eine Freude beim Lesen - vielleicht das nächste Kultvolksstück.

SZ: Worin liegt denn der höhere Erkenntniswert von diesem Quatsch?

Christian Stückl: Vor zwei Jahren saßen der Herr Zaimoglu und ich beim Kaffee. Ich hatte eine Sehnsucht nach einem Auftragswerk, und fragte ihn, ob er sich vorstellen könne, eine große deutsche Sagengestalt auf die Bühne zu bringen. Das konnte er. Sich das vorstellen. Das hat dann ein bisschen länger gedauert, als wir eigentlich geplant hatten. Und mei, wir sind umgeben von Stücken, die unseren alltäglichen Schmarrn zum Thema haben. Wieso nimmt man nicht einmal große Stoffe und schaut, was daraus wird. Natürlich hätten wir auch den Hebbel nehmen können, aber dann hätten wir ja kein Auftragswerk gehabt. Im Kern geht es darum: Was bedeutet es, ein Held zu sein? Wie viel Pubertät ist da drin? Ich weiß nicht, ob man darin gleich einen höheren Sinn suchen muss.

War das nicht einmal als Musiktheaterstück geplant?

Ursprünglich wollte ich mal wieder etwas mit Maximilian Brückner und den Riederingern machen. Dann hatte der Maxi aber einen schweren Bandscheibenvorfall, wir mussten den Plan erst einmal beiseite legen und fingen an, in eine ganz neue Richtung zu denken. Wir haben aber viel Musik, es ist eine richtige Band auf der Bühne, mit dem Schlagzeugerin von Ganes und Tom Wörndl, der mit mir schon "Nathan" gemacht hat, als Leiter.

Es klingt aber nicht nach Wagner

Nein, das klingt nicht nach Wagner. Aber mit den Riederingern hätte es auch nicht nach Wagner geklungen.

Ist das lustige Ding für Sie nun auch eine Erholung nach Stücken wie "Nathan"?

Ich hatte im November eine Premiere, eine im Januar, jetzt die im März. Da war es schon gut, dass wir nun auch haben lachen können. Insofern, ja, es war eine Erholung vom Schweren, auch wenn das Stück schwierig auf die Bühne zu bringen ist. Da steht ja zum Beispiel Alberich als Stimme drin. Nur als Stimme erst einmal. Wie funktioniert das denn? Da muss man eine Übersetzung finden. Wir haben viel herumgebastelt, bis wir jetzt, hoffentlich, einigermaßen gut über die Bühne damit kommen.

Das Seltsame an dem Stoff ist ja auch, dass ihn jeder kennt und jeder weiß, was passiert.

Ja, er wird am Schluss umgebracht.

Aber hier nicht ganz.

In dem Stück nicht ganz, das stimmt. Er kommt noch mal. Letztlich ist ja die Art und Weise entscheidend, wie der Stoff, den man kennt, behandelt wird.

Dafür haben Sie, unter anderem, einen Kleinwüchsigen als Zwerg?

Das war Zufall. Er ist ja kein Schauspieler. Jona Bergander ging vor mir in Oberammergau über die Straße, und ich habe ihn gefragt, ob er Lust hat, mit zuspielen. Er stammt aus Kempten, wohnt in Oberammergau neben mir und ist Bildhauer.

Und macht große Statuen?

Na ja. Es ist ja erstaunlich: Es gibt Agenturen für kleinwüchsige Schauspieler. Schauen Sie. Stückl sucht in seinem Handy die Homepage der speziellen Agentur. Da gibt es Schauspieler, Kleindarsteller.

Kleindarsteller ist in dem Zusammenhang ja ein bisschen problematisch.

Da schauen Sie, der hier ist nebenbei zum Beispiel noch der kleinste Fußballschiedsrichter. Jona Bergander suchte ich dann bei Facebook, stellte fest, dass er wahnsinnig sportlich ist.

Ist die Besetzung ein Statement? Bei "Radikal jung" geht es in diesem Jahr ja auch viel um Inklusionstheater.

Zuerst musste ich mir überlegen, wie er damit umgeht. In dem Stück sagt ja andauernd jemand zu ihm "Du Zwerg", "Du Gnom". Der ist 20 Jahre alt, das weiß man ja nicht, wie er das verkraftet. aber jetzt will er gar nicht mehr weg vom Theater. Da gefällt es ihm narrisch gut. auch wenn er noch sehr schüchtern ist. Alberich muss ja auch die ganze Zeit schimpfen, das muss man erst einmal aus sich rausbringen. Wir haben ja auch überlegt, ein Schauspieler spielt den Alberich auf Knien. Aber so ist es von der Wirkung schon gut. Wir dachten einfach: Das probieren wir jetzt.

Christian Stückl in Oberammergau, 2014

Seit 2002 ist Christian Stückl Intendant des Münchner Volkstheaters, wo er zuletzt Lessings "Nathan der Weise" inszenierte.

(Foto: Johannes Simon)

Und wer spielt die Steine schmeißende Brunhild?

Robert Bartl.

Ah, ja das leuchtet ein. Keine Angst vor einer Freakshow?

Nein, wir sind da eigentlich ganz normal. Oliver Möller etwa spielt Randgriör, Brunhilds Zofe. Nein, wir dachten, das tut dem Ganzen ganz gut, wenn man es ein bisschen überzieht. Die meisten spielen ohnehin mehrere Rollen, ich glaube, die Besetzung geht ganz gut auf.

Klingt alles irgendwie nach dem nächsten Kultstück.

Na ja, irgendwann kommt man an dem Punkt, da sagt man sich: Jetzt bin ich schon so lange da, jetzt müssen wir mal neue Stücke erfinden, sonst müssen wir wieder von vorne anfangen.

In einer Hinsicht bleibt ja doch immer alles gleich: der "Brandner Kaspar" feiert am 7. April sein zehnjähriges Jubiläum. Hätten Sie vor zehn Jahren gedacht, dass Sie in zehn Jahren das Stück immer noch spielen werden?

Wir wollten ja damals ganz etwas anderes machen, nämlich mit den Riederingern zusammen die "Dreigroschenoper". Davor hatten wir ja "Räuber Kneißl" und "Geierwally" gemacht. Dann war Dieter Dorn ans Bayerische Staatsschauspiel gewechselt, und meinte in der Zeitung, ich sollte einen neuen "Brandner Kaspar" machen, der passe zum Volkstheater - die uralte Inszenierung war ja abgesetzt. Daraufhin schrieb ich Dorn einen Brief, er solle sich doch bitte um seinen Spielplan kümmern, aber nicht um meinen. Da war ich erst mal grantig.

Aber wie kam es dann doch zum "Brandner"?

Wir waren in der Vorbereitung zur "Dreigroschenoper", hatten einen Musiker beauftragt, die Musik neu zu arrangieren. Und da sagte der Suhrkamp-Verlag: Wir dürfen nicht. Also, was sollten wir machen? Die Riederinger hatten sich Zeit genommen, die Schauspieler - da beschlossen wir, jetzt lesen wir ihn halt doch mal, den blöden "Brandner". ja, und dann konnte ich mir gut vorstellen, dass der Maxi Brückner den Tod spielt, als junges Gegenbild zum Toni Berger, der den ja so lange gespielt hat. Ja, dann haben wir das halt gemacht. Dass es dann zehn Jahre werden würden, daran hat niemand gedacht. Jetzt haben wir bisher 280 Vorstellungen.

© SZ vom 27.03.2015
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