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Bilder einer Krise:Geschlossene Gesellschaft

Wer durch die Stadt läuft, hat das Gefühl eines immerwährenden Sonntags. Die meisten Läden haben seit Wochen zu, die Leere wirkt manchmal fast gespenstisch

Ein Spaziergang durch die Stadt fühlt sich in diesen Tagen an wie ein Sonntag, der einfach nicht enden will. Leere Straßen, verwaiste Geschäfte überall. Im Dönerladen an der Sonnenstraße ist das sonst sperrangelweit geöffnete Fenster am Tresen nur einen Spalt breit zur Seite geschoben. Mehr Kontakt soll nicht sein. Es kommen ohnehin kaum Kunden, niemand will stehen bleiben für einen Veggie-Döner. Im Vorübergehen ein rascher Blick auf die Fototapete von einem italienischen Küstenort im Eiscafé. Urlaub im Süden? Weit weg.

Wer etwas besorgen muss, bringt es rasch hinter sich. Die wenigen Passanten, die sich begegnen auf den Straßen und Plätzen, umkurven sich in weitem Bogen. Da fallen die Unvernünftigen umso mehr auf, die es immer noch gibt. Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit halten sie für Quatsch. Die Regeln sind aus ihrer Sicht für die Ängstlichen. Für die Vernünftigen, sollte man ihnen zurufen.

Und wer ohnehin am Rand der Gesellschaft steht, hat nicht mehr viel zu verlieren. Im Westend zieht ein Obdachloser sein Wägelchen mit seinen Siebensachen hinter sich her und bittet Menschen, die hinter halb geöffnete Autofenstern vor einer Ampel warten, um einen Obulus. Wer sollte ihm auch sonst etwas zustecken? Das Leben steht beinahe still in München, und würden die Menschen nicht um ihre Gesundheit fürchten und die Ladeninhaber um ihre Existenzen, die Atmosphäre hätte etwas Feierliches.

© SZ vom 08.04.2020 / chro
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