Betreuung von Suizidgefährdeten Der letzte Halt

"Was macht überhaupt noch Sinn?" Tobias Klein wollte sich aus Verzweiflung das Leben nehmen. Hilfe fand er bei der "Arche".

Von Monika Maier-Albang

Fünfzehn Jahre lang hat er gekämpft, sagt Tobias Klein. Hat gemeinsam mit seiner Frau versucht, den Schuldenberg abzutragen. Zwei Immobilien hatte das Ehepaar gekauft, als Wertanlage und zur Vorsorge fürs Alter, in einem schönen Dorf mit Wellnessbad und Skilift.

Wenn das Leben keinen Sinn mehr hat: 1400 Menschen in einer akuten Krise suchen jedes Jahr die Arche auf.

(Foto: Foto: dpa)

Aber rasch stellte sich heraus: Keiner wollte in dem Viertel wohnen, verrufen sei es im Dorf, sagt Klein - nur wusste er als Münchner das nicht. Die Bank, der Makler, "die haben uns auflaufen lassen". Trotzdem hat er, so sagt er selbst, "diszipliniert weitergearbeitet", sparte an allem bis auf den Urlaub jedes zweite Jahr.

Wenn sie gar nicht mehr wegfahren könnten, würde ihnen die Kraft ausgehen, hatten Tobias Klein (Name von der Reaktion geändert) und seine Frau befürchtet. Dann wurde Klein krank, verlor seine Arbeit, musste seine Wohnung zwangsverkaufen. Kontopfändung. Und auf einmal war es so weit, dass er nicht mehr ein noch aus wusste. "Totaler Erschöpfungszustand", sagt der 50-Jährige. Tinnitus, "destruktive Gedanken", eine Autofahrt, bei der er "fast das Bewusstsein verlor".

Er ist in der Lebensmitte, alle Bekannten haben Familie, ein Haus, machen tolle Reisen. Und in seinem Kopf drehte sich nur die Frage: "Was macht überhaupt noch Sinn?"

Schließlich war es eine Frau, die ihm riet, sich professionelle Hilfe in der Arche zu holen, einer Beratungsstelle, die Menschen in Lebenskrisen auffangen will - und verhindern, dass sie sich das Leben nehmen. Wenige Tage nach seinem Anruf bekam Klein einen Termin. "Herzlich und professionell" sei er aufgenommen worden und er habe von Anfang an das Gefühl gehabt: "Die verstehen, wie es in meiner Seele aussieht und was sich in meinen Gedanken abspielt."

Wende nach ein paar Gesprächen

1400 Menschen in einer akuten Krise suchen jedes Jahr die Arche auf. Die meisten leiden nicht an einer schweren psychiatrischen Störung, sondern verzweifeln an ihrer Lebenssituation, an einer Trennung, einer Krankheit, dem Verlust des Arbeitsplatzes oder auch "nur" an schlechten Noten.

Manche haben konkrete Suizidgedanken, andere verspüren eine nicht minder gefährliche Sehnsucht nach einer "Lebenspause", wie der Geschäftsführer der Arche, Hans Doll, es ausdrückt. Einige haben bereits einen Suizidversuch hinter sich, der gleichsam ein Hilfeschrei war.

In der Arche, die in schönen Altbauräumen in Schwabing untergebracht ist, kümmert sich ein Team aus Psychologen, Sozialpädagogen, Juristen und Ärzten um diese Menschen. Sie bieten so rasch es geht einen Gesprächstermin an und sondieren, welche weiterführende Hilfe die richtige ist: der Gang zum Therapeuten, in eine Selbsthilfegruppe, eine psychosomatische Klinik, zum Schuldner- oder Eheberater.

Eine erste, rasche Krisenintervention will die Arche bieten. Und Tobias Klein war überrascht, dass "schon ein paar Gespräche" eine Wende bringen können. Dreimal war er in der Arche - inzwischen sind die dunklen Gedanken gewichen.

Nicht immer aber finden Betroffene rechtzeitig den Weg zu den Beratern, und nicht jeden können die Helfer retten. In München sterben pro Jahr rund 200 Menschen durch Suizid. Die Zahl sinkt erfreulicherweise seit Jahren - Experten vermuten, dass der Ausbau der Beratungsangebote dazu beigetragen hat; aber auch die Zurückhaltung der Medien, die seit Jahren nicht mehr berichten, wenn ein Lebensmüder sich vor die Bahn wirft oder vom Dach stürzt. "Wir haben seitdem deutlich weniger Nachahmungstäter", sagt Doll.

Die tatsächliche Zahl der Menschen, die sich das Leben nehmen, liegt, so schätzen die Fachleute, zwischen zehn bis 40 Prozent höher als die Statistik offenbart. Oft lässt ein Suizid sich nicht mit Sicherheit nachweisen, etwa bei einem Verkehrstoten, der gegen einen Baum gefahren ist, bei einem Drogenabhängigen, der sich den goldenen Schuss absichtlich gesetzt hat. Und auch bei älteren Menschen ist manchmal nicht zu klären, ob sie ihre Medikamente versehentlich oder aus Berechnung zu hoch dosiert oder abgesetzt haben.