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Chancengleichheit:Fair fördern

Erdal Tekin engagiert sich im Aelius Förderwerk. Seine Motivation zieht er vor allem auch aus seiner eigenen Bildungsgeschichte.

(Foto: Gentrit Fazlija)

Erdal Tekin leitet ein Bildungswerk für Schüler

Von Annika Essmann

Erdal Tekin, 23, lacht von einem Ohr zum anderen, wenn er über die Vereinsarbeit erzählt. Neben seinem Maschinenbaustudium steckt er all seine Energie als Vizevorstand in das Aelius Förderwerk, das sich für faire Bildungschancen einsetzt. Seine Motivation dafür zieht er nicht nur aus dem herzlichen Vereinsteam, sondern vor allem aus seiner eigenen Bildungsgeschichte.

Erdal liegt dieses Thema so sehr am Herzen, weil er ähnliche Schwierigkeiten erlebt hat. Ein Blick auf seinen Lebenslauf zeigt einen geradlinigen Weg: Grundschule, Gymnasium, Studium, aber: "Das war harte Arbeit. Auch ich musste einige Hürden überwinden." Er besuchte eine Grundschule, in der "Kinder mit Migrationshintergrund überrepräsentiert waren" und meistens aus Nicht-Akademiker-Haushalten stammten. Später wechselte er als einer der wenigen auf ein Gymnasium und jetzt ist er der Erste in seiner Familie, der studiert.

Seine Eltern übten "einfache Berufe" aus, wie er sagt, und sie unterstützten ihn so weit wie möglich. Dennoch konnten sie ihm häufig nicht helfen. "Hausaufgaben, Fächerwahl, Berufsorientierung. All das musste ich allein regeln", sagt Erdal mit festem Blick, die rechte Hand in der Hosentasche.

In einem ernsten Ton fährt er fort: "Im Idealfall hängt der eigene Bildungserfolg nicht von äußeren Begleiterscheinungen ab, sondern nur von den persönlichen Leistungen." Allerdings sei dies heutzutage noch immer nicht der Fall, bekräftigt Erdal. "Ich kenne Menschen in meinem Umfeld, die das Potenzial für ein Studium hatten, dann aber sehr viele Umwege gehen mussten. Dieser Weg hätte geradliniger sein können", sagt Erdal.

Ein geradliniger Bildungsweg sei einer ohne unnötige Steine im Weg, denn jeder solle die Chance haben, seine Talente zu entdecken. Viel zu häufig hänge der eigene Bildungsweg von den finanziellen und nicht-finanziellen Ressourcen der Eltern ab. Können sie für Nachhilfe zahlen? Können Verwandte Fragen zu Ausbildung oder Studium beantworten?

Das Aelius Förderwerk möchte genau dieser Ansprechpartner für Schüler von der 8. Klasse an sein. Der Verein hat momentan Regionalgruppen in München und Nürnberg. Er bietet zum Beispiel ein ideelles Förderprogramm aus kostenlosen Seminaren, die allen offen stehen. Die Seminare umfassen etwa wissenschaftliches Arbeiten oder einen Besuch im DNA-Labor. Erdal erfuhr vom Förderwerk direkt nach dessen Gründung 2017 durch Sagithjan Surendra und Gentrit Fazlija und für ihn war sofort klar: "Diese Idee gibt es noch nicht, aber dafür gibt es Bedarf. Ich will mich auf jeden Fall einbringen!" Er hat die Hürden seiner Bildungsgeschichte gemeistert. Jetzt möchte er anderen dabei helfen, ebenfalls ihre Ambitionen zu verfolgen.

Er ist seit Anfang 2019 dabei und inzwischen Vizevorstand - damit hat er sich sogar selbst überrascht. "Ich bin eigentlich jemand, der Schritt für Schritt denkt", sagt er augenzwinkernd. Er stecke sich Ziele, die greifbar seien, wie der nächste Stein, um einen Berg zu erklimmen. Er habe wirklich nicht absehen können, dass er sich so effektiv einbringen könne.

Der Verein hat inzwischen mehr als tausend Schülerinnen und Schüler mit seinen Seminaren erreicht und Mitte Oktober hat er den Engagement-Preis der Studienstiftung des deutschen Volkes gewonnen. "Die Rückmeldung von unseren Workshops war einfach überwältigend!", sagt Erdal lächelnd. Das Lachen breitet sich auf seinem ganzen Gesicht aus, als er über einen Nachhaltigkeits-Workshop berichtet: "Es war einfach beeindruckend, den Lernprozess zu verfolgen. Am Anfang wollten die Schüler wissen, warum CO₂ schädlich fürs Klima ist. Und am Ende fragten mich viele, was ich in meinem Maschinenbau-Studium mache, das sich auf Energiesysteme fokussiert." Ebenso beeindruckt ist Erdal von den Träumen der Schüler, die sich für das Mentoringprogramm bewerben. "Ich merke richtig das Feuer, die Passion, wenn ich die Schreiben lese!"

Zusätzlich ist die Vereinsarbeit etwas, was für manch anderen vielleicht auch der Sport ist: Man bekommt den Kopf frei. "Die Arbeit gibt mir einfach Kraft, weil sie sinnstiftend ist", sagt Erdal. Durch das Engagement und den Austausch mit neuen Menschen könne er sich entspannen, erklärt er. "Wenn ich mal keinen Nerv für die Uni habe, dann mache ich was für den Verein." Diese hohe Motivation gibt er an sein Team weiter und erhält sie in gleichem Maße zurück. "Das Team kann wirklich nicht zu hoch eingeschätzt werden", betont Erdal. Es sei eine Gruppe aus sehr interessanten Menschen, von denen er immer wieder etwas lernen könne. Für das Jahr 2020 plant das Team nun, seine Arbeit auf andere Bundesländer auszuweiten. Und wer weiß, vielleicht überrascht sich Erdal dabei wieder selbst.

© SZ vom 25.11.2019
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