Auf einer Bühne mit Deep Purple Unheilbare Liebe zur Musik

Viktor Magdolen ist Krebsforscher und hilft den Armen im Ärztecamp International in Asien und Afrika. Um Geld zu bekommen, veranstaltet die Organisation Benefizkonzerte - und Magdolen spielt dabei Keyboard

Von Jürgen Wolfram

Wissenschaftler pflegen Rituale, von denen die Öffentlichkeit keine Ahnung hat. Nehmen wir die Winter School von Medizinstudenten und ihren Dozenten. Man trifft sich einmal jährlich im Südtiroler Bergnest Tiers zu einer fünftägigen Klausur. Doktoranden stellen ihre Forschungsarbeiten vor, die Teilnehmer lauschen bis zu 70 Vorträgen. Damit sie nicht völlig ermatten, werden abends alternative Oskars verliehen, Live-Musik hebt die Laune der international besetzten Meetings. Die treibende Kraft bei der Organisation und auf der Bühne, wo er mit der Band InhibiTiers Allstar Band auftritt, heißt Viktor Magdolen. Für den Diplom-Biologen und Keyboarder verbinden sich am Fuße des Rosengarten-Massivs zwei seiner großen Leidenschaften: medizinische Forschung und Rockmusik.

Magdolen, 59, ist ein Teamspieler, ein Kumpeltyp, überzeugt davon, dass die Zusammenarbeit mit Studenten und vertrauten Musikern ihn jung erhält. Den Treffpunkt, einen Münchner Großbiergarten, hat er mit Bedacht vorgeschlagen. Eindeutige Botschaft: Wir machen uns jetzt mal einen gemütlichen Abend. Das Klischee von der professoralen Abgehobenheit löst sich schon bei der Begrüßung in Wohlgefallen auf, ebenso wie bei ihm die anfängliche Scheu vor medialer Zuwendung von jenseits der Fachpublikationen. Jeder Vater erzählt gern von seinen Kindern; Magdolen hat einen fußballbegeisterten Sohn und eine musikalische Tochter.

Die Musik hat ihm einmal ein besonderes Erlebnis beschert: Als Aushilfs-Keyboarder heizte er mit der Vorgruppe Feedback ein Konzert von Deep Purple an. "Mein Auftritt damals, im August 2008 bei der Magic Night of Rock im Tagungszentrum des Klosters Benediktbeuern, war der totale Zufall", erinnert er sich. Der Keyboarder der Vorgruppe war ein paar Tage zuvor auf der Bühne ausgerutscht und hatte sich den Ellenbogen gebrochen. Dringend wurde Ersatz gesucht. Ein befreundeter Gitarrist spielte den Vermittler, und Magdolen kam, nach wenigen Stunden fieberhaften Probens, zu einem unverhofften Auftritt der Extraklasse.

Magdolen macht Musik, nimmermüde: 25 Auftritte pro Jahr schafft er locker.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Unvergesslich geblieben ist ihm die Show von damals gleich aus mehreren Gründen. Zum einen war da der ungewöhnliche Ort für einen Gig, zum anderen geht man nicht alle Tage mit Ian Gillan, Ian Paice & Co. nach einem gemeinsam bestrittenen Rockkonzert zum Essen. Viel geredet habe man nicht miteinander, man sei sich halt erschöpft über den Weg gelaufen, sagt Magdolen. Deep Purple ist schließlich keine Boygroup mehr, forever young bleibt allenfalls ihr Sound. Aber da war noch etwas, das Magdolen nie vergessen wird: Wie sich die legendäre britische Rockband in Benediktbeuern der Unterstützung durch einen führenden bayerischen Geistlichen erfreute. Notker Wolf, zu jener Zeit Abtprimas der benediktinischen Konföderation, hatte zur Gitarre gegriffen und dem Konzert eine kantige Note hinzugefügt. Manche Mönche mögen eben nicht nur Kirchenmusik.

