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Bankgeheimnis:Das Dorf mitten in der Stadt

Alltag wie ein Kaffeeklatsch: Am Alpenplatz in Obergiesing treffen sich junge Familien und kreative Menschen - im September findet dort ein großes Straßenfest statt

Von Gerhard Fischer

Die junge Frau sitzt alleine auf einer Bank am Alpenplatz. Alleine heißt in diesem Fall: ohne andere Erwachsene. Ihre zwei Buben laufen herum und rufen irgendetwas scheinbar Sinnloses - was Kinder halt so tun.

Maria Attenberger, so heißt die Frau, hat nichts dagegen, dass man sich zu ihr setzt. Es hocken sich hier ständig Leute dazu. "Der Alpenplatz hat einen dörflichen Charakter", sagt Attenberger, die mit ihrer Familie am Alpenplatz zu Hause ist. "Oft sind hier junge Mütter, die man kennt - es ist wie ein Kaffeeklatsch; man kommt sich nie einsam oder verlassen vor." Attenberger, 32, stammt aus einem Dorf in Hessen. Als sie vor dreieinhalb Jahren zum Alpenplatz kam, um eine Wohnung anzusehen, fühlte sie sich sofort aufgehoben. Sie dachte: "Das ist es!"

Der Alpenplatz in Giesing wird von Bäumen und Altbauten eingerahmt - und von schönen Kneipen. An diesem Montagnachmittag im August scheint die Sonne, es ist heiß. Die Bäume spenden Schatten. Der Weinhandel hat leider geschlossen. Ein Weißer hätte jetzt gut getan.

"Früher war der Alpenplatz noch nicht so ein Treffpunkt", sagt Attenberger. "Aber im letzten Sommer hat eine Nachbarin hier eine Spielkiste für Kinder hingestellt - und alle anderen haben was rein getan." Sie dreht sich halb nach links herum und deutet auf eine große Kiste. "Da sind jetzt Dreiräder drin, Bobbycars, Hula-Hoop-Reifen und Plastikspielzeug - jeder kann sich bedienen." Manchmal spielen die Buben auf dem Alpenplatz auch Fußball.

Attenberger guckt auf eine junge Frau, die ihren Kinderwagen über den Alpenplatz schiebt. In den vergangenen Jahren seien viele Familien zugezogen, sagt sie. "Es blüht hier auf." Das liege wohl an den Mieten. "Natürlich sind sie auch hier hoch", sagt sie, "aber wenn man Glück hat, findet man, so wie wir, einen netten Vermieter - und außerdem gibt es hier noch erschwingliche Genossenschaftswohnungen, wo dann auch alte Leute leben können; bei uns im Haus gibt es eine Hundertjährige." Maria Attenberger dreht sich noch einmal nach links herum. Da vorne am Eck - diesmal deutet sie zur Tegernseer Landstraße -, da treffe man auch Münchner Originale. Leider ist die Kneipe an diesem Nachmittag geschlossen. Man kann nur einen Blick durchs Fenster werfen. Es sieht drinnen aus, als sei die Zeit stehen geblieben, also, was das Mobiliar angeht. Dunkel ist es. Schlicht. Karg. Urig.

"Es blüht hier auf", sagt Maria Attenberger über den Alpenplatz. Viele Familien wohnen mittlerweile dort in Obergiesing.

(Foto: Gerhard Fischer)

Auf dem Rückweg rät Attenberger, die immer noch auf der Bank sitzt, mit der Wirtin vom Edelweiß zu reden. Die wisse auch viel über diesen Platz und die Leute. Maria Attenberger ist jetzt nicht mehr alleine. Eine andere junge Mutter steht dabei.

Nadia Vasold, die Wirtin vom Edelweiß, ist eine sehr freundliche, sehr bescheidene Frau. "Ich weiß eine viel bessere Gesprächspartnerin für Sie", sagt sie, "die Ruth!" Ruth Feile sei Bildhauerin, illustriere und schreibe Kinderbücher und organisiere das Giesing-Fest am Alpenplatz. Und sie habe hier einen kleinen Laden. "Ich klopf mal bei ihr." Nadia Vasold überquert die Edelweißstraße. Klopft. Dann kommt sie zurück, das Handy am Ohr. "Ruth ist in einem Baumarkt", sagt sie, nachdem sie aufgelegt hat, "aber in einer halben Stunde ist sie hier". Vasold geht in die Kneipe und kommt mit vier Bilderbüchern zurück. "Die hat Ruth gemacht - Sie können sie ja so lange ansehen."

In den Bilderbüchern geht es um die Abenteuer von Papa Bär und Mama Wutz. Mama Wutz ist ein Schwein, aber komischerweise ist sie mit einem Bären verheiratet. Und Kinder haben sie auch gekriegt. Sie heißen Rosi (ein Schwein) und Butz (ein Bär). Manchmal feiern sie Weihnachten, manchmal wollen sie umziehen. Die Bilder sind nicht gezeichnet, sondern gesteppt, gestickt und genäht - und dann für die Bücher fotografiert. Das ist das Besondere.

Nach einer halben Stunde kommt Ruth Feile, 45, mit ihren Kindern und einer Freundin an. Sie setzen sich an den Tisch vor dem Edelweiß. "Das ist unser Wohnzimmer", sagt sie und lacht. "Wir haben da drüben ja nicht nur den Laden, sondern auch unsere Wohnung - und wir gehen manchmal zum Essen hierher." Vom Nebentisch grüßt ein Mann herüber. Man kennt sich.

Am Samstag, 8. September, wird das ganze Viertel feiern - an acht Plätzen in Giesing finden Straßenfeste statt. Feile organisiert für den Gewerbeverein "TeLa aktiv" jenes am Alpenplatz, die Leute vom Edelweiß und vom Alpenhof werden bedienen, Kunsthandwerker und Gewerbetreibende werden ausstellen, Bands werden spielen, die Kinder werden von einem Theaterfriseur geschminkt. "Das geht dann von 12 Uhr mittags bis abends um zehn", sagt Ruth Feile. Real München, die Organisatoren der Gesamtveranstaltung "Ois Giasing", erwarten mehr als 8000 Besucher für das ganze Giesinger Stadtviertelfest.

Ruth Feile am Alpenplatz in Giesing

Auch die Künstlerin Ruth Feile lebt in Obergiesing. Sie organisiert im September das Straßenfest.

(Foto: Florian Peljak)

Giesing habe "sehr viele Gesichter", sagt Feile, es habe raue Seiten und liebliche wie den Alpenplatz - der aber trotzdem typisch sei für Giesing: Es sei hier noch urtümlich, doch die Gentrifizierung sei trotz der Genossenschaftsbauten spürbar. "Es gibt hier inzwischen mehr Grafikbüros als alte, kleine Lebensmittelläden."

Ruth Feile wohnt seit zehn Jahren am Alpenplatz. "Früher fand nicht so viel draußen statt", sagt sie. "Aber vor sieben oder acht Jahren ist der Platz vom Gartenbaureferat umgestaltet worden." Parkbänke seien aufgestellt und das Gehölz geschnitten worden. Die Büsche hatten zuvor auch Wildbiesler genutzt, die vom Nockherberg auf dem Weg zur U-Bahn Silberhornstraße gewesen seien.

Hat sich eigentlich etwas verändert, seit der TSV 1860 wieder im Grünwalder Stadion in Giesing spielt; seit einem Jahr also? Ruth Feile lacht. "Ach, uns stören die nicht", sagt sie. "Und Giesing ohne Sechzger? Nein, die gehören hier unbedingt dazu."

© SZ vom 21.08.2018
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