bedeckt München

Band der Woche:Lyckliga

Die drei Musiker drehen die Zeit zurück in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, doch sie verzichten im Gegensatz zu anderen Vertretern des Neo-Swings völlig auf Elektronik oder Beats

Von Rita Argauer

Vor einigen Jahren erreichte die Retrowelle der Popmusik einen skurrilen Höhepunkt. Die Sehnsucht nach einer Vergangenheit fand mit dem Erfolg von Elektro-Swing einen Bezugspunkt in einer Zeit, in der es das, was man heute unter Popmusik versteht, noch gar nicht gab. Doch die Zwanziger- und Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts locken auf andere Weise: Wenn in der Gegenwart die Kontrolle des Selbst bis hin zum inszenierten Selbst-Design von so großer Bedeutung sind, erscheinen die stilisierten Entgleisungen der Weimarer Zeit reizvoll: Rauchen, Trinken und den Alltag wegtanzen. Der passende Soundtrack dazu findet sich im Swing. Der Klang der alten Aufnahmen wirkt aus der Zeit gefallen. Heute muss Musik in Clubs fetter klingen: Wenn da eine einsame Klarinette herumtrötet, begleitet von einem Kontrabass, der auf einer knapp hundert Jahre alten Aufnahme auch eher kratzig-dünn klingt, holt das keinen vom Hocker. Der Dekaden-Hybrid Elektro-Swing entsteht genau aus diesem Mangel: Alte Jazz-, Charleston-, Lindy-Hop- und Swingaufnahmen werden durch Beats gepimpt. Von unten schiebt der Bass und oben lockt ein anachronistisches Blasinstrument und das ganze Land tanzt darauf.

Der Effekt faszinierte schon bald darauf in die Musikerszene: Wenn solche Hybride derartige Erfolge feierten, müsste das doch auch heute neu herstellbar sein. In der einen Ecke entstand daraus der Balkan-Beat-Sound, es gab aber auch ein paar Bands, wie die Münchner i.n.phonium, die sich an die Live-Band-Umsetzung des Neo-Swings wagten. Der große Erfolg gelang aber weiterhin Musikern wie Parov Stelar, der sich weit mehr als DJ und Produzent, denn als Live-Musiker versteht. Fast wie ein Gegenstück dazu wirkt dagegen das Münchner Trio Lyckliga . Auch diese drei Musiker drehen die Zeit zurück in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, doch sie verzichten völlig auf Elektronik oder Beats. Mit Geige, Cello und Akustik-Gitarre spielen sie ein Grundgerüst aus Gipsy-Jazz, das sie mit Klezmer-Klassikern und Gesang anreichern. Die harmonischen Wendungen, die scharfe Rhythmik an der Gitarre und die bisweilen klagende Streicherlinien erinnern dabei klar vielmehr an die Dreißigerjahre als an 2017.

Kennengelernt haben sich die drei vergangenheitsbewussten Musiker in der Band des Singer-Songwriters Ryan Inglis. Auf dem Weg zu einer Session habe man die gemeinsame Vorliebe für diese alte Jazz-Musik entdeckt. Melodisch und rhythmisch ist das weit weniger kompliziert, als man das dann von den Jazz-Größen der Fünfziger- und Sechzigerjahre kennt. Vielmehr liegt in dieser Musik im Kern noch jüdische und osteuropäische Volksmusik. Doch Lyckliga, was schwedisch in etwa die Glücklichen bedeutet, sind keine reinen Kopisten dieser Musik. Das beginnt bei kleinen Details, wie etwa dem Cello, das im Gipsy-Jazz im Gegensatz zur Geige und Gitarre eher ungewöhnlich ist, und kulminiert gerade in Experimenten der Band mit einer Loop-Station. "Wir wollen unseren Sound noch weiterentwickeln und erforschen", erklärt die Cellistin Elisa von Wallis. Und so zeigen sich Lyckliga nicht nur als eine Art zurückgenommene Ursprungsversion des Elektro-Swings, sondern auch als östliches Gegenstück zu alpinen Neo-Volksmusik-Bands wie Kofelgschroa. Deren Fröhlichkeit weicht bei Lycklida dem melancholischen Einschlag der östlicheren Volksweisen, die trotz aller besetzungsbedingter Zurückhaltung Zug entwickeln. Gerade reist das Trio durch Frankreich, spielt Auftritte in Bars und auf der Straße und begibt sich damit auch in das Wirkungsland Django Reinhardts; dem Gitarristen, der der Musik Lyckligas mehr Pate steht als irgendein Popmusiker.

© SZ vom 28.08.2017
Zur SZ-Startseite