Seit ein paar Jahren treibt den gebürtigen Münchner Magdolen neben Forschung und Musik noch eine dritte Passion um: Er unterstützt die gemeinnützige Organisation Ärztecamp International. Das ist ein Verein, ähnlich den Ärzten ohne Grenzen, nur im Regionalformat. Seine Mitglieder, Ärzte und medizinische Fachkräfte, fliegen in Länder wie Bangladesch oder Togo, um dort Patienten - "die Ärmsten der Armen" - zu behandeln. Dafür opfern sie ihren Urlaub und tragen alle Reisekosten selbst. Zusätzliche Mittel für die Ausstattung von Krankenstationen und Hygiene-Trainingsprogramme generiert das Ärztecamp mit Benefizkonzerten.

Das nächste Konzert steht an diesem Samstag, 24. September, im Fürstenrieder Spectaculum Mundi an der Graubündener Straße bevor. Auf dem Set: die Gruppen InhibiTiers und Blue Traces. Sie stehen für stundenlanges Schwelgen in Rock, Blues, Funk und Soul. In beiden Fällen am Keyboard: Viktor Magdolen. Ein volles Haus, prächtige Stimmung, ein Erlös von 4000 Euro wird erwartet.

Ansonsten ist die Krebsforschung das große Thema von Viktor Magdolen. Was genau er macht im Klinikum rechts der Isar, in der von ihm mitgeleiteten Klinischen Forschergruppe der Frauenklinik der TU München? Sein Fachgebiet ist die experimentelle Gynäkologie. Konkreter: "Wir versuchen, in Tumorgeweben die Konzentration von Enzymen zu bestimmen und davon eine geeignete Therapie bei Brust- oder Eierstockkrebs abzuleiten, die Patientinnen eine Chemotherapie ersparen könnte." Ernstes Thema, und natürlich ist es noch viel facettenreicher, ablesbar schon an der Vielzahl der Kooperationspartner. Beim Laien bleibt haften, dass sich da einer seit Jahrzehnten mit gehörigem Forschungsdrang in ein Kardinalproblem der Menschheit versenkt. Irgendwie beruhigend. Wie die Ausstrahlung des ganzen Mannes.

Magdolen (links) mit einer seiner Bands, mit Simply Soul.

(Foto: Village Habach)

Der Gesprächsstoff geht nicht aus, sitzt man mit Viktor Magdolen am Tisch. Das Verhältnis der Generationen zueinander; die gelegentliche, ärgerliche Geringschätzung der Künstler; die stets euphorische Heimkehr nach München, wenn man längere Zeit im Ausland war (Magdolen hat zwei Jahre in Kalifornien geforscht); das Erreichen der Habilitation (2001). Und immer wieder: die Liebe zur Rockmusik.

Hätte man sich unter diesem Vorzeichen nicht längst mal über den Weg laufen müssen? Neulich bei Warren Haynes auf Tollwood? Bei Eric Clapton und Steve Winwood auf dem Königsplatz? Bei Wishbone Ash im Freiheiz? Oder noch viel früher, in den Siebzigerjahren, als musikalisch alles begann? Für Magdolen in der Schülerband Waldschrat und in der Formation Anonym.

Der Professor war und ist ein Freak, der sich sogar noch an seine allererste Schallplatte erinnert. "Cricklewood Green", Ten Years After, 1970. Nicht nur für ihn selbst, sondern auch für Fans unvergessen: Magdolens Mitwirkung bei Soul Kitchen und der Band Simply Soul. Man sah und hörte ihn auf Festivals wie Tollwood oder Streetlife, im Rockmuseum auf dem Olympiaturm und in der Schrannenhalle, im Village oder im Wirtshaus zum Isartal.

Magdolen wird nicht müde, die Münchner Bühnen zu rocken. 25 Mal pro Jahr steht er Auftritte noch locker durch. Und die wöchentliche Probe im Kupferhaus des Gymnasiums Planegg oder in einem Waldtruderinger Keller prangt unauslöschlich im Terminkalender. Klare Diagnose: Überwältigung durch Musik. Kaum kurierbar.