Auch bei notorischen Schlägern:Aufgeben nicht vorgesehen

Das Projekt Phönix motiviert durch Leidensdruck

Von Tobias Mayr

"Stellen Sie sich vor, Sie drücken eine Zahnpasta aus. Ihre Freundin sagt, sie ekele sich davor. Sie finden aber nichts falsch daran. Wann ändern Sie Ihr Verhalten?" Fragen wie dieser geht Bewährungshelferin Cornelia Schuh-Stötzel schon seit 37 Jahren nach. Verhaltensänderung sei gewiss kein Hobby des Menschen, sagt sie. Das sehe man bei Alltagshandlungen wie Zahnpasta-Ausdrücken genauso wie bei Schlägereien. Im Projekt Phönix arbeitet die Bewährungshilfe an den Landgerichten München I und II mit Gewalttätern, denen ein Teil oder die ganze Haft auf Bewährung erlassen worden ist. Die Delikte reichen von der U-Bahn-Schubserei bis zum Totschlag.

Es sind vermehrt die Älteren, die bei der Bewährungshilfe landen, weil die Jüngeren vom Münchner Informationszentrum für Männer und vom Jugendamt übernommen werden. Einfacher werde die Arbeit dadurch nicht, sagt Cornelia Schuh-Stötzel. "Bis 25 hat man noch die Möglichkeit, den Fuß in die Türe zu stellen, danach wird es immer schwerer, das Verhalten zu beeinflussen", sagt sie. Das liege daran, dass sich das Gehirn im Alter zwischen 15 und 25 Jahren komplett neu orientiere. Das, was an alten Erfahrungen vorhanden ist, sei erst einmal obsolet. Jugendliche seien deshalb oft risikobereiter und "wollen es mal krachen lassen". Die Bewährungshelferin nennt diese Phase "Sturm und Drang". In diesem Alter geschehen die meisten Gewaltstraftaten, aber die Täter schaffen oftmals den Ausstieg.

"Wer sich dagegen mit 50 noch schlägt, bei dem sind die Probleme oft größerer Natur", sagt Schuh-Stötzel. Das seien die schweren Fälle, bei denen es oft viele Therapien dauere, bis die Probanden es schaffen, ihr Verhalten zu ändern. Im Phönix-Programm setzt die Bewährungshilfe dabei auf Gruppentraining. "Soziales Lernen funktioniert grundsätzlich besser", erklärt Schuh-Stötzel. Die Täter nähmen Rückmeldungen über ihr Verhalten aus der Gruppe eher an. In den Trainings werde geklärt, "warum der Proband in dieser bestimmten Situation gewalttätig geworden ist". Anschließend konfrontiere man ihn mit einer ähnlichen Situation. "Erst ist es ein normales Gespräch. Dann erhebt einer die Stimme, beschimpft ihn, tritt ihm ganz nahe, und erst kurz vor der Eskalation wird abgebrochen", berichtet die Sozialarbeiterin. Der Täter merke dabei, wie es sich anfühle, selbst das Opfer zu sein. Daneben sollen die Probanden herausfinden, in welchen Situationen Gewalt ausgelöst wird: Immer, wenn sie betrunken sind? Immer, wenn sie Ärger in der Beziehung haben? Immer, wenn sie provoziert werden?

Nicht immer haben Trainings wie dieses sofort Erfolg - manchmal brauche es drei Anläufe. "Aber beim vierten Mal fruchtet die Therapie plötzlich, und man weiß erst einmal nicht warum", sagt Cornelia Schuh-Stötzel. Denn neben der richtigen Maßnahme brauche es auch immer den richtigen Zeitpunkt. Dieser stelle sich dann ein, wenn der Leidensdruck ein Limit erreicht hat. "Dann sind die individuellen Konsequenzen für mein Verhalten so hart, dass ich die Motivation aufbringe, es zu ändern", sagt die Sozialarbeiterin. Das könnten Trennungsgedanken der Freundin genauso auslösen wie eine drohende verschärfte Haftstrafe.

Bis man diesen Moment gefunden hat, das könne dauern. "Aber in der Bewährungshilfe gibt man niemanden auf", sagt Cornelia Schuh-Stötzel. So will es auch das Gesetz: "Der Bewährungshelfer steht dem Probanden helfend und betreuend zur Seite." Fallen lassen? Nicht vorgesehen.

© SZ vom 15.01.2018
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