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Bayerischer Modellversuch:Das Tablet ersetzt die Lesefibel

Die Grundschule an der Gänselieselstraße in Waldperlach erprobt seit Jahren, wie sich moderne Medien in den Unterricht einbauen lassen. Dabei geht es um mehr als nur den Einsatz von Technik. Besondere Programme sollen den Kindern beim individuellen Lernen helfen

Die Kinder kichern kurz. Viel zu groß sei der Frosch geraten. Gleiches gelte für den Brunnen. Und die Prinzessin, die habe ja gekichert. Nein, diese Szene müssten sie noch einmal üben. Ganz freiwillig. Zusammen mit Lehrerin Lavinia Diewald sitzen die vier Mädchen und Jungen um einen runden Tisch, Förderunterricht steht auf dem Stundenplan. Viel haben sie schon geschafft: Sie haben die Hauptfiguren aus dem Märchen "Der Schlosskönig" ausgeschnitten, diese fotografiert und in ihr Schul-Tablet eingepflegt. Jetzt spielen sie die Geschichte mit verteilten Rollen nach: Mit ihren Finger bewegen sie die Figuren, das Gerät zeichnet ihre Stimmen auf. Gleich danach können sich die Kinder ihr Werk auf dem iPad anschauen.

Was nach einem besonderen Projekt klingt, ist Alltag an der Grundschule an der Gänselieselstraße in Waldperlach. Seit nunmehr 13 Jahren arbeitet die Schule am Stadtrand an ihrem Konzept zur Medienbildung. Davon soll jetzt ganz Bayern profitieren. Der Modellversuch, zu dem die Stiftung Bildungspakt Bayern die Gänselieselschule und 19 andere Schulen zugelassen hat, heißt "Digitale Schule 2020". Die Schulen sollen herausfinden, welchen Mehrwert digitale Medien im Unterricht haben und wie sie für alle Fächer und in allen Jahrgangsstufen genutzt werden können - so dass alle Schüler wissen, wie sie PC, Laptop, Tablet oder Smartphone sinnvoll nutzen können. "Wir wollen die Chancen, welche die Digitalisierung bietet, nutzen, ohne die Risiken aus dem Blick zu verlieren", sagt Bildungsstaatssekretär Georg Eisenreich, der auch Vorsitzender der Stiftung Bildungspakt ist.

Wenn von digitalen Medien die Rede ist, denken viele als erstes an schnelles Internet, Wlan und Whiteboards. In der Gänselieselschule sind die Lehrer schon viel weiter. Ihr Ziel: Die Kinder sollen nicht nur Spiele spielen oder Videos konsumieren, sondern sich produktiv mit den Medien auseinandersetzen. Sie drehen ihre eigenen Filme, sie nehmen Fotos auf, sie schreiben Texte, gestalten Buchseiten, lösen Aufgaben. Und sie setzen sich mit Problemen und Gefahren auseinander, mit Mobbing zum Beispiel, mit Fotorechten und Datenschutz.

"Unser Unterricht ist viel individueller geworden", sagt Schulleiterin Irene Gruber. In Mathe und Deutsch arbeiten die Klassen etwa mit einem Programm namens "Snappet". Mit dessen Hilfe können die Schüler in ihrem eigenen Tempo üben. Die Lehrerin sucht die Aufgaben aus, kann schnellere Kindern schwierigere Fragenstellungen bearbeiten lassen und den anderen mehr Zeit geben. Die Aufgaben wählt sie am PC aus, sie werden in Echtzeit auf den Tablets der Kinder freigeschaltet. Die direkte Rückmeldung des Programms motiviert die Kinder, die Arbeit am Tablet macht ihnen Spaß. Und die Mädchen und Jungen, denen die Handschrift schwerfällt, haben endlich Erfolgserlebnisse.

Grundschule an der Gänselieselstraße 33. Die Schule ist vorbildlich in der Medienbildung und ist daher eine der Netzwerkschulen im bayernweiten Projekt Digitale Schule 2020. Digitaler Unterricht.

Mit Förderlehrerin Lavinia Diewald nehmen die Kinder am iPad kleine Filme auf.

(Foto: Florian Peljak)

Auch fächerübergreifendes Lernen ist mit dem Tablet leicht umzusetzen, wie Lehrerin Katja Krellenberg berichtet. Mit "Book Creator" können die Kinder ihre eigenen Bücher zu einem ganz speziellen Thema gestalten. Als Beispiel zeigt sie ein digitales Werk über Bäume. Die Kinder haben Informationen gesammelt, einen Querschnitt beschriftet. Sie können Bilder einfügen oder mit der Kamerafunktion selbst schießen oder ins Mikrofon sprechen. "Die Kinder lernen dabei viel mehr als wenn sie nur einen Hefteintrag abschreiben. Wer einfügt, reflektiert und gestaltet, merkt sich den Stoff besser", sagt Krellenberg.

Einträge gibt es an der Schule dennoch. Schließlich verbleiben die Tablets in der Schule. Für Proben lernen die Kinder ganz altmodisch aus ihren Heften. Im Modellprojekt wollen Gruber und ihr Kollegium herausfinden, wo die richtige Balance zwischen digital und analog liegt. Denn durch Tablet und Smartphone lernen Kinder nicht automatisch besser oder mehr. "Auf die Mischung kommt es an", sagt Irene Gruber.

Im Computerraum sollen die Kinder das herkömmliche Tippen mit Zehn-Finger-System auf einer Tastatur üben. Das können sie in der Arbeitsgemeinschaft Schülerzeitung tun oder im Unterricht. Die Tische sind alle in einer Reihe angeordnet, so dass die Lehrkräfte die Kinder immer im Blick haben.

Die 4b recherchiert beispielsweise gerade ein sehr aktuelles Thema: die Olympischen Spiele, ihre Geschichte und die unterschiedlichen Sportstätten. Dazu sollen sie aktuelle Infos im Internet recherchieren. Andere schreiben Detektivgeschichten - von Hoteldieben, Skizerstören und Pokalvergrabern. Wer will, kann Fotos einfügen. Und wer nicht weiß, wie das geht, der kann die Lehrerin fragen oder Tipps nachlesen. Die hängen ganz real an der Wand, ausgedruckt auf weißem Papier.

© SZ vom 20.12.2017
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